Die Front gegen Syrien zersplittert - Karin Leukefeld im Gespräch

Karin Leukefeld im Gespräch mit weltnetz.tv über Syrien
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weltnetz.tv
Länge: 
00:15:24
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Die freie Journalistin, Nahostkorrespondentin und langjährige Syrienkennerin Karin Leukefeld ist die einzige offiziell in Syrien akkreditierte deutsche Journalistin. Mit weltnetz.tv sprach sie im Skypeinterview nach Damaskus über die politischen und militärischen Folgen des Chemiewaffen-Abrüstungsprozesses, die Zersplitterung der internationalen Front gegen die Regierung Assad, das Ausbluten und die Zerstörung des Landes und die Chancen auf Wiederaufbau und ein Ende des Krieges. 

Das Gespräch wurde am 13. November 2013 aufgezeichnet.

"Es gibt sicherlich auch ein Interesse an diesem politischen Prozess von Seiten des Westens, weil der Wiederaufbau in diesem Land natürlich ganz besondere Anstrengungen braucht. Es wird sehr viel Geld gebraucht, dieses Land wieder aufzubauen. Und da gibt es bereits Pläne, dass dieser Wiederaufbau unterstützt werden soll. Deutschland zum Beispiel hat bereits viel Geld in solche Wiederaufbau-Fonds gegeben. Das heißt, dass der Westen jetzt vermutlich mehr am Wiederaufbau Syriens verdienen kann als an der weiteren Zerstörung - die auch politisch zu sehr großer Unsicherheit in der gesamten Region, vor allem gegenüber Jordanien, Israel und auch Libanon geführt hätte. Deswegen, denke ich, gibt es eine reale Chance für eine politische Lösung - die sicherlich noch einige Zeit dauern wird." (KL)

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Die Front gegen Syrien zersplittert

Karin Leukefeld im Gespräch mit weltnetz.tv über die Abrüstung der Chemiewaffen, die Zerstörung des Landes und die Hoffnung auf ein Ende des Krieges.

Das Gespräch wurde am 13. November 2013 aufgezeichnet.

weltnetz.tv: Karin Leukefeld, Sie sind jetzt gerade wieder in Syrien und halten sich zur Zeit in Damaskus auf. Konnten Sie in den letzten Tagen und Wochen auch andere Landesteile besuchen. 

Karin Leukefeld: Ja, es war mir möglich, nach Suweida (Stadt im Südwesten Syriens - Anm. d. Red.) zu fahren. Ich habe dort die Geschichte einer Entführung recherchiert. Ich bin mit dem Bus dorthin gefahren, so, wie sich die Syrer hier im Allgemeinen bewegen. Das ist eine sehr beschwerliche Busfahrt, durch sehr viele Kontrollen - sowohl, wenn man aus der Stadt hinausfährt als auch, wenn man dann am Abend wieder in die Stadt zurückkehrt. Also sehr intensive Kontrollen bei diesen Fahrten. Ich konnte auch sehen, wie stark die Zerstörungen im Umland von Damaskus sind. Man fährt an verschiedenen Ortschaften vorbei, die ganz eindeutig schwer gelitten haben. In andere Landesteile bin ich leider nicht gekommen.

weltnetz.tv: Ich vermute, es ist ohnehin sehr schwierig für sie, sich überhaupt außerhalb der Hauptstadt zu bewegen?

