Stahl ist Zukunft!?

2000 Stahlwerker demonstrierten am 18. Juni in Bremen
Video: 
weltnetz community channel
Länge: 
00:15:42
Aufzeichnungsdatum: 
18.06.2019

"Stahl ist Zukunft!" - das skandierten die 2000 Stahlwerker immer und immer wieder. Sie marschierten am 18. Juni 2019 morgens um acht Uhr von ihrem Werk in Bremen-Gröpelingen los und kamen um fünf-vor-zwölf (!) auf dem Marktplatz an, wo die dann die Kundgebung begann. Die Krise der Stahlindustrie ist manifest. Die Nachfrage sinkt (globale Zoll- und Handelskriege, nachlassende Konjunktur, Verkehrswende, Klimaschutz), die Rohstoffkosten steigen und die Überkapazitäten sorgen für immer neue Preissenkungen im globalen Verdrängungswettbewerb. Das Bremer Werk gehört zum ArcelorMittal-Konzern, dem weltweit größten Stahl- und Bergbaukonzern mit insgesamt 222.000 Mitarbeitern und Standorten in über 60 Ländern. Die Zahlen sind schlecht. Der Börsenwert des Konzerns hat sich im letzten Halbjahr halbiert. (FAZ v. 11.06.19) Für Europa sind im Mai gleich zweimal Produktionskürzungen von insgesamt neun Prozent bekanntgegeben worden. In Bremen verhandelt der Betriebsrat über eine "kollektive und solidarische" Arbeitszeitreduzierung für alle von vier Prozent - und will Stellenstreichungen vermeiden.

Die Stahlproduktion ist eine in Bezug auf die Kohlendioxid-Emission ausgesprochen schmutzige Produktion. Kohle ist in Form von Koks und Einblaskohle integraler Teil der Eisenerzreduktion, wobei - prozessbedingt - Kohlendioxid in großen Mengen entsteht. Die nachfolgende Umwandlung in Stahl und seine Verarbeitung sind noch einmal sehr energieintensiv. Die Folge: im Land Bremen z.B. betragen die CO2-Emissionen insgesamt 11.577.000 Tonnen p.a.; auf das ArcelorMittal-Werk entfallen rund die Hälfte, nämlich 5.275.000 Tonnen (Stand 2010). Es hat zwar in den vergangenen Jahrzehnten große Anstrengungen und auch große Erfolge bei der Reduktion der Umweltbelastung gegeben, aber für eine wirkliche Änderung hin zu einer nachhaltigen und emissionsarmen Stahlproduktion ist der Abschied aus der "Hochofenroute" und damit eine Dekarbonisierung - also die Ersetzung von Kohle durch Wasserstoff - nötig.

Das wäre ein Technologiesprung. Dieser wird zwar als möglich angesehen, ist aber technisch noch weitgehend ungeklärt und erfordert auf jeden Fall hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung mit einem langen Zeithorizont. "Wir haben die Ambition", so Lakschmi Mittal, Haupteigentümer von ArcelorMittal, "bis Mitte des Jahrhunderts unseren Stahl in Europa klimaneutral herzustellen." (FAZ v. 11.06.19) Bleiben die Stahlpreise aber so niedrig wir zur Zeit, werden die Stahlkonzerne sich hüten - wegen mangelnder bzw. ungesicherter Rentabilität - , die benötigten Riesensummen in die neue Technik zu investieren. ArcelorMittal als global agierender Konzern kann es sich leisten, sich aus der Stahlerzeugung in Europa zurückzuziehen. Für die Bremer Hütte würde es die Katastrophe bedeuten.

Gefordert werden also von "der Politik" eine Fülle von Maßnahmen zum Schutz der europäischen Stahlwerke vor Dumpingimporten aus Ländern, in denen niedrigere Umwelt- und Sozialstandards gelten. Die "gesellschaftliche Unterstützung" der heimischen Stahlindustrie war dann auch das zentrale Thema bei der Kundgebung auf dem Marktplatz. Vorstandsvorsitzender, Arbeitsdirektor und Betriebsrat der Bremer Hütte und die IG-Metall zogen an einem Strang, warben für den Standort und den Erhalt von Arbeitsplätzen. "Stahl ist Zukunft!" und "Bremen hat ein Herz aus (eigentlich: für) Stahl" wurde in beschwörendem Ton immer und immer wieder skandiert. Es gäbe zwei Alternativen: entweder eine Regulierung der Stahlmärkte in Richtung "grüner Stahl" durch eine entsprechende europäische Zoll- und Emissionspolitik oder ein Weiter-So im globalen Dumpingwettbewerb auf Kosten der sozialen und ökologischen Standards.

Dass Klimaschutz und Stahlproduktion zusammen gehören (müssen), das wurde den Stahlarbeitern vollmundig von den drei zukünftigen Koalitionäre aus SPD, Grünen und Linken versprochen. O-Ton: "Ein zukünftiger Senat wird ganz klar an eurer Seite stehen und wird die Hütte nicht allein lassen." Aber: alle wissen auch, dass diese Fragen nicht in Bremen entschieden werden ...

Das Problem dabei ist: der geforderte Schutz vor Billigimporten verärgert wieder die nachfolgende stahlverarbeitende Industrie. Sie wünscht sich natürlich niedrige Stahlpreise, um ihrerseits im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Und bei der Industrie für Autos und Maschinen geht um ganz andere Volumina bei Umsätzen, Gewinnen und Arbeitsplätzen!

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