Kontext TV -- Die Grenzen des Kapitalismus sind erreicht

Gespräch mit dem US-amerikanischen Sozialtheoretiker Immanuel Wallerstein
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Kontext TV

Immanuel Wallerstein, Senior Research Scholar an der Yale University, USA. Mitbegründer der Weltsystem-Theorie, von 1994-1998 Präsident der International Sociological Association und Autor zahlreicher Bücher

Die Grenzen des Kapitalismus sind erreicht / Weggabelung: Neue hierarchische Ordnung oder mehr Demokratie

Nachdem der Kapitalismus in den neunziger Jahren weltweit triumphierte, fragen sich heute angesichts von Finanzkrise, Klimakrise und Ernährungskrise immer mehr Menschen, ob dieses Wirtschaftssystem fähig ist, die großen Zukunftsfragen zu lösen oder ob der Kapitalismus nicht eher Teil des Problems ist. Immanuel Wallerstein, weltbekannter Weltsystemtheoretiker von der Yale University in den USA, sprach mit Kontext TV auf dem Weltsozialforum in Dakar über die Grenzen des kapitalistischen Systems.

Schuldenkrisen und Finanzblasen

Zahlreiche lateinamerikanische und afrikanische Länder sind seit den 70er Jahren durch den Anstieg des Ölpreises und die Finanzindustrie in die Schuldenfalle getrieben worden, sagt Immanuel Wallerstein. Auch osteuropäische Länder seien davon betroffen worden. Anfang der 80er Jahre wurde zum Beispiel das verschuldete Polen vom Internationalen Währungsfonds zu sogenannten Strukturanpassungsmaßnahmen gezwungen. Folge waren ausbeuterische Arbeitsbedingungen, so Wallerstein. Die Solidarnosc-Bewegung entstand als Reaktion darauf. Rumänien unter Ceaucescue galt dem IWF in dieser Zeit als Musterknabe, weil es beim Schuldenabbau besonders hart gegen die eigene Bevölkerung vorging.

USA: Beschleunigter Niedergang einer Supermacht

Seit der Finanzkrise 2007 sprechen viele über den Niedergang der USA als Supermacht. Doch dieser Prozess habe bereits früher begonnen, sagt Immanuel Wallerstein. Seit den 1970er Jahren habe der langsame Niedergang begonnen. Die USA hätten zwar die stärkste Armee der Welt, aber sie könnten sie nicht nutzen. Die Funktion des US-Militärapparates sei es vielmehr, Arbeitsplätze zu schaffen und ein gewisses Level an Ausgaben zu generieren. Er funktioniere nicht als Militärapparat, er habe eine wirtschaftliche Funktion. Diese Dysfunktionalität des US-Militärs werde heute auch bei Konservativen in den USA wahrgenommen. Der Isolationismus werde dabei wieder als eine ernstzunehmende politische Möglichkeit diskutiert.

Soziale Bewegungen zwischen Leidensminderung und Transformation des Weltsystems

Soziale Bewegungen haben für Wallerstein eine herausragende Rolle. Sie entschieden, ob es in Zukunft mehr Ausbeutung oder mehr Demokratie gäbe. Das Weltsozialforum sei dabei sehr wichtig. Denn es müßten Strategien und Taktiken entwickelt werden, die sowohl kurzfristig das Leiden der Menschen minimierten als auch mittelfristig die Welt veränderten. Beide Strategien müßten zusammen verfolgt werden.

(Text: Kontext TV)

Transkript:

Fabian Scheidler: Nachdem der Kapitalismus in den neunziger Jahren weltweit triumphierte, fragen sich heute angesichts von Finanzkrise, Klimakrise und Ernährungskrise immer mehr Menschen ob dieses Wirtschaftssystem fähig ist, die großen Zukunftsfragen zu lösen oder ob der Kapitalismus nicht eher Teil des Problems ist.

David Goeßmann: Immanuel Wallerstein, Professor für Soziologie an der Yale University Connecticut, hat sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Wirtschaftssystem beschäftigt, das sich in den letzten 500 Jahren über die Erde verbreitet hat, und eine Weltsystemtheorie entwickelt, die international für Beachtung und für Kontroversen gesorgt hat.

Fabian Scheidler: Wir sprachen mit Wallerstein am 8. Februar am Rande des Weltsozialforums in Dakar, Senegal.