Karin Leukefeld: Ja, das ist richtig, weil ich eigentlich darauf angewiesen bin, dass jemand mit mir fährt, der mich begleitet, ein Landeskundiger. Ich habe bisher immer jemanden gehabt, der mit mir fährt, der aber die Stadt nicht mehr verlassen kann - oder will, aus Sicherheitsgründen. Das andere ist, dass ich eigentlich immer Freunde oder Bekannte in anderen Städten besuche - wenn ich nach Homs fahre, oder nach Latakia oder Aleppo. Und diese Personen sind im Moment nicht erreichbar. Aber man erfährt doch eine ganze Menge über Leute, die aus anderen Landesteilen in die Stadt kommen. Wo ich wohne, das ist so eine Familienhotel, und da kommen viele Leute zum Beispiel aus dem Nordosten des Landes, aus ar-Raqqa, Deir ez-Zor oder Qamischli, auch aus Aleppo. Und die berichten dann über die Lage in ihren jeweiligen Landesteilen. Und da ist sehr interessant, einfach zu erfahren, dass sich die Menschen weiter bewegen. Oder wieder und auch besser bewegen können, teilweise. Aber sie berichten natürlich auch über die Schwierigkeiten, die sie haben, z.B. mit islamistischen Gruppen in ar-Raqqa oder Deir ez-Zor oder in den kurdischen Gebieten, in Afrin. Von diesen Menschen erfährt man sehr viel.

weltnetz.tv: Frau Leukefeld, mit der Einigung darüber, die syrischen Chemiewaffen unbrauchbar zu machen, ist ein US-geführter Militärschlag erstmal unwahrscheinlicher geworden. Wie entwickelt sich denn dieser Abrüstungsprozess?

Karin Leukefeld: Der entwickelt sich unglaublich effektiv und zügig. Die Inspektoren (die zivilen Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) - Anm. d. Red.) die hier arbeiten, leben hier in Damaskus in Four Season Hotel. Das ist komplett abgesperrt worden, früher konnte man da zu Fuß vorbeilaufen. Das ist für die und andere internationale Organisationen reserviert worden. Die Inspektoren fahren täglich raus und haben nach eigenen Angaben von 23 Lager- und Produktionsstätten für chemische Waffen mittlerweile 22 besucht. Sie haben dort alles versiegelt und mit Filmaufnahmen dokumentiert. Manchmal kann man auch in westlichen TV-Medien solche Bilder sehen. Und die syrische Regierung hat fristgemäß eine Auflistung abgegeben, über wieviele solcher chemischer Waffen sie verfügt. Das heißt, dieser Prozeß geht erstaunlich gut voran. Sowohl die syrische, als auch die internationale Seite haben offensichtlich ein vorrangiges Interesse, diese Sache konfliktlos zu lösen. Ein Problem wird sein, dass die Entfernung und Entsorgung dieser Waffen sehr viel Geld kostet. Die OPCW verfügt nicht über soviel Geld. Sie braucht Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft, also von den Staaten der Vereinten Nationen. Einige haben schon abgesagt, wie Norwegen beispielsweise. Aber Russland will da offensichtlich massiv zur Seite stehen und dazu beitragen, dass diese Abrüstung auch tatsächlich bis mitte nächsten Jahres umgesetzt werden kann.

weltnetz.tv: Wirkt sich diese Abrüstungsinitiative, die auch als diplomatischer Coup gehandelt wurde, in irgendeiner Weise auf den ja schon längst tobenden Krieg in Syrien aus?

Karin Leukefeld: Also das Thema chemische Waffen, oder chemische Substanzen in Waffen, ist erstmal von der Tagesordnung und aus den Medien relativ verschwunden. Das ist sicherlich eine ganz konkrete Folge davon. Auf der anderen Seite, wie Sie sagen: der Krieg ist tatsächlich real, jeden Tag geht er weiter, auf ganz "normale" und brutale Art und Weise - militärisch, mit Luftschlägen, mit Angriffen der syrischen Streikräfte, aber natürlich auch mit Angriffen von Seiten der Aufständischen. Sodass also dieser Krieg an sich, die Zerstörung des Landes und die Vertreibung von Menschen anhält. Man muss dazu sagen, was von der Opposition sehr kritisch angemerkt wird, dass die syrischen Streitkäfte unglaublich erfolgreich sind. Also die Vereinbarung über die Abgabe der chemischen Waffen hat offensichtlich dazu geführt, dass man den syrischen Streitkräften, von Seite der Amerikaner oder der EU, auch den Spielraum zugesteht, gegen islamistische bewaffnete Gruppen massiv vorzugehen. Denn durch diese Gruppen fühlt sich der Westen ja auch selber bedroht. Der Krieg hat also eine etwas andere Richtung angenommen. Und Gruppen von der "Freien Syrischen Armee" und der Nationalen Koalition (die ja jetzt gerade in Istanbul getagt hat), fühlen sich also durch diese Entwicklung beseite gedrängt und in ihrem Kampf missachtet. Das ist eine Folge davon. 

