Wie wird Deutschland zur Friedensmacht?

Hauke Ritz analysiert, wie aus dem ´Universalismus` der Aufklärung die ´Freiheit des Individuums` und schließlich die aktuelle Kriegsbereitschaft erzeugt wurde. Rezension von Dr. Sabine Kebir

Dass Geisteswissenschaften, Kultur und Kunst im Westen nicht staatlich gesteuert seien, ist eine Legende. Die Kritik der Medien müßte das Fundament neuer Aufklärung in Europa und in Deutschland werden.

5. Februar 2026
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Wie wird Deutschland zur Friedensmacht?
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Mit seinem auf die Eskalationsgefahr des Ukrainekrieges bezogenen Buchtitel ´Warum der Weltfrieden von Deutschland abhängt`, hat Hauke Ritz eine scheinbar überdimensionierte These aufgestellt. Sie wird einsichtiger, wenn er darauf verweist, dass sich in Deutschland das Logistikzentrum für die Waffenhilfe und das militärische Koordinationszentrum der USA für die Ukraine befinden. Die Vereinigten Staaten könnten die Ukraine ohne Deutschland nicht „als kriegsführenden Stellvertreter für ihre Erbfeindschaft mit Moskau nutzen“. Dass sich Donald Trump mittlerweile aus dem aus seiner Sicht aussichtlos gewordenen Krieg zurückzieht, ändere nichts an der Schlüsselrolle, die Deutschland nach wie vor in dem Konflikt spielt. Schließlich will es sich an die Spitze der europäischen Falken setzen. Um seine These zu untermauern, holt Ritz weiter aus als landläufige Erklärungen über die ungebrochene Tradition des deutschen Militarismus und der Russlandfeindlichkeit. Er sieht den Ukrainekrieg auch als Ergebnis einer globalen kulturpolitischen Strategie des Westens, die nach dem 2. Weltkrieg begann und mit dem Zusammenbruch des Ostblocks noch einmal Fahrt aufnahm. Das Originelle, ja Sensationelle seiner Analysen ist, dass er die Hegemonie des Westens nicht nur aus seiner ökonomischen Übermacht erklärt, sondern aus deren engen Verflechtung mit einem kulturpolitischen Programm.

Um die sich hartnäckig haltende Legende zu widerlegen, Geisteswissenschaften, Kultur und Kunst seien im westlichen System keineswegs staatlich gesteuert, sondern Hervorbringungen individueller Freiheit, greift Ritz auf Quellen aus Michael Hochgeschwenders Buch: ´Freiheit in der Offensive. Der Kongress für kulturelle Freiheit und die Deutschen´ von 1998 und Francis Stonor Saunders ´Who paid the Piper – The CIA and the Cultural Cold War´ von 1999 zurück. Nach dem 2. Weltkrieg stellten sich die USA die Aufgabe, den westeuropäischen Kulturraum, der sich von ihrem eigenen stark unterschied, für die Durchsetzung ihrer Interessen aufzuschließen. Das geschah relativ einfach auf dem Gebiet der Jugendkultur.

Ein schwierigeres Problem war es, die intellektuelle Welt zu reformieren, die viel stärker von den Werten der Aufklärung bis hin zum Kommunismus durchdrungen war als die eher vom protestantischen Pragmatismus geprägte amerikanische. Arthur Koestler hatte den CIA 1948 auf die Idee gebracht, dass es womöglich effektiver sei, vorrangig nicht – wie McCarthy – die kommunistischen Intellektuellen zu bekämpfen, sondern auf die sich in einem breiteren linken Spektrum bewegenden liberalen Geistesarbeiter einzuwirken. Dieser Aufgabe widmete sich der vom CIA großzügigst gesponserte Kongress für kulturelle Freiheit, der über zahlreiche, neutral daherkommende Stiftungen nicht nur auf die intellektuelle und kulturelle Welt Westeuropas einwirkte, sondern auch Asiens und Afrikas. Er wurde 1950 in Westberlin gegründet, verlegte seinen Sitz aber wegen der nahliegenden Möglichkeit der Ausspionierung durch östliche Nachrichtendienste bald nach Paris. Er gab in 20 Ländern einflussreiche Kulturzeitschriften heraus, die zu Leitmedien für andere Kulturträger wurden. Um nur einige Namen zu nennen: Wissentlich oder unwissentlich profitierten von letztlich CIA-finanzierten Stiftungen u. a. Heinrich Böll, Albert Camus, Jackson Pollock und nicht zuletzt Hannah Arendt, deren berühmte Arbeit zum Totalitarismus half, die Mitschuld des Liberalismus am Faschismus zu verschleiern, indem „die öffentliche Diskussion“ auf „die ähnlichen Erscheinungseisen des historischen Faschismus mit dem Sozialismus Osteuropas und Asiens“ gelenkt wurde.

