Wohin treibt Syrien?

Jarmuk: „Die Zerstörung ist extrem“

Karin Leukefeld berichtet aus dem palästinensischen Flüchtlingslager in Damaskus

20.04.2015

Video:weltnetz.tv
Länge:00:14:45
Fotos: Karin Leukefeld
Karin Leukefeld: Leben im Hintergrund der Schlagzeilen
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Das zerstörte palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk

Die langjährige Nahost-Expertin Karin Leukefeld im Gespräch mit weltnetz.tv über den Konflikt um das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk und warum die eigentliche Katastrophe - international unbeachtet- bereits im Jahr 2012 stattfand.

“(…) Vor dem Lager sind Vertreter der syrischen Armee und in dem Lager sind Vertreter verschiedener palästinensischer Gruppen, die sich zusammen getan haben, um gegen die bewaffneten Kampfgruppen zu kämpfen – die al-Nusra-Front und den Islamischen Staat. Wir sind nach Muchayem hinein gegangen, das ist das ursprüngliche, alte Lager, wo vor allen Dingen die Palästinenser gelebt haben. Im südlichen Teil von Jarmuk haben ja auch hunderttausende Syrer gelebt. Die Zivilbevölkerung hat bis auf wenige tausend das Lager komplett verlassen. Die Zerstörung ist extrem groß.“

Karin Leukefeld, Damaskus

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weltnetz.tv: Frau Leukefeld, Sie halten sich momentan wieder in der syrischen Hauptstadt Damaskus auf und haben dort heute morgen das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk, das in letzter Zeit wegen heftiger Kämpfe in die Schlagzeilen geraten war,  besucht. Wie ist die Situation vor Ort?

Karin Leukefeld: Ja, das war etwas gespenstisch, muss ich sagen. Es gibt unterschiedliche Zugänge zu diesem Gebiet, das insgesamt etwas über zwei Quadratkilometer groß ist. Und wir sind vom Haupteingang her in das Lager hinein gegangen. Der Haupteingang ist dort, wo drei große Straßen zusammen kommen, die sich von Norden nach Süden durch das Lager ziehen. Es ist alles abgesperrt. Es ist sonst immer ein unglaublich lebhafter Platz dort vor dem Lager mit Bussen, mit Taxis, mit vielen Leuten, die dort herumlaufen. Alles leer. Das Bild ist geprägt von bewaffneten Männern. Vor dem Lager sind Vertreter der syrischen Armee und in dem Lager sind Vertreter verschiedener palästinensischer Gruppen, die sich zusammen getan haben, um gegen die bewaffneten Kampfgruppen zu kämpfen – die al-Nusra-Front und den Islamischen Staat. Wir sind nach Muchayem hinein gegangen, das ist das ursprüngliche, alte Lager. Muchayem heißt auch Lager, wo also vor allen Dingen die Palästinenser gelebt haben. Im südlichen Teil von Jarmuk haben ja auch hunderttausende Syrer gelebt. Die Zivilbevölkerung hat bis auf wenige tausend das Lager komplett verlassen. Die Zerstörung ist extrem groß.

weltnetz.tv:  Wer hat Sie ins Lager begleitet? 

Karin Leukefeld: Ich bin noch mit einem anderen Kollegen dort gewesen – ein Journalist aus Kroatien. Ich bin ja hier akkreditiert und bin mit einem persönlichen Begleiter dort gewesen. Der Kollege hatte eine Übersetzerin des Informationsministeriums dabei. Wir kamen also dorthin, wurden begrüßt, vor dem Lager von einem General der syrischen Streitkräfte, die das Lager sichern. Man kann auch sagen, die es abgesperrt haben. Und er hat uns eine Übersicht gegeben über die aktuelle militärische Lage dort im Camp. Anschließend haben wir gesprochen mit zwei Vertretern des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge – UNWRA – und dann sind wir in das Lager hineingegangen mit palästinensischen Kämpfern und einem Soldat, der uns zugeordnet worden war. Denn eigentlich betritt die syrische Armee das Lager nicht. Die Palästinenser achten sehr darauf, dass sie das Kommando und das sie das Sagen haben im Lager. Und dann sind wir durch verschiedene extrem zerstörte Straßen gegangen, wo überall auch kleiner Gruppen bewaffneter Männer waren. Das waren alles Palästinenser.

weltnetz.tv: Der UN-Gesandte Ramzi war kürzlich in Syrien und hat mit Assad verhandelt. Haben diese Verhandlungen bereits Resultate gezeigt – also sind Hilfsgüter inzwischen dort angelangt? Sind Menschen aus dem Lager herausgekommen?