weltnetz.tv: Die bewaffneten regierungsfeindlichen Gruppen sind von Anfang an von einigen westlichen Staaten, insbesondere den USA, sowie von Katar und Saudi-Arabien, als auch der Türkei unterstützt oder sogar mit aufgebaut worden  - und wären ohne diese Unterstützung auch garnicht so weit gekommen, wenn man das so sagen kann. Hat sich an dieser Unterstützung im Zuge des Abrüstungsprozesses, soweit bekannt, irgendetwas geändert?

Karin Leukefeld: Ja, man kann sagen, dass die geschlossene Front, die die bewaffneten Gruppen hier im Land unterstützt hat -  also Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und die Türkei in erster Linie, mit Unterstützung westlicher Staaten Frankreich, Großbritannien und den Amerikanern - dass diese Front aufsplittert. Die Amerikaner haben offensichtlich doch ein anderes Interesse in dieser Region. Sie wollen sich einigen mit Russland, sie wollen sich einigen mit Iran - und deswegen schwenken sie etwas mehr auf die diplomatische Schiene über. Während die anderen Länder, also die regionalen Staaten, die ihre eigenen Interessen in oder gegen Syrien verfolgen, sich sozusagen allein gelassen fühlen. Und das hat zur Folge, dass auch diese Front der regionalen Staaten, die bewaffnete Gruppen unterstützt hat, aufsplittert. Das heißt, Katar hat sich inzwischen etwas mehr zurückgezogen von der aktiven Bewaffnung der Gruppen hier im Land. Saudi-Arabien plant jetzt offensichtlich, eine Art Söldnerarmee aufzubauen, um sich unabhängig zu machen von den Amerikanern. Inwieweit das umgesetzt werden kann oder auch schon wird, ist noch fraglich. Die Türkei ist dazu übergegangen, die Grenzen, die ja bisher weitgehend offen gewesen sind, zu kontrollieren und teilweise auch zu schließen. Es hat die Beschlagnahmung von Waffen, Transporten auf türkischer Seite gegeben, die nach Syrien transportiert werden sollten. Da entwickelt sich einiges, was dann dazu führt, dass hier vor Ort die bewaffneten Gruppen, die auf diese Untersetützung angewiesen waren, allein gelassen werden, nicht mehr den Nachschub bekommen, den sie brauchen. Und gleichzeitig massiv angegriffen werden von den syrischen Streitkräften. Also diese militärische Front verändert sich.

weltnetz.tv: Die UN-Entwicklungshilfeorganisation UNDP (United Nations Development Programme) hat von einem "schweigenden Krieg gegen die menschliche und wirtschaftliche Entwicklung Syriens" gesprochen. Ein "Enthauptungsschlag" gegen die syrische Regierung scheint nicht mehr auf der Agenda der Westmächte zu stehen. Ist also die Zerstörung der menschlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Syriens ein Kriegsziel des Westens und seiner Verbündeten?

