Wie ein Blitzschlag

Rudolph Bauer
Marx. Der Unvollendete

Über Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete, München 2017. 656 Seiten. ISBN 978-3-570-10273-2.28,00 Euro

Zum 150sten Jahrestag der Herausgabe des ersten Bandes von „Das Kapital“ und ein Jahr vor dem 200sten Geburtstag von Karl Marx ist ein aktuelles Werk über den revolutionären Denker erschienen: „Marx – Der Unvollendete“ von Jürgen Neffe.

Es handelt sich um eine Biografie, die – ebenso wie die vorausgegangenen biografischen Bestseller des Autors über Einstein und Darwin – Theorie und abstraktes Denken verständlich macht und auf erhellende Weise nachvollziehbar. Neffe zeichnet die Entwicklung nach, die bei Marx von den Frühschriften über Entfremdung und Ausbeutung bis zu seiner Kritik der politischen Ökonomie und der Analyse der Krisen des Kapitalismus geführt hat. Ein großartiges Buch! Kurz nach dem Erscheinen wurde es für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis der Frankfurter Buchmesse nominiert.

Der von Marx und Friedrich Engels in ihren Schriften entwickelte Historische und Dialektische Materialismus wird, auch von manchen Linken, als überholt und nicht mehr zeitgemäß angesehen, als von der Geschichte widerlegt. An den Universitäten in der Bundesrepublik existiert – nicht nur deshalb – kein einziger Marx-Lehrstuhl, weder bei den Philosophen, noch bei den Ökonomen, nicht bei den Historikern oder Zeitungswissenschaftlern, bei den Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso wenig wie bei der Forschung über Exil und Migration.

Sämtliche dieser Wissenschaftsfächer und -zweige hat Jürgen Neffe sich erschlossen, um ein umfassendes Panorama der Persönlichkeit und des Werkes von Karl Marx zu entwerfen: ein Bild seiner Herkunftsfamilie, seiner Frau und der Schwiegereltern, der Kinder, seiner Freunde, Lehrer und geistigen Wegbereiter, seiner politischen und Zeitgenossen sowie seiner Kontakte zur Arbeiterbewegung.

Neben der Person und ihren Lebensspuren steht das von Marx, zusammen mit Engels geschaffene Lebens- und Arbeitswerk im Mittelpunkt der Biografie: die philosophischen Schriften, die journalistischen Arbeiten, das „Kommunistische Manifest“, die Lehrschriften und agitatorischen Pamphlete, die Briefe, die Aufzeichnungen aus den Bibliotheken, die Erarbeitung des politisch-historischen, wirtschaftstheoretischen, industrie- und handelsgeschichtlichen Materials und Wissensstandes seiner und der heutigen Zeit, schließlich die Niederschrift der „Grundrisse“ und die „Kritik der politischen Ökonomie“ in „Das Kapital“.

Auf der Grundlage seiner umfassenden, mehrdimensional angelegten Marx-Biografie schlägt Jürgen Neffe darüber hinaus einerseits den Bogen zur Gegenwart des heutigen Kapitalismus und neoliberalen Imperialismus. Andererseits äußert er sich auch zu den Entwicklungen in der EU und den Vereinigten Staaten, in der Sowjetunion bzw. dem heutigen Russland und in der Volksrepublik China. Wenn er es dabei gelegentlich unterlässt, den vielschichtigen Ursachen und Bedingungen – etwa des Stalinismus, der Rolle von Mao Zedong oder des Niedergangs der DDR – auf den Grund zu gehen, so dürfte diese Unterlassung dem Anspruch geschuldet sein, die Leserschaft bei ihrem jeweiligen Kenntnisstand abzuholen und in Spannung zu halten.

Der Aufbau des Neffe-Bandes über den „unvollendeten“, aber heute immer noch relevanten Marx und sein Werk geht chronologisch vor und ist in zwei Hauptteile gegliedert. Im ersten, der bis zur Revolution von 1848/49 reicht, werden Kindheit und Jugend geschildert, das Studium in Bonn und Berlin, die Kölner Journalistenzeit bei der Neuen Rheinischen Zeitung sowie das Exil in Brüssel und Paris.

Der zweite Hauptteil betrifft die Zeit im Londoner Exil. Hier finden sich einzelne, höchst lesenswerte Kapitel, die sich mit Schwerpunkt u. a. Jenny widmen, der solidarischen „begabten Gattin“, dem Familienvater („Family matters / Vater Marx“), seinem Verhältnis zu Bakunin, Lassalle und der Sozialdemokratie („Wer hat wen verraten?), der Pariser Commune und der Internationale, der Armut im Hause Marx sowie dem fragilen Gesundheitszustand des Hausherrn („Der Dauerpatient“).

Ein eigenes Kapitel, knapp 100 Seiten lang, erklärt und interpretiert „Das Kapital“, das Hauptwerk von Marx. Jürgen Neffe wagt es in diesem Zusammenhang, den Bezug zum 21. Jahrhundert und zum „Postkapitalismus“ herzustellen. Dem Autor gelingt eine lesenswerte, souverän vollzogene und überzeugende Verknüpfung von Marx’scher Kapital-Analyse unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts auf der einen Seite und den Erscheinungsformen von Krise, Bankenpleiten, Naturzerstörung und Profitmacherei im gegenwärtigen 21. Jahrhundert auf der anderen.

