Katarina Witt über Diether Dehms neuen Roman

Ein Strohhalm Hoffnung

Diether Dehms neuer Roman „Rebecca“ geht einem der spektakulärsten Skandale der Nachkriegszeit nach: dem Mordfall Nitribitt. Seine Mutter und Großmutter waren Zeugen im Mordprozess.

13. Januar 2026
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Katarina Witt über Diether Dehms neuen Roman
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Mit meinem früheren Medienberater Diether Dehm verbindet mich seit den späten 80er-Jahren eine langjährige Bekanntschaft, die sich zu einer verlässlichen Freundschaft entwickelte. Selbst wenn es in den letzten Jahren nur wenige Begegnungen waren, verfolge ich sein berufliches Schaffen und bin immer wieder über seinen Mut erstaunt, zu polarisieren und keinem Konflikt aus dem Weg zugehen.
Und nachdem mir Diether Dehm seinen neuen Roman zugeschickt hatte, machte mich die Bandbreite von Medien, die ihn loben, wirklich neugierig. Obwohl sie politisch-philosophisch alle weit auseinanderliegen.

Diether Dehm und Katarina Witt in Berlin im Jahr 1991
Diether Dehm und Katarina Witt in Berlin im Jahr 1991. (Fredericke von Stackelberg/dpa)

Die „Fuldaer Zeitung“ nennt „Rebecca“ ein „erzählgewaltiges Werk“. Und die „UZ“ schreibt: „Früher musste man Böll lesen, um den Rheinischen Kapitalismus zu begreifen, jetzt kann Dehm zurate gezogen werden … spannend bis zum Schluss.“ Der Sender „Hitradio FFH“ lobt das „große Sittengemälde“. Die Plattform „Nachdenkseiten“ nennt „Rebecca“ eine „Hommage an die Arbeiterklasse“ und ein „Friedensbuch“ mit „starken weiblichen Hauptfiguren“.

Es ist für mich immerhin ein Trost, dass sich in unserer ideologisch so zerrissenen Republik Rezensenten unterschiedlicher geistiger Herkunft wenigstens mal gemeinsam auf ein Kunstwerk einigen können.

Einer der spektakulärsten Skandale der Nachkriegszeit

Anfang der Neunziger Jahre hatte mir Diether Dehm oft „sein“ Frankfurt am Main gezeigt: Fußballstadien, Orte der Friedensbewegung und sogar illegale Treffpunkte während der Nazizeit. Worüber er aber damals nie gesprochen hat, war die Verbindung seiner eigenen Familiensaga zu einem der spektakulärsten Skandale der Nachkriegszeit. Den, sagte er mir, habe er verdrängt, bis er mit diesem Roman begonnen hat: den Mordfall Nitribitt.

Filmszene aus "Das Mädchen Rosemarie"
Filmszene aus „Das Mädchen Rosemarie“. (Constantin Film)

Seither sind darüber ein Kino- und ein Fernseh-Quotenschlager unter dem Titel „Das Mädchen Rosemarie“ nach dem Roman-Bestseller von Erich Kuby entstanden – 1958 von Rolf Thieleund 1996 von Bernd Eichinger. Kinostars wie Mario Adorf, Gerd Fröbe, Til Schweiger und Heiner Lauterbach spielten die Halbschönen und Superreichen, die bei der Edelprostituiertenverkehrt haben sollen. Die Nitribitt selbst wurde erst von Nadja Tiller und später von Nina Hossdargestellt.

Diether Dehm hat nicht nur ausgiebig recherchiert. Er war auch als Achtjähriger selbst mit dem Fall verbandelt, nachdem die 24-jährige Rosemarie Nitribitt Anfang November 1957 in ihrem Luxusappartement am Eschenheimer Turm erwürgt aufgefunden worden war. Was ich jetzt erst von Diether Dehm erfuhr, als ich seinen Roman in der Hand hielt: Seine Mutter und Großmutter waren 1960 Hauptzeugen im Mordprozess.

Im Kino und in zahlreichen TV-Dokumentationen wurden immer wieder Vermutungen darüber angestellt, warum es vielleicht doch nicht nur kriminalistische „Schlampereien“ waren, durch die westdeutsche Politprominenz und schwerreiche prominente Namen von der Frankfurter Polizei geschont wurden. Obwohl sie im Kundenbüchlein der Edelprostituierten standen und bei ihr Geschenke und Fingerabdrücke hinterlassen hatten.

