Ermordet: Libyscher Präsidentschaftskandidat Saif al-Islam Gaddafi

Es gibt viele, zum Teil antagonistische Kräfte, die aus dem Tod von Muammar al-Gaddafis Sohn Nutzen ziehen können

2018 und 2021 ließ sich Saif el-Islam Gaddafi als Kandidat für Präsidentschaftswahlen registrieren. Da ihm laut Umfragen über 45% der Stimmen sicher waren, wurden sie abgeblasen.

19. Februar 2026
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Ermordet: Libyscher Präsidentschaftskandidat Saif al-Islam Gaddafi
Lesezeit: ca. 3 Minuten

Dritter Februar in der 135 km südlich von Tripolis liegenden Oasenstadt Sintan. Gegen 14 Uhr, am helllichten Tage, wird dort Saif al-Islam al-Gaddafi in seinem Anwesen erschossen – der Sohn des 2011 getöteten Staatsoberhaupts Muammar al-Gaddafi. Von dem vierköpfigen Kommando, das den Mord professionell ausführte, fehlt jede Spur. Unwahrscheinlich ist, dass er je aufgeklärt wird, da es viele, zum Teil antagonistische Kräfte gibt, die aus dem Verschwinden von Saif al-Islam Gaddafi Nutzen ziehen können.
Sein Name bedeutet Schwert des Islam. Als voraussichtlicher Nachfolger seines Vaters war er das gegenüber dem Westen versöhnliche, modernere Gesicht Libyens. Er hatte in Wien ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften und in London ein Doktorat in Politik- und Sozialwissenschaften erworben und wurde von seinen Lehrern als brillant eingeschätzt. In diplomatischen Verhandlungen leitete er die Entschädigung der Opferfamilien des Flugzeuganschlags von Lockerbee. In Libyen selbst setzte er eine vorsichtige Liberalisierung der Medien durch und gründete einen großen Wohltätigkeitsfonds für die islamische Welt, der ein Gegengewicht zu zahlreichen islamistischen Wohltätigkeitsorganisationen bildete.
Am Anfang des im Februar 2011 beginnenden Bürgerkriegs warnte er vor ausländischer Einmischung, die die Gefahr eines hohen Blutzolls sowie langen sozialen Niedergangs mit sich bringen würde. Die Libyer, die den höchsten Lebensstandard Afrikas genossen, rief er zum Widerstand. In der falschen Hoffnung, dass ein islamistisches Libyen nicht im Interesse der USA sein könne, beschwor er diese noch, die zunächst vor allem von Frankreich angefachte Rebellion zu stoppen. Aber in Übertretung eines UN-Beschlusses nahmen die USA an den Bombardierungen etlicher NATO-Staaten teil, die schließlich zum Regime-Change führten.
Für Menschenrechtsverbrechen an Aufständischen verantwortlich gemacht, wurde Saif al-Islam Gaddafi im September 2011 vom Internationalen Strafgerichtshof zur Fahndung ausgeschrieben, aber nicht ausgeliefert. Die Rebellengruppe aus Sintan, die ihn im Oktober gefangen nahm, verweigerte auch seine Übergabe an die neuen islamistischen Machthaber in Tripolis. Zum 2013 stattfindenden Prozess gegen Überlebende der alten Machtelite wurde er nur digital zugeschaltet und entging so auch der Vollstreckung des Todesurteils.
Die Sintan-Stämme sahen in Saif al-Islam Gaddafi offenbar ein Faustpfand für eine dritte Alternative zu der sich verfestigenden Spaltung Libyens. Es ist zerfallen in den kleinen, von der Türkei gestützten tripolitanischen Teil, wo sich immer wieder islamistische Milizen bekämpfen und in den größeren Teil, der die Cyrenaika sowie erhebliche Territorien des Südens umfasst. Er wird von dem dezidiert antiislamistischen Marschall Khelifa Haftar geführt.

Als die Vereinten Nationen 2018 und 2021 versuchten, die Spaltung Libyens durch Präsidentschaftswahlen zu beseitigen, ließ sich auch Saif el-Islam Gaddafi als Kandidat registrieren. Da er laut Umfragen mit über 45 % der Stimmen die Wahlen gewonnen hätte, wurden sie zwei Mal abgeblasen.
Einige Kommentare suggerieren, dass Gaddafi junior nicht nur für tripolitanische Kandidaten als schwieriger Konkurrent galt, sondern vor allem für Haftars Parteigänger. Dagegen spricht, dass bereits 2018 ein ostlibysches Gericht die Todesstrafe annullierte und ihn zum wählbaren freien Mann erklärte. 2025 folgte dem auch der Oberste Gerichtshof. Das legt nahe, dass für den Mord auch nichtlibysche Auftraggeber infrage kommen. Saif al-Islam hat über seinen Anwalt der französischen Justiz Beweise übermittelt, wonach der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy 2007 von seinem Vater erhebliche Geldsummen zur Unterstützung seines Wahlkampfs erhielt. Das führte kürzlich zur Verurteilung Sarkozys in Frankreich. Gaddafi junior soll auch sensible Dossiers über andere westliche Persönlichkeiten besessen haben. Von seiner Popularität wollte die tripolitanische Regierung – auf deren Territorium das Mordkommando agierte und entkam – wohl schon profitieren, indem sie zuließ, dass Tausende zum Begräbnis strömten.
Auf jeden Fall dürfte der Weg für Wahlen geebnet sein. Ihr Ergebnis wird indes kaum dem freien Willen der , Libyer entsprechen. In Europa war der Mord nur eine Schlagzeile wert. Anders in Afrika, wo Gaddafi senior als wichtige antiimperialistische Persönlichkeit galt. Er versuchte, den innerafrikanischen Zusammenhalt zu stärken und plante sogar Investitionen in eine transnationale Währung. Insbesondere in den Sahelstaaten hoffte man wohl, durch ein von seinem Sohn geführtes Libyen wieder großzügig unterstützt zu werden.

Ein Artikel mit weitgehend gleichem Inhalt erschien unter dem Titel : Am helllichten Tag in Sintan. In : Der Freitag no. 8 v. 12. 2. 2026, S. 8.in Der Freitag




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