Fabian Scheidler: Wir befinden uns im Savanna Hotel in Dakar. Bei uns ist Immanuel Wallerstein.

David Goeßmann: Herr Wallerstein, vor einigen Jahren haben Sie vorhergesagt, dass der globale Kapitalismus die nächsten 30 Jahre nicht überleben wird. Erklären Sie, warum Sie zu dieser Vorhersage kommen.

Immanuel Wallerstein: Beginnen wir zuerst mit einigen Annahmen: Alle Systeme haben begrenze Lebenszeiten, kein System ist ewig. Das gilt ebenso für das Universum, wie auch für das kleinste subatomare System. Der Grund dafür, dass alle Systeme begrenzte Lebenszeiten haben, besteht darin, dass sie alle innere Widersprüche haben und sich mit der Zeit aus dem Gleichgewichtszustand entfernen. Wenn sie sich dann sehr weit vom Gleichgewicht weg bewegt haben, beginnen sie enorm zu oszillieren, zu schwingen. In dieser - wie die Systemtheorie es nennt - chaotischen Situation stehen die Systeme vor einer Verzweigung. An dieser Stelle kann das System nicht überleben und es ist ungewiss, wohin es sich entwickeln wird, da es zwei alternative Möglichkeiten gibt.  Dies ist eine allgemeine Voraussetzung. Wenn man nun auf das kapitalistische System, als ein besonderes historisches soziales System blickt, dann kann man sehen, dass es bestimmte Ereignisse gibt, die es zu einem Punkt gebracht haben, an dem es weit vom Gleichgewicht entfernt ist. Der Kapitalismus ist ein System, das die endlose Anhäufung von Kapital anstrebt. Dies ist sein einziges Ziel. Endlos versucht es dies zu tun. In seinem Bestreben Kapital anzuhäufen, müssen Firmen gegründet werden, die Profit erzielen und damit Kapital anhäufen. Betrachtet man die Kosten des Kapitalisten, dann gibt es drei wesentliche Kostenfaktoren. Der erste sind die Kosten des Personals; vom oberen bis zum unteren Personal. Der zweite wesentliche Kostenfaktor eines Kapitalisten ist die Bezahlung des in die Produktion eingehenden Inputs an Rohstoffen, Energie usw. Der dritte Kostenfaktor ist die Besteuerung in all ihren Formen, eine Erscheinung, die im gesamten System die Norm ist. Wenn man nun die Geschichte dieser drei Faktoren Personal, Input und Steuer betrachtet, zeigt sich, dass die Kosten dafür in den letzten 500 Jahren beständig anstiegen. Gleichzeitig bemerkt man, dass es eine Grenze dafür gibt, wie stark die Preise steigen können. Diese Grenze ist die Bereitwilligkeit der Menschen Güter zu kaufen. Es gibt also seit 500 Jahren ein Ansteigen der Kosten bis zum Erreichen von, wie ich es nenne, Asymptoten. Kommen die Kosten nun zu nahe an die Spitze, beginnt das System zu schwingen und es entstehen enorme Verschiebungen. Dies ist eine chaotische Situation und dort befinden wir uns gerade. Darüber habe ich an verschiedenen Stellen in großem Detail geschrieben. Grundsätzlich gilt, dass es für Kapitalisten nicht mehr möglich ist, Kapital wirklich anzuhäufen.  Da dies aber die gesamte Motivation für das kapitalistische System darstellt, verliert es aus der Sicht des Kapitalisten seinen Sinn. Sicher machte es aus Sicht der Weltbevölkerung, die ausgebeutet wurde, nie Sinn.  Das ist nicht neu, das ist eine eine Konstante. Der Punkt ist nicht, dass die Weltbevölkerung heute stärker aufgebracht ist, als sie es jemals war. Was sich wirklich verändert hat, ist das Ausmaß, in welchem das kapitalistische System dem Kapitalisten noch nützlich ist. Das ist die strukturelle Krise des Systems, und in dieser befinden wir uns heute.

Fabian Scheidler: In Europa stagnieren die Kosten für Arbeit, die Einkommen sinken zum Teil soagr. Durch die  Globalisierung wandert die Produktion nach Rumänien, nach China, in billigere Länder ab. Es gibt Steuersenkungen für die großen Unternehmen undsoweiter. Daher ist es für uns ungewöhnlich zu hören, dass die Kosten für Unternehmen sich erhöhen würden.