Diether Dehm geht vertuschten Spuren nach

In seinem Roman „Rebecca“ (was der Annoncen-Name der Nitribitt war) geht Diether Dehm über Andeutungen hinaus und vertuschten Spuren nach. Weshalb zum Beispiel verschwanden über 500 Seiten der Kriminalakte? Warum waren Temperatur und Gegenstände am Tatort manipuliert worden? Warum wurden Zigtausende von D-Mark Schweigegeld an den Hauptverdächtigen gezahlt, um dessen Artikelserie in der Illustrierten „Quick“ zu unterbinden? Bloß, um alles nach einem schlichten Raubmord im Rotlichtmilieu aussehen zu lassen?

Dieter Dehm auf einer Kundgebung und Demonstration der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke.
Diether Dehm auf einer Kundgebung und Demonstration der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke. (IPON/imago)

Im Zentrum des Romans steht die Bankenmetropole Frankfurt in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Als Bonn noch nicht Bundeshauptstadt war, wurden dort bereits das neue Westdeutschland, seine Währung, die Wiederaufrüstung, Vorzugsaktien, Steuermodelle und Konzernfusionen geplant. Auch – folgt man dem Roman – wurde dort erörtert, wie die ärmere „sowjetisch besetzte Zone“ vom „reichen Westen“ noch schlauer ins finanzielle Hintertreffen gedrückt werden konnte.

Diether Dehms Vater war ein berühmter Fußballspieler, Otto Hermann im Roman. Seine Familie lebte Tür an Tür mit dem Hauptverdächtigen im Mordprozess: Heinz Pohlmann. Seine Mutter war eine Tochter aus höherem Hause – ebenso die Romanfigur Helene. Deren Liebe überwindet den Klassenunterschied. Sie schlägt sich während des bedeutendsten, wenn auch bis heute beschwiegenen Nachkriegsstreiks auf die Seite des Sozialdemokraten Otto und die der Arbeiter – und damit gegen ihren eigenen Vater, den Firmenchef.

Am bewegendsten für mich ist diese Liebesgeschichte von Helene zum Fußballstar Otto –also der höheren Tochter aus einer Industriellenfamilie zum sozialdemokratischen Hinterhof. In einem Frankfurt, wo Ruinenfelder und Baracken direkt an prunkvolle Neubauten und Bankhäuser grenzten.

„Rebecca“ ist der erste Band der Trilogie „Aufstieg und Niedertracht“

Der Fußball und die Rivalität zwischen dem Arbeitersportverein „FSV“ und der reicheren „Eintracht“ wurzeln tief in Frankfurts größtem Stadtteil Bornheim, wo Diether Dehm aufwuchs. Und sie sind mehr als nur Begleitmusik in diesem Roman.

Frankfurt am Main im Jahre 1950.
Frankfurt am Main im Jahre 1950. (United Archives/imago)

„Rebecca“ ist der erste Band der Roman-Trilogie „Aufstieg und Niedertracht“ aus der Zeit von1947 bis 1995. Ich freue mich schon auf den zweiten Band, der „Katharina“ heißen soll (aber mit h), und natürlich nichts mit mir zu tun hat. Dafür mit der DDR, mit Innensichten des westdeutschen Bundestags in Bonn und Berlin, mit Parteiintrigen, der sogenannten Wende und ihren Folgen.

Lebensgeschichten interessieren mich, am liebsten auf der Leinwand mit den großen Schauspielhelden unserer Gegenwart. Aber was gibt es Spannenderes, als mit einem Buch, welches mich fesselt, in die Vergangenheit abzutauchen, dem Heute mal kurzzeitig zu entfliehen und irgendwie an dem Strohhalm Hoffnung festzuhalten, dass die Zukunft mit Vernunft und Ehrlichkeit gestaltet wird.

Diether Dehm: Rebecca. Aufstieg und Niedertracht. Berlin: Verlag Das Neue Berlin 2025, 632 S., 28 Euro

Personen: Diether Dehm, Katarina Witt, Rosemarie Nitribitt


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