Die Machenschaften des Kongresses für kulturelle Freiheit wurden Mitte der sechziger Jahre publik, was zu seiner Auflösung führte. Aber seine Saat war bereits aufgegangen. Mehr und mehr wurde es zur Grundlinie der westeuropäische Kultur, die aus der Aufklärung stammende Orientierung auf das Allgemeinwohl durch das Ideal der individuellen Freiheit zu ersetzen. So wurde nicht nur die Verbindung der intellektuellen Welt mit der Arbeiterbewegung gelöst, sondern auch mit dem Universalismus. Die Beschäftigung mit Eigentumsfragen rückte in den Hintergrund und Menschenrechtsfragen konzentrierten sich mehr und mehr auf die Rechte des Einzelnen und von Minderheiten. Das Problem der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital wurde durch das Problem der Ausbeutung der Natur durch die Menschheit ersetzt. Träger dieser neuen Ideologien waren die ´Neuen Linken und Grüne, nach 1989 auch zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, deren Arbeit von interessierten Sponsoren oder auch offen staatlich finanziert wurde. In den Augen dieser Parteien und Gruppen hatte sich der neoliberale Kapitalismus durch flachere Hierarchien und Produktionsformen mit größerem Selbstverwirklichungspotential humanisiert. Unerörtert oder gar unerkannt blieb, dass Menschen, die sich selbst verwalten, die Kontrolle internalisieren und sich meist sogar mehr ausbeuten lassen als die traditionelle Arbeiterklasse. Diese neuen, sich selbst als links apostrophierenden Strömungen wurden nach 1989 zu den europäischen Zugpferden der Globalisierung und schließlich sogar zu Unterstützern einer imperialistischen Außenpolitik.

Mit dieser Entwicklung, so Ritz, habe sich Europa der Grundlagen seiner eigenen Kultur beraubt, insbesondere ihres Universalismus. Diese sei ein dialektisch zu sehendem Alleinstellungsmerkmal, mit dem in der Vergangenheit nicht nur grausamster Kolonialismus betrieben, andererseits aber auch das Ideal eines aufgeklärten Republikanismus in der Welt verbreitet wurde. Nur der Islam sei in der Phase seiner Expansion und Blüte auch ansatzweise universalistisch gewesen. Für China träfe das nicht zu. Es hätte seine jahrtausendealte Zivilisation lieber eingemauert und zeige auch heute kein Interesse, seine Kultur oder sein politisches System anderen Völkern aufzuzwingen. Durch seine Akzeptanz des republikanischen Systems und die Pflege eigener aufgeklärter Traditionen ist China jedoch durchaus Teil einer humanistischen Moderne.

Ritz legt dar, dass Russland historisch an der europäischen Aufklärung teilnahm. Und es hat – teils aus sich selbst heraus, teils, weil es vom Westen abgestoßen wurde – seine diesbezüglichen kulturellen Traditionen bewahrt, darunter auch den im eigenen Vielvölkerstaat angestrebten Universalismus. Dadurch konnte es Russland gelingen, das Erbe des von der Sowjetunion energisch unterstützten Antiimperialismus wiederzubeleben und – neben China – seinen internationalen Einfluss wieder auszuweiten. Im Bestreben, eigene nationale Traditionen zu erhalten, sieht Ritz einen positiv konnotierten Konservatismus, der anschlussfähig ist an das kulturelle Selbstverständnis vieler Staaten des globalen Südens. Im Bündnis mit dem ebenfalls kulturell eigenständig gebliebenen Iran bilden Russland und China mittlerweile den Kern der BRICS und sind darüber hinaus auch den Impulsgeber der neuen, weltweiten multilateralen Bewegung. Europa aber habe als Anhängsel der alten USA noch nicht erkannt, dass es durch die Aufgabe des aufklärerischen Erbes und des allgemeinwohlorientierten Universalismus keine globale Ausstrahlung mehr erzielen kann. Die in Europa und besonders in Deutschland praktizierte Multikulturalität, die auf ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten statt auf staatsbürgerliche Gleichheit fokussiert, bleibt folkloristisch befangen und fragmentiert dadurch auch die eigene Gesellschaft.

Ritz weist nachdrücklich darauf hin, dass der von ihm beschriebene globale Kulturkampf durch die Vielfalt, Reichweite und Durchschlagskraft der modernen Medien eine historisch bislang unerreichte Manipulationskraft besitzt. Die Kritik der Medien müsse das Fundament einer neuen Aufklärung in Europa und eben auch in Deutschland werden. Nur so könnten wir vom ewigen Drehkreuz für Kriege zu einer geachteten Friedensmacht werden.

Hauke Ritz: Warum der Weltfrieden von Deutschland abhängt, Westend Verlag, Neu-Isenburg, 2025. 224 Seiten, 24,00 Euro

Personen: Hauke Ritz


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