Wohin treibt Syrien?

„Waffen, Waffen, Waffen“

Syrien: Neues Bündnis der Auslandsopposition setzt auf Gewalt. Innersyrische Gruppen nicht beteiligt, fordern Waffenstillstand. Interview mit Karin Leukefeld

15.11.2012

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weltnetz.tv im Gespräch mit Karin Leukefeld, Damaskus, 12. Novmber 2012

Der Hintergrund der Kritik von Seiten der Amerikaner (an der bisherigen Stuktur des Syrischen Nationalrates und der Auslandsopposition) war, dass sich die Auslandsopposition über zwanzig Monate hin nicht hat einigen und dadurch auch keine wirkliche Kraft hat entwickeln können, weder politisch, noch militärisch. Und dass den Amerikanern wohl auch deutlich geworden ist, dass die Oppositionsgruppen, die im Ausland agiert haben, keine große Unterstützung innerhalb des Landes haben. Die Bevölkerung ist sehr zurückhaltend mit allem, was aus dem Ausland kommt. Die Bevölkerung will auch diese militärische Auseinandersetzung nicht. Es gab ein sehr großes Misstrauen der syrischen Opposition hier im Land gegenüber vielen Vertretern des Syrischen Nationalrates. Das konnten wohl auch die USA nicht mehr länger ignorieren und so haben sie dann gesagt, wir müssen ein neues Gremium gründen und dem müssen auch Leute aus Syrien angehören. Das sind aber im wesentlichen Vertreter bewaffneter Gruppen und nicht in erster Linie die politische Opposition hier aus Syrien.“
(Karin Leukefeld)

Unter „mehr“ gibt es das Transkipt des ganzen Gespräches mit Karin Leukefeld und:


„Wir müssen alle Kräfte bündeln, die gegen Gewalt sind“

Louay Hussein, Präsident der syrischen Oppostionsbewegung „Building the Syrian State“ („Den Syrischen Staat aufbauen“) im Gespräch mit weltnetz.tv 



Syrienkorrespondentin Karin Leukefeld im Gespräch mit weltnetz.tv

Damaskus, 12. November 2012
 

weltnetz.tv: Frau Leukefeld, Sie waren zuletzt vor gut drei Monaten in Damaskus und sind jetzt wieder da. Wie macht sich der Krieg direkt in der Hauptstadt bemerkbar? Was hat sich seit ihrem letzten Besuch dort geändert?

Karin Leukefeld: Das, was mir als erstes aufgefallen ist, als ich mitte Oktober wieder hierhergekommen bin, war, dass der Krieg tatsächlich auch die Stadt erreicht hat bzw. Außenbezirke der Stadt erreicht hat: sehr hörbar durch Detonationen und Sprengstoffexplosionen. Und auch durch Luftangriffe der syrischen Luftwaffe. Das hat es im Juli und im August nicht gegeben, als ich das letzte mal hier war.

weltnetz.tv: Wenn Sie sich in der Stadt bewegen und mit den Leuten sprechen: was wird Ihnen geschildert, wie sich das Geschehen im Land auf den Alltag der normalen Bevölkerung auswirkt?

Karin Leukefeld: Die Leute, mit denen ich spreche, sind alle sehr bedrückt. Das muss man sagen, das hat sich verstärkt. Seit Beginn der Unruhen und der militärischen Auseinandersetzungen sind die Menschen wirklich sichtbar bedrückt und traurig über das, was in ihrem Land geschieht.

Ich spreche mit Inlandsvertriebenen, die durch die Kämpfe aus dem Umland oder aus den Vorstädten von Damaskus vertrieben wurden. Sie berichten eigentlich alle, dass bewaffnete Gruppen in ihre Wohnbezirke eingedrungen sind, dass daraufhin Sicherheitskräfte und die Armee diese bewaffneten Gruppen zurückgedrängt haben, dass sie sich als Zivilisten extrem unsicher gefühlt und versucht haben, ihre Wohnungen zu verlassen. Teilsweise sind sie zum verlassen ihrer Wohnungen auch von einer der beiden Kampfseiten aufgefordert worden. Nun leben sie bei Verwandten in sehr beengten Verhältnissen. Ich habe von einer Familie gehört, die insgesamt sechs Familienangehörige aufgenommen hat, die sich jeweils ein Zimmer in der Wohnung teilen. Manche leben in preisgünstigen Hotels und warten ab, wie es weitergeht. Viele sind aber auch in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Sporthallen untergebracht und werden dort vom „syrisch-arabischen Roten Halbmond“ und vom „Internationalen Komitee vom Roten Kreuz“ mit Lebensmitteln versorgt. Mit Decken, jetzt wird es ja Winter, es ist nachts kalt. Darunter leiden die Menschen.