Immanuel Wallerstein: Sie müssen berücksichtigen, dass die Kosten immer hoch und wieder runter gehen. Wenn Sie betrachten, wie es mit den Niveaus der Kosten in den letzten 500 Jahren funktioniert hat, dann sehen Sie, dass in Zeiten des Wachstums, die etwa 25 bis 30 Jahre dauern – wir nennen sie Kondratjev-Phasen – die Kosten nach oben gehen. In Zeiten der Stagnation gehen die Kosten dann wieder nach unten, sie werden nach unten gedrückt, – aber niemals so stark, wie sie zuvor anstiegen. Das nenne ich den Zickzack-Effekt. Die Kosten gehen um zwei nach oben, um eins nach unten, um zwei nach oben, um eins nach unten – und das passierte während der letzten 500 Jahre. Nehmen Sie zum Beispiel die heutigen Kostenund vergleichen diese Kosten nicht mit denen von 1970 – denn das war einen Kostenhochpunkt, die Kosten sind heute geringer – sondern mit denen von 1945: Dann sehen Sie, dass die Kosten heute höher sind als 1945. Die Kosten für Arbeit sind von 1945 bis 1970 gestiegen, von 1970 bis 2010 sind sie wieder gesunken – das ist gar keine Frage – aber eben nicht bis zum Niveau von 1945! Wenn man in der Zeit zurück geht, kann man dies leicht in Form einer Grafik darstellen. Die Kosten gehen immer wieder um zwei nach oben und wieder um eins nach unten. Beginnt man nun, diesen Anstieg anhand einer Skala zu messen, auf der das Maximum der Kosten für z.B. Arbeit mit 100% gleichgesetzt ist, und beginnt bei 20%, dann gehen die Kosten auf 30% nach oben, wieder runter auf 25%, wieder hoch auf 35%, runter auf 30% usw. Erreicht man 80%, ist das System zu nah am Maximum und beginnt destabilisiert zu werden.  Es gibt also eine Grenze dafür, wie lang man dieses System betreiben kann.  Wir haben das seit 500 Jahren getan und es hat sehr gut funktioniert.  Gemessen an seinen eigenen Maßstäben, war der Kapitalismus ein umwerfend erfolgreiches System. Er hat die Ziele erreicht, zu denen er aufgebrochen war, und das war die enorme Expansion des angehäuften Kapitals. Aber er kann nicht weiter damit fortfahren. Er hat die Grenze dessen, was möglich ist, erreicht. An diesem Punkt verliert dieses System seine Bedeutung für den Kapitalisten selbst. Wenn er kein Kapital mehr anhäufen kann, warum sollte er Mühe und Energie aufbringen? Ich denke, dies ist die gegenwärtige Situation. Ich sage dies als Analytiker. Wenn Sie mich fragen, ob jeder Kapitalist dieser Welt das versteht, dann muss ich sagen: Nein, nicht jeder Kapitalist versteht dies. Auch nicht jeder Arbeiter versteht dies. Aber es gibt genug, die es verstehen. Die objektive Realität ist die, dass die Leute gezwungen werden, bestimmte Entscheidungen zu treffen. In der gegenwärtigen Phase, wie immer während einer langen Stagnation, wird Geld nicht durch Produktion geschaffen, sondern durch Finanz-Spekulationen. Spekulationen funktionieren, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Spekulationen funktionieren, indem Menschen sich verschulden. Wir hatten überwältigende Blasen seit den 70er Jahren. Eine nach der andern, und die große Krise von 2007, 2008 war nur die vorletzte, es wird nicht die letzte sein. Die letzte wird die der verschuldeten Regierungen sein, die, eine nach der anderen, unter ihren Schulden zusammenbrechen werden, weil sie keinen Weg finden, um sie zu bezahlen. Daher denke ich, dass der Kapitalismus als System in großen Schwierigkeiten steckt. Die Frage ist, was nun passieren wird. Hier sage ich, dass das System sich verzweigen wird. Es gibt zwei Alternativen. Die eine ist für diejenigen, die jetzt privilegiert sind und sich wünschen ihre Privilegien zu erhalten. Die Alternative für sie wäre ein anderes System, in dem sie dieselben Privilegien hätten. Das wäre eine Art System, welches hierarchisch, ausbeuterisch und polarisierend ist. Es muss kein kapitalistisches System sein. Ein kapitalistisches System ist nicht das einzige System, in dem dieses Ziel erreicht werden kann. Tatsächlich könnte es ein viel schlimmeres System sein. Der Kapitalismus muss nicht das schrecklichste System sein, das die Welt gesehen haben wird. Dies war die Alternative A. Alternative B ist das genaue Gegenteil. Es wäre ein System, das verhältnismäßig demokratisch und verhältnismäßig egalitär ist. Ein System, das die Welt bisher noch nicht gesehen hat. Grundsätzlich ist das unsere historische Wahl. Ein weiterer Bestandteil  der System-Verzweigung  ist, dass es grundsätzlich unmöglich ist vorherzusagen welche Entscheidung wir kollektiv treffen werden. Diese Entscheidung ist das Ergebnis von unendlich vielen, einzelnen Entscheidungen, getroffen von unendlich vielen Personen in einer Unendlichkeit von Momenten, und es ist unmöglich darüber eine Vorhersage zu treffen. Man kann nur vorhersagen, dass das System zusammenbrechen und eine Entscheidung getroffen werden wird. Im politischen Kampf der nächsten 20, 30, 40 Jahren wird es darum gehen, das System in die eine oder andere Richtung zu lenken. An irgendeinem Punkt, wird das System mehr oder weniger mit Sicherheit in eine bestimmte Richtung kippen. Dann wird eine neue Ordnung entstehen, ein neues System, dass sich so lange hält, wie seine natürliche Lebenserwartung es eben zulässt. In weiteren 500 oder 1000 Jahren könnte das System erneut in Schwierigkeiten geraten, aber wir werden nicht hier sein, um uns darüber Sorgen zu machen. Was ich sagen kann, ist, dass wir im Jahr 2050  in einem anderen System leben werden. Ich weiß nicht in welcher Art von System. Ich weiß, welche Art von System ich bevorzugen würde, aber nicht, in welchem System wir leben werden.