Ein kurzes Kapitel im zweiten Teil vergleicht Persönlichkeit und Arbeitsweisen von Marx und Darwin. Letzterer lebte zwanzig Meilen von Marx’ Wohnung in London entfernt und hat sich gelegentlich in der britischen Hauptstadt aufgehalten. Beide sind sich persönlich aber nie begegnet. Bei der Gegenüberstellung der zwei „Prophetenbärtigen“ schöpft Neffe aus dem Fundus seiner vorausgegangenen intensiven Beschäftigung mit der Forschungsbiografie des britischen Evolutionswissenschaftlers. Dessen Schrift über „Die Entstehung der Arten“ war Marx und Engels durch ihre Lektüre bekannt. Der Vergleich zwischen Darwin und dem Entdecker der ökonomischen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft liefert ein spannendes Lehrstück über den Forschergeist im 19. Jahrhundert und seine bis heute fortwirkenden Erkenntnisse.

Neffes Einstein- und Darwin-Biografien – und ebenso die Marx-Biographie – verdanken ihren großen Publikumserfolg zwei besonderen Eigenschaften des Autors. Neffe ist einerseits Naturwissenschaftler, studierter Physiker und Biologe. 1985 promovierte er mit einem Thema aus der Biochemie. Sein naturwissenschaftlicher Hintergrund macht ihn theoretisch unvoreingenommen, objektiv und frei von ideologisch-dogmatischen Sichtblenden.

Zum anderen arbeitete Neffe schon als Student journalistisch, veröffentlichte Artikel in „Die Zeit“, arbeitete für das Wissenschaftsjournal „Nature“, erhielt den Egon-Erwin-Kisch-Preis, war Reporter, Kolumnist und Korrespondent beim „Spiegel“, u. a. in New York und im Berliner Hauptstadtbüro . Bevor er seine Tätigkeit als freier Schriftsteller aufgenommen hat, leitete er das Hauptstadtbüro der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin.

Es ist diese besondere Kombination von naturwissenschaftlicher Sozialisation und journalistisch-schriftstellerischem Talent, deren Einzigartigkeit den Autor und seine biografischen Arbeiten auszeichnet – eben auch sein neuestes Werk über Karl Marx. Es erweist sich als ein besonderer Glücksfall, dass Neffe das Marx’sche Leben und Werk nicht auf den ausgetretenen Pfaden der Epigonen und Exegeten wiederkäut, sondern dass er – weitgehend unvorbelastet und in der wachen Unschuld des neugierigen Entdeckers – die Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnisse von Marx auf aktuelle und zeitgemäße Weise entschlüsselt und somit im neuen Licht der Gegenwart zur Geltung bringt.

Neffes Marx-Biografie ist ein in nahezu jeder Hinsicht exzellentes Werk, eine überzeugende und eindrucksvolle Synthese unterschiedlicher Sicht- und Herangehensweisen, verschiedener Quellen und mannigfaltiger Darstellungsmethoden. Die Biografie vermittelt einen engagierten, umfassenden und lebendigen Eindruck der Lebensumstände und der Denkweise von Marx und seiner Zeitgenossen, sowohl ihrer Stärken als auch ihrer Schwächen. Dabei geht es dem Autor nicht darum, sich ebenbürtig oder gar größer, klüger und kenntnisreicher zu dünken als es der große, kluge und kenntnisreiche „Held“ seiner Biografie gewesen ist.

Neffe malt, wo es um Marx als Person und Handelnden geht, nicht schwarz-weiß, und wo es um den Analytiker und Theoretiker Marx geht, schreibt er nicht abgehoben und überheblich. Sein Stil ist überzeugend, lebendig und anschaulich, spannend, kritisch und zugleich empathisch. Nicht zuletzt hilft die Lektüre des Buches auch dabei, die Umbrüche der Gegenwart besser zu verstehen und die Erkenntnis zu gewinnen, dass Neoliberalismus und Globalisierung nicht das Ende der Geschichte sind.

So wie Marx die von ihm geplanten Fortsetzungsbände seiner Kritik der politischen Ökonomie nicht abschließen und vollenden konnte, es vielmehr an seinem Freund Engels lag, die Herausgabe der „Kapital“-Bände 2 und 3 zu besorgen, so ist auch das Projekt des Kommunismus, wie Marx ihn verstanden hat (und zu diesem Zweck sollte man partout Neffes Biografie lesen!), in der Praxis noch unvollendet. „Ein Buch wie ein Blitzschlag hellster Erkenntnis.“ (Denis Scheck in der ARD-Sendung „druckfrisch“)

Rudolph Bauer

Erstveröffentlichung in: Marxistische Blätter 1­_2018, S. 134-135,

Personen: 
Marx. Der Unvollendete