Wer noch in seiner Wohnugn sein kann, ist damit konfrontiert, dass der Alltag sehr beschwerlich geworden ist. Der Transport innerhalb von Damaskus ist sehr schwierig geworden, viele Straßen sind abgesperrt. Dadurch staut sich der Verkehr auf den Straßen, die noch frei sind, unglaublich. Es ist alles teurer geworden. Der Bus ist teurer geworden, das Taxi ist teurer geworden. Und natürlich sind die Lebensmittel viel teurer geworden. Die ganze Situation hat sich enorm verschärft.

weltnetz.tv: Man liest auch hier immer wieder von schweren Bombenanschlägen, auch in Damaskus. Autobombenanschlägen, vor allem. Gegen wen sind diese Anschläge eigentlich gerichtet? Und welche Zwecke verfolgen sie und wer führt sie aus?

Karin Leukefeld: Es gibt keine Aufklärung darüber, wer tatsächlich diese Anschläge durchführt. Es gibt teilweise Erklärungen von Seiten oppositioneller Gruppen, die allerdings im Allgemeinen im Ausland sitzen. Die sagen dann zum Beispiel: Dieser Anschlag hat in der Nähe eines Gebäudes des Sicherheitsdienstes stattgefunden, oder in der Nähe einer militärischen Einrichtung. Und so vermutet man, dass möglicherweise auch Aufständische hinter diesen Anschlägen stecken. Andererseits muss man sagen, dass alle Bombenanschläge der vergangenen zwei oder drei Wochen, die hier in Damaskus und Umgebung stattgefunden haben, immer in Wohnvierteln stattgefunden haben, oder auf Straßen und belebten Plätzen. Dadurch sind natürlich sehr viele Zivilisten ums Leben gekommen. Letztendlich kann man aber nicht genau feststellen, wer die Urheber dieser Anschläge sind. Es sind mit Sprengstoff gefüllte Fahrzeuge, die offensichtlich mit Fernzündung zur Detonation gebracht werden. Es gibt aber auch Anschläge mit Mörsergranaten auf Wohnviertel.

Es gibt ja hier eine ganz aktive facebookgemeinde, die über das, was gerade geschieht, kommuniziert. Bei einem Mörsergranatenanschlag auf ein sehr dicht besiedeltes Wohnviertel hier in Damaskus gab es zum Beispiel einen facebook-Kommentar: „Jetzt merkt ihr mal, wie es ist, wenn unsere Viertel immer bomadiert werden!“ Da wird ein Unterton deutlich, der die Gesellschaft auch extrem spaltet.

weltnetz.tv: Syien war immer ein sog. Vielvölkerstaat. Es haben verschiedene ethnische und religiöse Gruppen miteinander gelebt. Wie wirkt sich nun der Krieg auf dieses Zusammenleben oder Nebeneinanderleben aus?

Karin Leukefeld: Das wird leider immer deutlicher. Es gibt einen verbalen und auch tätlichen Konflikt zwischen den unterschiedlichen Volks- und Religionsgruppen, der sich auf verschiedenen Ebenen abspielt. Auf der einen Seite merkt man, dass über bestimmte Fernsehsender zum Beispiel immer wieder transportiert wird, dass der syrische Staat einen „Krieg gegen die Sunniten“ hier in Syrien führt. Sunnitische Muslime sind die Mehrheitsgruppe in der syrischen Bevölkerung. Diese Fernsehsender transportieren die Aussage: „Der Staat greift die Sunniten an“. Das hat zur Folge, dass es Milizen und Gruppen gibt, die wiederum Alawiten angreifen, denn die Familie des Präsidenten gehört dieser alawitischen Volks- und Religionsgruppe an, die, wenn man es vom Islam her sieht, eine schiitische Gruppe ist. So hat man also diesen Konflikt Sunniten gegen Schiiten. Man muss einfach sagen, dass das durch die Medien und durch die öffentliche Debatte auch sehr verstärkt wird.

