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Spoos Presseschau: Deutsche Medien in Springerstiefeln

Die Bild-Zeitung im Krieg gegen Griechenland

17.07.2015

Video:weltnetz.tv
Länge:00:09:29
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Spoos Presseschau: Deutsche Medien in Springerstiefeln

“(…) Immerzu spritzt Bild nationalistisches Gift, zum Beispiel so: „Deutschland hat auch Schulden, aber wir können sie jedenfalls begleichen, weil wir morgens ziemlich früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten.“ Und dann erhebt das Blatt aus dem Springer-Konzern auch noch den Vorwurf gegen Griechenland: „Es erpresst Europa. Mit einem Referendum.“

Ich sehe hinter solchen Kampagnen der Bild-Zeitung den konsequenten Willen, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen. Soziales ins Nationale zu verkehren. Die Opfer der publizistischen Aggression als Täter darzustellen, die Erpressten als Erpresser.(…)“ Eckart Spoo

 

Unter den großen Namen kritischer Journalisten der letzten Jahrzehnte findet sich neben Günter Gaus, Erich Schmitt-Eenboom, Heribert Prantl und Hajo Friedrichs auch zweifelsohne Eckart Spoo. Einst führender Redakteur der Frankfurter Rundschau, heute Herausgeber von Ossietzky -  dem Nachfolgeblatt von Ossietzkys Weltbühne.

Unter der Rubrik „Spoos  Presseschau“ unterzieht er für weltnetz.tv die Berichterstattung der auflagenstärksten Presse in Deutschland einer kritischen Analyse.

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Die Bild-Zeitung, so höre ich gelegentlich, sei nicht ernst zu nehmen. Wer Verstand und Geschmack habe, lehne es ab, sich mit diesem Blatt zu befassen. Leider lässt sich das Problem Bild so nicht lösen. Denn Bild ist die auflagenstärkste Tageszeitung Europas. Wir können uns dieser Macht nicht einfach durch Nichtbeachtung erwehren. Mit ihren fetten Schlagzeilen drängt sie sich uns überall auf, an jedem Kiosk, an dem wir vorbeigehen. Ohne unsere Finger an der vielen schwarzen und roten Farbe schmutzig zu machen, nehmen wir bei bloßem Hinsehen Hetzparolen wie diese auf: „Die Schummel-Griechen machen uns unseren Euro kaputt.“ Man beachte das Wort unseren.

 

Ein anderes Zitat: „Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen.“ Oder: „In Wirklichkeit sind die Griechen doppelt so reich wie wir Deutschen.“ Wir Deutschen. Oder: „Verkauft doch Eure Inseln, ihr Pleite-Griechen. Und die Akropolis gleich mit.“ Oder: „Hört auf zu randalieren, ihr Pleite-Griechen.“

 

Immerzu spritzt Bild nationalistisches Gift, zum Beispiel so: „Deutschland hat auch Schulden, aber wir können sie jedenfalls begleichen, weil wir morgens ziemlich früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten.“ Wir. Und dann erhebt das Blatt aus dem Springer-Konzern auch noch den Vorwurf gegen Griechenland: „Es erpresst Europa. Mit einem Referendum.“

 

Das klingt so, als hätte es ein Kabarettist erfunden, um es satirisch zu überdrehen: … die faulen gierigen Pleite-Griechen, die doppelt so reich sind wie wir und uns beschummeln und erpressen und unseren Euro kaputtmachen. Unmöglich, in dem braunen Schaum, den die Springer-Medien schlagen, einen klaren Gedanken zu finden. Ich sehe hinter solchen Kampagnen der Bild-Zeitung den konsequenten Willen, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen. Soziales ins Nationale zu verkehren. Die Opfer der publizistischen Aggression als Täter darzustellen, die Erpressten als Erpresser.

 

Auch wenn uns das alles noch so aberwitzig erscheint, wir müssen es dennoch ernst nehmen, zumal es auf andere Medien abfärbt – bis hin zu kleinen Provinzblättern wie der Esslinger Zeitung, aus der folgender Satz zitiert sei: „Kein vernunftbegabter Mensch hätte sich vorstellen können, dass Europas Staatenverbund vor einer wirtschaftspolitisch so unbedeutenden Nation den Kotau macht und sich von zwei ideologisch verbohrten Berufsdilettanten namens Tsipras und Varoufakis zum Narren halten lässt.“ Wenn ein deutscher Provinzjournalist sich getraut, eine andere Nation als unbedeutend abzutun, zudem ein Mitgliedsland der NATO und der EU, dann müssen dort ernste Sorgen aufkommen, die sich in Hakenkreuz-Karikaturen ausdrücken.