David Goeßmann: In vielen Aspekten ist Afrika immer noch einer der ärmsten Kontinente und z.B. an den Rand des Welthandels gedrängt.

Fabian Scheidler: Warum ist das so und welche Rolle spielte die Schuldenkrise der 70er und 80er Jahre?

Immanuel Wallerstein: Die Schuldenkrise war zerstörerisch, aber erst der zweite Schritt. Der erste Schritt ist der ernsthafte Anstieg des Ölpreises. Der Anstieg des Ölpreises stellte eine Umstrukturierung  des Flusses des Mehrwerts zu den ölproduzierenden Staaten dar. Das nationale Einkommen der nicht-ölproduzierenden Staaten, der Großteil der afrikanischen Staaten, fiel signifikant, da sie mehr bezahlen mussten und ihre Güter bei fallender weltweiter Produktion ein geringeres Einkommen erzielten. Das Geld der ölproduzierenden Länder konnte also nicht ausgegeben werden. Es wurde bei Banken angelegt. Die Banken waren größtenteils in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Die Banker haben – Sie müssen sich dieses unglaubliche Bild vorstellen – Vertreter ausgesandt, um die Finanzminister überall in der Welt zu treffen. Sie sagten: „Ihr habt Zahlungsbilanzschwierigkeiten, wir werden euch Geld leihen.“ Sie haben Ihnen das Geld stapelweise geliehen. Die Finanzminister haben das Geld angenommen, weil  sie sonst politische Schwierigkeiten in ihren Ländern bekommen hätten. Es war eine einfache Lösung. Natürlich abgesehen davon, dass Schulden die unangenehme Eigenschaft haben, dass sie zurückbezahlt werden wollen, besonders, da sie sich immer mehr anhäufen. Die Schuldenkrise beginnt, wenn die Länder beginnen müssen ihre Schulden zurück zu bezahlen. Normalerweise wird behauptet die Schuldenkrise habe 1982 in Mexico begonnen. Das ist falsch. Die Schuldenkrise begann in den 1980er Jahren in Polen. Polen war ein großer Kreditnehmer. Die meisten der osteuropäischen Staaten waren in dieser Zeit stark verschuldet, nicht nur die afrikanischen oder lateinamerikanischen Staaten. Ab einem bestimmten Punkt konnte die polnische Regierung ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Was haben sie dann getan? Sie haben selbst entschieden, die von der Weltbank empfohlene Strategie zu verfolgen und die Arbeiter auszuquetschen. Das führte zur Solidarnosc-Bewegung. So einfach war das. Das gleiche geschah in Mexiko 1982. Da die Menschen im Westen nicht verstanden, dass die osteuropäischen Länder Teil der kapitalistischen Weltwirtschaft waren und sich ebenso wie Lateinamerika Gelder liehen, konnten sie nicht verstehen, dass es bei Solidarnosc genau darum ging. Es war eine Rebellion der Arbeiter gegen einen Staat, der versuchte seine Arbeiter auszuquetschen, um seine Schulden zurück zu zahlen. Interessanterweise hatte der Internationale Währungsfond in den 1980er Jahren eine Liste mit guten und schlechten Jungs. Der führende gute Junge der Welt, der beste Junge der Welt, das war Rumänien, weil Rumänien all seine Schulden zurück bezahlte, indem es die Menschen ausquetschte.. Natürlich wissen Sie, was dann in Rumänien passierte. Am Ende wurde Ceausescu in höchst gewalttätiger Weise abgesetzt.