Karin Leukefeld: Die beiden UNWRA-vertreter, mit denen wir heute morgen gesprochen haben, haben gesagt, dass bis auf 6 -7000 Zivilisten eigentlich alle das Lager verlassen haben. Und zwar durch den nördlichen Teil, durch den Grenzposten, den Kontrollpunkt der syrischen Streitkräfte. Die haben also diese Leute dort heraus gelassen. Sie sind evakuiert worden in Nachbarvierteln, wo sie teilweise in Schulen untergebracht sind. Es handelt sich um eine Zahl von etwa 6-8000 Personen – also man spricht von 1000 Familien. Und es sind Personen im Lager verblieben, die vermutlich enge Kontakte haben zu den bewaffneten Gruppen im Süden des Lagers. Man geht davon aus, dass es Angehörige sind von Familien, deren Männer oder Söhne in den Kampfgruppen aktiv sind und die aus diesem Grund das Lager nicht verlassen. Es gibt im Osten des Lagers, als von Tadamon her, Verteilpunkte von humanitären Hilfsgütern, von Lebensmitteln, von Medikamenten, Tabletten, um Wasser zu reinigen. Diese werden vom syrischen arabischen Roten Halbmond und vom palästinensischen Roten Halbmond verteilt. Die versorgen auch diese Personen, die jetzt in den letzten 10 Tagen aus dem Lager evakuiert worden sind.

weltnetz.tv: Sie haben gerade davon gesprochen, dass sich palästinensische Kampfgruppen im Lager aufhalten. Meinen Informationen zufolge sind aber auch Teile der al-Nusra-Front  noch immer im Lager vertreten, während sich der Islamische Staat zurückgezogen hat. Was wissen Sie darüber?

Karin Leukefeld: Also wenn man mit Leuten aus dem Lager spricht, mit Palästinensern oder auch mit Syrern, die früher dort gelebt haben, wenn man auch mit Sicherheitskräften spricht oder mit dem Militär oder auch mit Leuten, die der Opposition angehören, dann stellt sich das Bild schon etwas anders dar. Es ist so, dass diese bewaffneten Kampfgruppen – die Nusra-Front oder der Islamische Staat oder andere, kleinere islamistisch orientierte Gruppen, die gegen die Regierung kämpfen – die rekrutieren sich im Wesentlichen aus Personen, die entweder aus dem Süden von Jarmuk kommen oder aus dem Umland von Damaskus, aus diesen Orten, die südlich von Jarmuk liegen, z.B. Had al Aswad. Und die werden unterstützt und – nach allem was ich gehört habe – auch finanziert und ausgerüstet von Personen, die aus dem Ausland gekommen sind. Während es im Lager auch palästinensische Gruppierungen gibt, die sich bewaffnet haben, um diese anderen Gruppierungen aus dem Lager wieder herauszudrängen. Es ist also eine sehr komplizierte Situation und die Palästinenser sind an diesem Punkt leider gespalten.

weltnetz.tv: Um ein bißchen Ordnung in die komplizierte Situation zu bringen: Können Sie erläutern, wie es zu diesem Konflikt, zu diesen Kampfhandlungen um Jarmuk gekommen ist?

Karin Leukefeld: Also es ist ja so, dass sich palästinensische Flüchtlinge seit 1948 in Syrien befinden. Jarmuk ist eins der ältesten Lager, das 1957 aber erst offiziell von der UNO betreut und übernommen wurde. Die palästinensischen Flüchtlinge, die dort leben, haben eigentlich die gleichen Rechte wie die Syrer auch, sie haben nur eine andere Nationalität. Und das unterscheidet die Situation der Palästinenser in Syrien von der der Palästinenser im Libanon oder in Jordanien ganz gewaltig. Es gibt eine Vereinbarung, dass die Situationen in den Lagern von den Palästinensern selber organisiert werden. Es gibt soziale Institutionen, es gibt einen eigenen Roten Halbmond der Palästinenser, es gibt eine eigene palästinensische Befreiungsarmee. Und die syrische Armee hält sich also außerhalb dieser Lager auf. Als die Demonstrationen 2011 begonnen haben, waren die Palästinenser gespalten. Von der jüngeren Generation haben viele gedacht, das ist ein Aufstand, den sie unterstützen wollen, während die Älteren sich eher zurückgehalten haben. Denn es gibt ein Prinzip der Nichteinmischung der Palästinenser in Syrien und auch in anderen Ländern, wo sie sich als Gäste betrachten. Denn sie sind ja eigentlich Flüchtlinge, die zurückkehren wollen in ihre palästinensische Heimat. Das Prinzip der Nichteinmischung ist auch das Prinzip der PLO. Aber es gab auch Gruppierungen, die sich anfangs ganz klar auf der Seite der Protestbewegung verortet haben, die sich später auch den bewaffneten Gruppen angeschlossen haben. Es war insbesondere die Hamas, die da eine Rolle gespielt hat, weswegen die Hamas-Führung Syrien dann auch verlassen hat Anfang 2012. Dieser Konflikt war auch präsent in dem Flüchtlingslager Jarmuk. Im Jahr 2012 sind erstmals bewaffnete Gruppen vom Süden her nach Jarmuk einmarschiert. Und die Zivilbevölkerung ist zu Zehntausenden, Hunderttausenden aus dem Lager heraus. Eigentlich innerhalb von einem Tag war das Lager leergefegt. Dadurch haben die bewaffneten Gruppen dort die Oberhand bekommen. Seitdem haben die palästinensischen Gruppen versucht zu verhandeln. Mehrfach wurden Waffenstillstände ausgehandelt, mehrfach wurde gesagt, dass die bewaffneten Kräfte das Lager verlassen sollen – es ist immer wieder gebrochen worden, so dass wir eben heute eine katastrophale Situation dort haben.