Dann hat man wiederum die kurdische Gemeinschaft, die im Norden des Landes lebt. Die versucht ganz explizit, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten, wird aber immer wieder durch Angriffe provoziert. Man hat zum Beispiel Tscherkessen, die auf dem Golan leben. In den letzten zwei Wochen gab es durch Angriffe von bewaffneten Gruppen den Versuch, auch diese Volksgruppe in den Konflikt hineinzuziehen. Und natürlich die Palästinenser, die in verschiedenen Lagern hier in Syrien leben, seit 1948. Auch die sollen durch gezielte Angriffe in den Konflikt einbezogen werden. Obwohl all diese Gruppen, die ich zuletzt genannt habe, explizit erklärt haben, dass sie sich aus diesem Krieg heraushalten und damit nichts zu tun haben wollen.

weltnetz.tv: Was sind es denn für Angreifer, die z.b. auf christliche Gruppen Anschläge durchführen. Kann man das genauer sagen?

Karin Leukefeld: Das ist richtig, es hat hier auch in den christlichen Vierteln Sprengstoffanschläge gegeben. Es gibt ja Gruppen, die einem extremen Islam folgen: Dschihadisten- oder Al-Khaida-Gruppen, die sicherlich die Christen auch angreifen könnten, muss man explizit sagen, weil auch diese versuchen, sich aus dem Konflikt herauszuhalten bzw. das Regime eher stützen. Aber wie gesagt: man weiß nicht genau, wer tatsächlich hinter diesen Anschlägen und Angriffen steckt.

Von Kurden im Norden habe ich gehört, dass sie sehr stark den Eindruck haben, dass von der Türkei her solche Gruppen über die Grenze kommen, um die Kurden direkt anzugreifen und sie in einen Konflikt zu verwickeln.

Wer nun die Tscherkessen auf dem Golan angreift, das ist wirklich ein großes Fragezeichen… Die haben sich wirklich aus dem Konflikt völlig herausgehalten. Man kann nur vermuten, dass durch diese ganzen Angriffe die Gesellschaft insgesamt destabilisiert und verunsichert werden soll. Dass also auch Misstrauen gesät werden soll, was dazu beiträgt, dass die Menschen sich auch voneinander trennen, sich voneinander absetzen und distanzieren.

weltnetz.tv: Das ist ein Muster, dass einem aus dem Irak bekannt vorkommt. Kann man das vergleichen?

Karin Leukefeld: Das war und ist ja die große Angst der Syrer, dass es ihnen so ergehen wird wie den Irakern. Ich möchte es noch nicht wirklich mit Irak vergleichen, auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass zum Beispiel die Art der Sprengstoffanschläge, die hier in Damaskus und auch in anderen Städten stattgefunden haben, durchaus ein Muster haben, wie es auch in Baghdad in den Jahren zwischen 2004 und 2007 gewesen ist und eigentlich ja bis heute noch. Jeder Konflikt hat natürlich auch ein eigenes Gesicht, jede Gesellschaft hat eine eigene Struktur und Befindlichkeit. Aber man muss sagen, dass es zumindest in die Richtung geht, wie es im Irak geworden ist.

weltnetz.tv: Es hat vor wenigen Tagen in Doha ein größeres Treffen von Oppositionsgruppen gegeben. Welches Spektrum der Opposition hat sich da versammelt? Oder war es die ganze Vielfalt der syrischen Opposition? Und welche Ergebnisse hat es gegeben?

Karin Leukefeld: Die einzelnen Namen der Gruppen, die sich dort beteilgt haben, sind mir nicht bekannt. Es heißt, dass sich eine Vielzahl von syrischen Oppositionsgruppen versammelt haben. Vielleicht waren es ungefähr dreißig, das war eine Zahl, die ich gelesen habe. Die beiden Hauptgruppen sind auf jedenfall der „Syrische Nationalrat“, der ja auch schon die letzten Monate über bekannt gewesen und aufgetreten ist, und eine Gruppe um den syrischen Geschäftsmann und Oppositionellen Riad Seif. Der hatte ein Bündnis von syrischen oppositionellen Geschäftsleuten gegründet. Ich glaube er lebt in Deutschland, im Ausland auf jedenfall, er ist nicht mehr in Syrien.