 

Auch Rundfunkanstalten wie die Deutsche Welle marschieren mit, als wären sie in Springer-Stiefel gesteckt worden. Der Sender ließ einen griechischen Politikwissenschaftler (Levteris Koussoulis) verkünden, die Regierung Tsipras habe immer schon den Plan verfolgt, „das Land zu isolieren und anschließend zu stalinisieren“. Wo solche wissenschaftlichen Weisheiten aufgeboten werden, bleibt wenig  Platz auf den Zeitungsseiten und wenig Sendezeit im Rundfunk, um die Leser, Hörer und Zuschauer beispielsweise über die verheerenden Folgen der von Merkel, Schäuble und anderen Marktradikalen verordneten Austeritätspolitik zu informieren, über die schändlichen Konditionen, zu denen Griechenland eventuell neue Kredite bekommen könnte. Über die bittere Armut, die sich dort ausgebreitet hat. Über die vielen Zigtausende von Flüchtlingen, die aus Asien und Afrika an die griechischen Küsten gelangt sind. Über die Notwendigkeit humanitärer Hilfe: Lebensmittel, Arzneimittel. Für solche Themen interessieren sich unsere Medien kaum.

 

Unsere Medien? Nein, Bild und andere Konzernmedien sind nicht unsere, eben weil sie den Medienkonzernen gehören. Fast alles, was nicht öffentlich-rechtlich ist, gehört diesen wenigen Konzernen. Kein Wunder, dass sie sich inhaltlich kaum voneinander unterscheiden. Die langjährige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer von den Grünen sprach dieser Tage im Hinblick auf den Umgang mit Griechenland von der „monokulturellen Gleichförmigkeit fast aller öffentlich-rechtlichen Medien, der Talkshows und meisten politischen Kommentatoren“. Ähnlich besorgt hatte sie sich vor Monaten schon über den Umgang der Medien mit Russland geäußert. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 15. Juli hielt sie übrigens „ein militärisches Eingreifen“ in Griechenland „nicht mehr für ausgeschlossen“.

 

Wahrheitsgemäße Berichterstattung ist nie so notwendig wie in Zeiten der Krise und des drohenden Krieges. Die Bild-Zeitung aber, deren ganzer täglicher Inhalt so zuverlässig wahr ist wie der des Horoskops, das nie fehlt - die Bildzeitung spielt in solchen Zeiten nie die Rolle des Mediators, des Vermittlers, der sich um gegenseitiges Verstehen bemüht, um friedliche Verständigung, sondern allemal die Rolle des Scharfmachers.

 

Wer ist eigentlich gemeint, wenn Bild soviel von wir, von uns spricht? In welche Gemeinschaft werde ich da einbezogen? Es ist die berühmt-berüchtigte westliche Wertegemeinschaft. Alle Mitarbeiter der Springer-Medien sind arbeitsvertraglich auf die transatlantische Partnerschaft mit den USA verpflichtet, also einseitig auf die NATO. Parteiischer Journalismus ist also gewollt, ist Zweck des Unternehmens. Das WIR definiert sich durch Abgrenzung gegen die, die als Feinde dargestellt werden, nämlich gegen alles, was links ist. Springer-Journalisten müssen sich auch zur Parteinahme für die Marktwirtschaft bekennen, für den Kapitalismus. Schon einmal zeichnete sich in Griechenland eine Linksregierung ab. Damals griffen die griechischen Obristen ein. Nach dem NATO-Plan „Prometheus“ liessen sie in Athen die Panzer rollen, verhafteten die Linken, schalteten die Demokratie ab. BILD zeigte sich, ebenso wie führende CDU-Politiker, einverstanden mit dem Putsch.

 

Als Anfang dieses Jahres das griechische Volk das Linksbündnis SYRIZA mit der Regierung beauftragte, als SYRIZA tatsächlich begann, ein linkes Programm zu verwirklichen, und als das Volk mit einem Referendum mit grosser Mehrheit diese Politik bekräftigte, steigerte BILD sich und seine Leser tagtäglich in Hass und Häme und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Unterwerfung Griechenlands. Die NATO bzw. EU-Staaten zwangen SYRIZA das linke Programm Punkt für Punkt aufzugeben.

 

Gab es keine Alternative? Doch, sie liegt auf der Hand: Deutschland müsste nur endlich seine Schulden an Griechenland begleichen, nämlich die Anleihe zurückzahlen, zu der das Nazi-Reich das besetzte Land gezwungen hat. Aber das ist für BILD kein Thema. Und auch nicht für den Europa-Korrespondenten des Ersten Deutschen Fernsehens, Rolf-Dieter Krause. Er fand schon das passende Vokabular für den Umgang mit linken Politikern:  „Die Jungs von Syriza“, sagte er in der Talkshow seines Kollegen Plasberg, müsse man „zum Teufel jagen“.

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