weltnetz.tv: Ich wollte nochmal zurückkommen auf den Islamischen Staat, der ja jetzt gerade für die Eskalation in Jarmuk gesorgt hat. Wie sehen aktuell die Machtverhältnisse in Syrien aus? Wie stark ist der Islamische Staat inzwischen geworden - angesichts der Tatsache, dass er bereits bis nach Damaskus vorgedrungen ist?

Karin Leukefeld: Die Gruppierung, die dort in Jarmuk eingedrungen ist, besteht im Grunde aus Personen aus dem Umland von Damaskus, die früher bei der Nusra-Front gekämpft haben. Es gab interne Auseinandersetzungen, so dass die dann zu der anderen Gruppe übergegangen sind. Die Grenzen sind da fließend. Die Leute wechseln häufiger die Fahne. Das hat auch viel damit zu tun, wem man sich jetzt zugehörig fühlt. Das hat viel mit persönlichen Gründen zu tun oder auch mit Geld und der Ausrüstung. Insgesamt in Syrien kann man sagen, dass es in den Gebieten im Nordosten des Landes, in Rakka, Därsor eine starke Präsenz des Islamischen Staates gibt. Aber es gibt teilweise auch eine Art – nicht Vereinbarung, aber – so ein Sichlebenlassen, sag ich jetzt mal, zwischen dem Islamischen Staat auf der einen Seite und der syrischen Armee auf der anderen Seite, obwohl es auch immer wieder zu Kämpfen kommt und zu vielen Toten. Es ist eine sehr unübersichtliche Situation. Der Islamische Staat ist auch präsent im Süden des Landes, in Däraa, im Horan. Ist präsent auf den Golanhöhen. In Idlib und im Umland von Aleppo. Aber das heißt, dass sie dort die Macht ausüben. Die Macht, die vom Islamischen Staat ausgeht, ist im Wesentlichen sein sehr brutales Vorgehen gegenüber den Leuten, die sich ihm nicht unterwerfen oder nicht anschließen. Und wenn man z.B. mit Leuten aus Rakka spricht, von denen viele hierher nach Damaskus kommen, weil sie ins Krankenhaus müssen, weil sie hier ihre Prüfungen absolvieren wollen oder um ihre Gehälter abzuholen, dann merkt man auch, dass die Bevölkerung, selbst wenn sie in Rakka weiterhin lebt, dass sie sich zwar da in die Situation fügen, dass sie aber doch immer wieder nach Damaskus kommen, also in das Gebiet, was unter der Kontrolle der syrischen Regierung und der syrischen Streitkräfte steht.

weltnetz.tv: Sie sagen, man arrangiert sich in gewisser Weise - wie verträgt sich denn damit die Einmischung anderer Staaten? Wir wissen, dass seit Anfang April Kanada Luftangriffe auf den Islamischen Staat in Syrien fliegt. Welche Auswirkungen haben diese Einmischungen?

Karin Leukefeld: Es gibt da eine unterschiedliche Einschätzung, aber wenn man mit Leuten von der politischen Opposition spricht, die sich sowieso gegen den bewaffneten Kampf aussprechen, egal, ob es Syrer sind oder Ausländer oder internationale Mächte – sie sagen, dass die Angriffe eigentlich im Wesentlichen dazu beitragen, den Zorn gegen den Westen zu erhöhen. Denn wenn die Angriffe machen und z.B. Dörfer bombardieren, wo immer wieder auch Zivilisten ums Leben kommen, dann trägt das natürlich dazu bei, dass man gegen diese Angriffe ist und gegen die Staaten, die hinter diesen Angriffen stehen. Und dass man dann eben einen Weg sucht, um sich auch zu bewaffnen und zu kämpfen, nicht unbedingt dann jetzt gegen Syrien, gegen die syrische Regierung (oder im Fall des Iraks gegen die irakische Regierung, sondern einfach um präsent zu sein und um gegen diejenigen zu kämpfen, die ihre Angehörigen getötet haben. Also diese Angriffe sind – das muss man sich auch mal vorstellen: seit über einem halben Jahr fliegen also diese hochgerüsteten westlichen Staaten mit ihren arabischen Bündnispartnern Luftangriffe und trotzdem ist diese Gruppe im Wesentlichen nicht eingeschränkt worden. Dann fragt man sich natürlich, was das überhaupt für einen Sinn hat.

weltnetz.tv: Frau Leukefeld, vielen Dank für das Gespräch!

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