Es gab Druck von Seiten der USA, von Seiten Europas und der Golfstaaten, dass die verschiedenen Gruppen der Opposition sich zusammenschließen sollen. Sie haben nun eine „Nationale Koalition der Syrischen Revolutionäre und der oppositionellen Kräfte“ gebildet und sich einen Vorstand aus fünfzig Personen gegeben. Darin ist auch der Syrische Nationalrat vertreten. Der Vorsitzende dieses Gremiums ist Herr Moaz al-Khatib. Er war früher der Imam der Umayyaden-Moschee hier in Damaskus, hatte sich der Opposition angeschlossen, war einige Male im Gefängnis und hatte sich dann im Juli dieses Jahres nach Kairo abgesetzt.

Man wird sehen, ob die sich in diesem Gremium vertragen, was sie auf die Beine stellen. Auf jedenfall bekommen sie die Unterstützung der Amerikaner, der Golfstaaten und von Europa.

Wer diesem Gremium auch angehört, so heißt es jedenfalls, sind Vertreter der bewaffneten Aufständischen. Wer das im einzelnen ist, kann ich nicht sagen. Es heißt, es sei der „revolutionäre Militärrat“. Angeblich haben sich die bewaffneten Aufständischen zu Militärräten in den einzlenen Städten zusammengeschlossen. Das Obergremium dieser Militärräte soll nun also auch in diesem neuen Gremium vertreten sein. Das lässt sich schwer verifizieren, wer das im einzelnen ist, was diese Militärräte nun für eine Position vertreten… Es ist aber auf jedenfall so, dass auch die bewaffneten Gruppen diesem Gremium angehören.

Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht noch der neue, gewählte Vorsitzende des „Syrischen Nationalrates“, George Sabra. Er ist aus der Umgebung von Damaskus. Auf die Frage „Was braucht die syrische Opposition am allerdringendsten?“ hat er geantwortet: „Waffen, Waffen, Waffen“. Das heißt, sie orientieren weiterhin auf eine militärische Lösung, zum Sturz der hiesigen Regierung und zum Sturz von Präsident Baschar al-Assad.

Es ist allerdings so, dass innersyrische Oppositionsgruppen nicht eingeladen waren bzw. an diesem Treffen nicht teilgenommen haben. Die innersyrischen Oppositionsgruppen sind nicht zu unterschätzen. Sie zeichnet vor allen Dingen aus, dass sie keine militärische Lösung wollen, dass sie eine gewaltlose Entwicklung wollen, mit einer Übergangsregierung, hin zu Neuwahlen des Präsidenten und des Parlaments.

weltnetz.tv: Was sind die Gründe dafür, dass explizit die USA unzufrieden waren mit der bisherigen Struktur des Syrischen Nationalrates?

Karin Leukefeld: Der Hintergrund der Kritik von Seiten der Amerikaner war, dass sich die Auslandsopposition über zwanzig Monate hin nicht hat einigen und dadurch auch keine wirkliche Kraft hat entwickeln können, weder politisch, noch militärisch. Und dass den Amerikanern wohl auch deutlich geworden ist, dass die Oppositionsgruppen, die im Ausland agiert haben, keine große Unterstützung innerhalb des Landes haben. Die Bevölkerung ist sehr zurückhaltend mit allem, was aus dem Ausland kommt. Die Bevölkerung will auch diese militärische Auseinandersetzung nicht. Es gab ein sehr großes Misstrauen der syrischen Opposition hier im Land gegenüber vielen Vertretern des Syrischen Nationalrates. Das konnten wohl auch die USA nicht mehr länger ignorieren und so haben sie dann gesagt, wir müssen ein neues Gremium gründen und dem müssen auch Leute aus Syrien angehören. Das sind aber im wesentlichen Vertreter bewaffneter Gruppen und nicht in erster Linie die politische Opposition hier aus Syrien.

weltnetz.tv: Konnten sich die innersyrischen Gruppen, die den bewaffneten Kampf ablehnen und einen friedlichen Wandel wollen, zu einem ähnlichen Bündnis zusammenschweißen? Oder gibt es da eine große Zersplitterung?