Die Schuldenkrise war eigentlich die erste Blase, die platzte, in einer ganzen Reihe von Blasen von 1970 bis heute.

Fabian Scheidler: Und nach der Schuldenkrise gab es die Strukturanpassungsprogramme.?

Immanuel Wallerstein: Ja, es gab Strukturanpassungsprogramme. Aber, wenn Sie es genau betrachten wollen, dann müssen Sie darauf achten, wer sich als nächstes verschuldet. Die Dritte-Welt-Länder und osteuropäische Länder, die sich verschuldet hatten und ihre Schulden nicht zurückbezahlen konnten, waren die erste Gruppe von Schuldnern. Die zweite Schuldner-Gruppe waren die Junk Bonds. Was sind Junk Bonds? Im Prinzip bedeutet es, dass sich auch die Konzerne große Mengen an Geld leihen, die sie nicht zurückbezahlen können. Zwar stellt dies einerseits den Unternehmen finanzielle Mittel zur Verfügung und dadurch verdienen andere natürlich eine große Menge an Geld, aber andererseits werden dadurch diese Industrien bzw. Konzerne zerstört. Dann gibt es eine weitere Kategorie an Schuldnern, zu denen zum Beispiel die US-Regierung gehört. Weiterhin gibt es all die privaten Schuldner in der ganzen Welt und das gipfelte dann im Platzen der Immobilienblase. Schlussendlich kommen jetzt die Staaten hinzu, die sich wie verrückt Geld leihen und denen es unmöglich ist oder unmöglich sein wird, ihre Schulden zurück zu bezahlen.

David Goeßmann: Seit der Finanzkrise 2007, 2008 sprechen viele über den Niedergang der USA als einer Supermacht. Auf der anderen Seite geben die USA soviel Geld für Ihren Militärhaushalt aus, wie alle andern Staaten zusammen.