Karin Leukefeld: Man muss natürlich dazu sagen: wenn Sie Oppositionellen diese Frage stellten, würden die sagen, dass die Hauptverantwortung für die Zerstörung des Landes die Regierung und der Präsident Bashar al-Assad trägt, weil er in dieser militärischen Weise vorgegangen ist. Das ist eine Sichtweise, auf die ich auf jeden Fall hinweisen muss, bei dieser Frage. Andererseits, wenn man sieht, wie der Westen sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren verhalten hat - also im Grunde gab es ja eine absolute Abwesenheit von Diplomatie und eine einseitige Unterstützung der Gruppen, die hier im Lande bewaffnet vorgegangen sind - dann muss man sagen, dass der Westen diese Zerstörung auf jeden Fall in Kauf genommen hat. Natürlich werden Politiker im Westen das zurückweisen, wenn man sagt, das ist ein Kriegsziel, das Land zu zerstören. Aber de facto ist es genau das, was geschieht. Es ist sehr wohl bekannt gewesen im Westen, insbesondere auch in Europa, dass Syrien ein Entwicklungsland ist, dass es Hilfe brauchte, dass es im Grunde ein armes Land war, das sowohl in der menschlichen als auch in der wirtschaftlichen Entwicklung Unterstützung brauchte und auch darum gebeten hatte - und teilweise diese Unterstützung bis 2010 auch erhalten hat. Und das Land war im Aufbau, es war wirtschaftlich im Aufbau. Es hatte noch im Jahre 2010 ein Wirtschaftswachstum von 5%. Die Arbeitslosigkeit war relativ niedrig. Es gab natürlich eine große Armut, es gab viele wirtschaftliche Probleme. Aber diese Probleme wären, hätte man dieses Land sich friedlich entwickeln lassen, sicherlich auch gelöst worden. Durch die kriegerische Auseinandersetzung ist alles, was bis dahin aufgebaut worden war, zerstört. Viele Menschen, die eine gute Ausbildung hatten, haben das Land verlassen. Insbesondere medizisches Personal, Ärzte allein, haben das Land verlassen. Das ist natürlich alles etwas, was hier jetzt fehlt. Und deswegen dieser massive Rückschlag gegen die menschliche Entwicklung und gegen die Entwicklung dieses Landes.

weltnetz.tv: Ist ein Ende des Krieges gegen Syrien in Sicht?

Karin Leukefeld: Man spricht ja jetzt von (der internationalen Syrien-Konferenz - Anm. d. Red.) Genf-II. Die Genf-II-Gespräche stehen offenbar bevor. Selbst die Nationale Koalition (Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte), die das bisher immer abgelehnt hat, wird sich offenbar daran beteiligen, wie man dieser Tage gehört hat. Und wenn es jetzt tatsächlich zu diesen Gespräch kommt, dann gibt es auch die Chance, zu einem Waffenstillstand zu kommen. Und einen politischen Übergang zu bewerkstelligen, der ja mit der Genfer Vereinbarung vom Juni 2012 (Genf-I) angestrebt worden war. Es gibt sicherlich auch ein Interesse an diesem politischen Prozess von Seiten des Westens, weil der Wiederaufbau in diesem Land natürlich ganz besondere Anstrengungen braucht. Es wird sehr viel Geld gebraucht, dieses Land wieder aufzubauen. Und da gibt es bereits Pläne, dass dieser Wiederaufbau unterstützt werden soll. Deutschland zum Beispiel hat bereits viel Geld in solche Wiederaufbau-Fonds gegeben. Das heißt, dass der Westen jetzt vermutlich mehr am Wiederaufbau Syriens verdienen kann als an der weiteren Zerstörung - die auch politisch zu sehr großer Unsicherheit in der gesamten Region, vor allem gegenüber Jordanien, Israel und auch Libanon geführt hätte. Deswegen, denke ich, gibt es eine reale Chance für eine politische Lösung - die sicherlich noch einige Zeit dauern wird. Aber die Anstrengungen der Amerikaner und der Russen deuten darauf hin. Was dem Land wohl noch für lange Zeit erhalten bleiben wird, ist die enorme Kriminalität, die dieser Krieg mit sich gebracht hat: Massive Entführungen, Verbrechen, die einfach auf einer ganz kriminellen Ebene stattfinden. Das ist etwas, was hier enorm zugenommen hat und was erst dann wieder zurückgedrängt werden kann, wenn auch starke staatliche Strukturen dem entgegengehalten werden können.

weltnetz.tv: Karin Leukefeld, vielen Dank für dieses Gespräch!

Karin Leukefeld: Ich danke Ihnen auch!

Die Front gegen Syrien zersplittert - Karin Leukefeld im Gespräch

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