Karin Leukefeld: Es ist für die Gruppen hier im Land nicht einfach, sich zusammenzuschließen. Ende September gab es eine Konferenz von Oppositionsgruppen hier im Land, unter dem Motto „Die syrische Heimat retten“. Insbesondere richtete sich diese Konferenz gegen die zunehmende Militarisierung des Konflikts. Es gab einen Aufruf zu einem Waffenstillstand. Diese Gruppen stehen in enger Verbindung mit Lakhdar Brahimi (Sondergesandter der Vereinten Nationen und der Arabsichen Liga für Syrien) und mit den Vereinten Nationen, der UN-Mission, die hier im Land immer noch politisch aktiv ist und Gespräche führt. Aber sie konnten sich bisher noch nicht in dem Ausmaße vernetzen und aktiv werden, wie es sicherlich erforderlich wäre. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass einzelne Vertreter dieser innersyrischen Opposition auch immer noch wieder verhaftet werden oder verschleppt werden. Von Sicherheitskräften oder von Unbekannten. Das ist natürlich auch eine Gefährdung für diese Leute. Und die Kriegssituation im Land macht es natürlich extrem schwer, eine politische Organisation oder Organisierung innerhalb des Landes aufzubauen. Dazu braucht man natürlich auch die Medien. Und da muss man sagen, dass etliche dieser Oppositionsgruppen gesagt haben, sie wollen in syrischen Medien nicht autreten, weil sie diese Medien kritisieren und ablehnen. Mitlerweile ist es aber so, dass sie doch beschlossen haben, mit einzelnen Medien hier zu arbeiten, dort aufzutreten und Fragen zu beantworten, so dass die syrische Bevölkerugn auch mehr über die erfährt. Ausländische Medien ignorieren die innersyrische Opposition im wesentlichen, so dass die Syrer selber, die sehr viel fernsehen, von der Opposition innerhalb des Landes nicht wirklich viel erfahren.

Eine sehr interessante Initiative, die jetzt gerade auf die Beine gestellt wird, geht von Frauen aus. „Frauen für Frieden in Syrien“ ist eine neue Initiative, an der u.a. auch die Bewegung „Den Syrischen Staat aufbauen“ mitarbeitet, die kürzlich auch in Deutschland gewesen ist. Die wollen eine Vernetzung von Frauen landesweit erreichen und aufbauen, um für einen gewaltfreien Weg, für Frieden hier in Syrien zu arbeiten.

weltnetz.tv: Karin Leukefeld, vielen Dank für dieses Gespräch!

Karin Leukefeld: Danke Ihnen auch!

 

 

„Wir müssen alle Kräfte bündeln, die gegen Gewalt sind“

Louay Hussein, Präsident der syrischen Oppostionsbewegung „Building the Syrian State“ („Den Syrischen Staat aufbauen“) im Gespräch mit weltnetz.tv

7.11.2012

Übersetzung aus dem Arabischen: Khalil Toama


weltnetz.tv: Herr Hussein, Sie sind seit vielen Jahren Gegner der Regierung Assads und haben im Oktober 2011 die innersyrische Oppositionsbewegung „Building the Syrian State“, deren Präsident Sie auch sind, mitgegründet. Wofür steht Ihre Organisation?

Louay Hussein: Wir sind eine politische Organisation, die das Ziel hat, das herrschende Regime in Syrien mit friedlichen Mitteln zu beseitigen. Wir versuchen, durch Verhandlungen eine demokratische Gesellschaft und einen demokratischen Staat in Syrien aufzubauen. 

weltnetz.tv: Welchen Einfluß hat „Building the Syrian State“ auf die Geschehnisse in Syrien? Wie groß ist die Bewegung?

Louay Hussein: Es gibt keine Statistiken darüber. Aus dem einfachen Grund, weil wir eine illegale Organisation sind. Wir können nicht öffentlich auftreten. Aber durch die Kommunikation mit der Bevölkerung spüren wir, daß wir einen Einfluß in Syrien haben. 

weltnetz.tv: Können Sie schildern, wie die innersyrische Opposition – ich meine damit die politische – Opposition aussieht? Gibt es viele Gruppen wie Ihre und wie sind Sie untereinander vernetzt? Gibt es ein gemeinsames Programm?