Immanuel Wallerstein: Ja, aber was können sie damit tun? Sehen Sie, der Niedergang der USA begann in den 1970er Jahren und es war ein langsamer Niedergang. George Bush kam und sagte: „Ich werde das mit Hilfe meiner Idee von Militarismus wieder umkehren. Ich werde in den Irak einmarschieren, ich werde die Europäer abschrecken, sich von den USA abzuwenden, ich werde Nordkorea bedrohen und die arabischen Staaten und jeden einschüchtern. Es wird wunderbar sein.“ Aber es stellte sich heraus, dass es alles andere als wunderbar wurde. Es war eine Katastrophe. Ein Rückschlag in jeder Hinsicht. Der Krieg im Irak zog sich über Jahre hin und endete mit einer Regierung, die ganz und gar nicht pro-amerikanisch war. Er hat nur die Autorität und Macht der Iraner im Irak gestärkt, den angeblich größten Feinden der USA.  Die Europäer wurden nicht eingeschüchtert. Die Iraner und Nordkoreaner zogen daraus die Lehre, dass sie ihre nukleare Aufrüstung beschleunigen müssen und nicht verzögern. So wurde aus einem langsamen Niedergang ein beschleunigter Niedergang. Die USA sind die stärkste Militärmacht der Welt, zehn Mal stärker als alle anderen. Es ist wahr, dass niemand die USA angreifen könnte und sie über diesen großartigen Militärapparat verfügen. Aber was können sie damit tun? Man kann ein Land nicht in die Unterwerfung bomben. Das ist unmöglich. Man muss große Truppen entsenden. Die USA haben aber keine großen Truppen, die sie wirklich einsetzen können. Der Grund dafür ist, dass die Amerikaner zwar sehr glücklich über militärische Siege sind, sie jedoch einfach nicht wollen, dass ihre Söhne ein Teil der Truppen werden. Das ist das Vietnam-Syndrom, es ist eine sehr reale Sache in den USA, und da es keine einsetzbaren Truppen gibt, können die USA im Irak nicht gewinnen. Sie können nicht in Afghanistan gewinnen. Sie werden sich letztendlich aus beiden zurückziehen müssen. Sie haben die stärkste Armee der Welt, aber sie können sie nicht nutzen. Das ist die Wahrheit über die amerikanische Armee. Gegenwärtig ist die Funktion des US-Militärapparates Arbeitsplätze zu schaffen und ein gewisses Level an Ausgaben zu erhalten. Er funktioniert nicht als Militärapparat, aber er hat diese innere wirtschaftliche Funktion, es ist eine nicht nutzbare militärische Maschine. Aber es ist wahr, dass es das stärkste Militär weltweit, mit den besten Fliegern, den besten Bomben usw. ist, keine Frage. Es ist auch wahr, dass niemand in die USA einmarschieren wird und einmarschieren will. Aber wer will das auch? Dieses Dilemma wird inzwischen auch in den USA wahrgenommen. Die Unantastbarkeit der militärischen Ausgaben wird nicht mehr nur von links in Frage gestellt sondern auch von rechts. In den heutigen USA erhebt sich der altbekannte Klang des Isolationismus wieder als eine ernstzunehmende politische Möglichkeit. Und das erfordert den Rückzug der Truppen, Stück für Stück für Stück.

David Goeßmann: Welche Rolle können soziale Bewegungen angesichts des Niedergangs des Kapitalismus spielen, um die vielfachen Krisen zu überwinden?

Immanuel Wallerstein: Soziale Bewegungen haben eine herausragende Bedeutung. Zuerst einmal wird die Entscheidung, in welche Richtung wir in Zukunft gehen - eine Zunahme von Ausbeutung oder eine tatsächliche Demokratisierung der Gesellschaft -, ich nenne das die Gabelung – entschieden von der kollektiven Aktivität von allen. Daher scheint es mir, dass soziale Bewegungen vor allem analysieren müssen, was wirklich geschieht. Sie müssen verstehen, was in der Welt passiert. Das ist nicht einfach. Tatäschlich ist es sehr schwierig. Dann müssen sie sich entscheiden. Sie müssen ihr Gewicht auf eine Seite der Gabelung werfen. Und dann müssen sie darüber nachdenken, welche politischen Strategien in diese Richtung führen. Das sind keine einfachen Dinge. Das ist es auch, womit wir uns hier auf dem Weltsozialforum auseinandersetzen. Viele soziale Bewegungen in der ganzen Welt kämpfen darum. Und dann ist da ein zweites Problem. Es ist das Problem des richtigen Augenblicks, des Timings. Menschen leben auf kurze Sicht, damit meine ich maximal 3 Jahre, sie essen, sterben, sorgen sich um ihre Sicherheit kurzfristig. In dieser kurzen Zeitperspektive können wir in dieser Situation nur das Leiden minimieren. Man unterstützt eine Sache gegenüber einer anderen, weil sie das Leiden minimiert. Wenn man die Alternative genommen hätte, dann hätte das das Leiden verstärkt. Dabei handelt es sich noch nicht um eine Transformation, eine Veränderung. Das Leiden zu verringern ist ein Verteidigungsakt. Das verändert die Welt nicht grundsätzlich. Aber die Minimierung des Leidens ist wichtig. Die Menschen brauchen sie. Niemand will morgen sterben, weil die Straßen nicht mehr sicher sind, weil er kein Essen mehr bekommt oder keine Unterkunft. Daher müssen sich Bewegungen um diese kurzfristigen Bedürfnisse kümmern. Und dann gibt es die mittelfristige Perspektive. Darin finden die größeren Veränderungen statt. Die Bewegungen müssen also lernen, wie sie die kurzfristige Taktik zur Leidensverringerung mit einer mittelfristigen Strategie der Weltveränderungen verbinden können."

 

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