Louay Hussein: Das gemeinsame Ziel aller politischen Gruppen, die gegen die Regierung sind, besteht darin, das Regime so zu beseitigen, daß die Gesellschaft nicht darunter leidet und der Staat nicht zerfällt. Ein gemeinsames Ziel ist es, in Syrien Demokratie einzuführen. 

weltnetz.tv: Sie bestehen ausdrücklich darauf, den demokratischen Wandel ohne Gewalt in Gang setzen zu wollen. Wie stehen Sie den Gruppierungen der Freien Syrischen Armee, die ja mit Waffen agieren, gegenüber?

Louay Hussein: Ein Teil der Soldaten, die bei der Freien Syrischen Armee kämpfen, sind junge syrische Soldaten, die sich einfach schützen wollen. Sie sind gegen die unterdrückende Politik, die das Regimes gegen die Bevölkerung macht. Gegen diese Menschen haben wir gar nichts. Aber wir haben viel gegen die Mittel, die sie benutzen, um ihre Ziele zu erreichen. 

Nicht alle, die in Syrien kämpfen und zur Waffe greifen und auch Bombenangriffe durchführen, stammen aus Syrien. Gegen diese Leute, gegen ihre Mittel und gegen ihre Ideologie kämpfen wir. Die akzeptieren wir nicht. 

weltnetz.tv: Sie wenden sich gegen eine Einmischung von außen. Können Sie beschreiben, inwieweit von außen – von Staaten des Westens – Einfluß auf die Geschehnisse in Syrien genommen wird?

Louay Hussein: Die westlichen Mächte intervenieren in Syrien, um für die syrische Bevölkerung die Zukunft aufzubauen. Das heißt, sie haben kein Vertrauen in unseren Willen, unser neues Leben selbst zu gestalten. Die Europäer wollen das für uns übernehmen. Wir lehnen diese Einflußnahme von außen ab. Die Europäer sollen uns in Ruhe lassen; sie sollen uns auch die Möglichkeit geben, unser Schicksal selbst zu bestimmen und sie sollten sich nicht verhalten, als ob sie die Oberlehrer oder die Väter des syrischen Volkes wären.  

Noch schlimmer ist jedoch die andere Sorte von „Unterstützung“: die Ausbildung von bewaffneten Syrern in westlichen Staaten, die Bewaffnung verschiedener Gruppen, die gegen die Syrer kämpfen und vor allem die Legalisierung ihrer Kämpfe, indem man sie in den Hauptstädten der europäischen Länder hofiert. 

weltnetz.tv: Wie wollen Sie politischen Druck aufbauen – einerseits gegen das, was Sie gerade beschrieben haben – also gegen die Einflußnahme von außen – andererseits aber auch gegen die Regierung Assads?

Louay Hussein: Ich glaube, wenn alle Kräfte, die gegen Gewaltanwendung sind – bei uns und auch im Ausland –  zusammen arbeiten und sich gemeinsam organisieren, werden wir genug Kraft schöpfen, um das Assad-Regime zu Verhandlungen mit uns zu zwingen. So können wir auch erreichen, daß die bewaffneten Gruppen ihre Waffen niederlegen. Nur durch die Bündelung aller Kräfte, die gegen Gewaltanwendung sind, kann man diese Ziele erreichen. 

weltnetz.tv: Können Sie die Entwicklung Ihrer Organisation beschreiben? Haben Sie den Eindruck, daß die innersyrische Opposition wächst?

Louay Hussein: Ja, gewiß. Diese vielen jungen und älteren Menschen, die auf die Straße gegangen sind und demonstriert haben und weiterhin demonstrieren, sind immer noch in Syrien, die leben ja nicht im Exil. Aber diese Gruppen sind für die Medien – sowohl für die arabischen, als auch für die ausländischen - uninteressant. Man beachtet sie überhaupt nicht. 

weltnetz.tv: Eine letzte Frage. Sie halten sich seit ein paar Tagen in Deutschland auf – hatten Sie Gelegenheit, mit der Bundesregierung über den friedlichen Wandel in Syrien zu sprechen?

Louay Hussein: Nein, bis jetzt hatten wir keine Möglichkeit, die Regierung zu treffen, aber mit anderen Politikern, die nicht an der Regierung sind, haben wir schon gesprochen. 

weltnetz.tv: Herr Hussein, wir danken Ihnen für das Gespräch.    

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