Sanktionen gegen Syrien

Karin Leukefeld, freie Journalistin, über die Wirkung der Sanktionen auf Mittelschicht und einfache Bevölkerung in Syrien
Video: 
weltnetz.tv
Länge: 
00:05:23
Personen: 

Leukefeld ist die einzige deutsche Journalistin und eine der wenigen Journalistinnen überhaupt, die regelmäßig aus Syrien berichten und als Korrespondentin akkreditiert sind. Untenstehend die ungekürzte Reportage vom Bab Srijeh Markt in Damaskus.

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Westlich der Geraden Straße, nur wenige Meter vom Al Jabiyeh Tor der Altstadt entfernt, liegt der Bab Srijeh Markt von Damaskus. Entlang der gleichnamigen Straße ziehen sich Läden mit Datteln und Kaffee, mit Fisch und Fleisch, mit Obst und Torjih, eingelegten Gurken, Möhren, Roter Beete, Rettich, Paprika, Weinblättern, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. Kunstvoll und mit Hingabe sind die Waren sortiert und dekoriert, um die Kunden anzuziehen. In einem anderen Laden warten Kuchen, Torten und Süssspeisen, gekrönt mit bunten Papierschirmen und roten Kirschen auf Käufer. Starr blicken die - vor allem bei der männlichen Bevölkerung - beliebten Schafshirne aus dem Fenster einer Kühltruhe auf den Markt, das Maul dekoriert mit Tomaten- und Zitronenscheiben.

Der Markt steht bei den Damaszenern hoch im Kurs. Selbst aus den Vorstädten kommen die Menschen, um sich mit allem Notwendigen zu versorgen. Von Batterien über Zahnbürsten, duftende Seifen, Küchenutensilien, kleine und große Leckereien, Obst und Gemüse bis hin zu frischer Milch hat Bab Srijeh alles zu bieten. Hier kann man Taschen und Schuhe, Schlösser und Elektrogeräte reparieren lassen, man trifft Bekannte und verweilt für einen Plausch über die Kinder, die Preise, die politischen Unruhen im Land.

 

Wie überall in Syrien sind auch auf dem Bab Srijeh Markt die Preise gestiegen. Mit ernsten Minen vergleichen die Kunden und wägen ab, wofür das Haushaltsgeld reichen könnte. Milchprodukte, Käse und Joghurt, Nudeln, Zwiebeln, Tomaten, Kartoffeln, Kaffee – alles ist teurer geworden. Das einst so preiswerte Hühnerfleisch kostet mit 250 Syrischen Pfund - etwa 3 Euro pro Kilo-  heute doppelt so viel wie vor einem Jahr. Viele weichen auf Fisch aus Vietnam oder Malaysia aus, der billiger ist. Doch selbst das können sich manche Menschen nicht leisten. Ungewöhnlich viele Frauen und Kinder sitzen oder laufen bettelnd über den Markt, in der Altstadt sieht man Müllsammler, die in den Containern nach Brauch- oder Essbarem suchen, bevor sie den Müll abtransportieren.

 

Die Familie komme über die Runden, sagt der Friseur Khaled, der einmal die Woche auf dem Markt einkauft. Seinen wirklichen Namen möchte er nicht nennen und auch einem Foto stimmt er nicht zu. Sonst spricht er offen über seinen beschwerlich gewordenen Alltag. Weil die Autorin mit seinen Freunden unterwegs ist, erhält sie vermutlich einen Vertrauensvorschuss. Für Dinge des täglichen Bedarfs müsse er bis zu 50 Prozent mehr zahlen, sagt Khaled. Luxuswaren leiste sich die Familie schon lange nicht mehr. Kleidung werde nur gekauft, wenn es wirklich erforderlich sei. Aber Benzin, Gas und Heizöl sind teuerer geworden. Produkte, deren Herstellung Strom benötigen, oder Dinge, die teuer importiert werden müssen, sind um 40, 50 Prozent im Preis gestiegen.

 

Weil keine Touristen mehr nach Syrien kämen, hätten Hotels, Restaurants, Reisebüros, Taxi- und Busunternehmen Mitarbeiter entlassen, sagt Khaled. Diese Leute hätten kaum Rücklagen. Doch das Leben gehe weiter, die Menschen müssten essen und so verkauften manche ihre Möbel, andere verkauften ihre Autos, ihre Wohnungen, die sie vielleicht erst kurz vor Beginn der Unruhen angeschafft hatten, nicht selten auf Kreditzahlung. Familien, die in zwei oder drei Wohnungen gelebt hätten, zögen zusammen, um Geld zu sparen. Die Leute entwickelten Überlebensstrategien.

 

Syrien ist ein Entwicklungsland, Sanktionen und die Unruhen haben dem Land eine manifeste Wirtschaftskrise beschert. Die finanziellen Schäden, die dem Land durch Sabotage an Stromnetzen und Ölpipelines, Überfälle auf Transportwege und die sich fast monatlich verschärfenden Sanktionen der Europäischen Union entstanden sind, beziffert die Regierung in Milliarden US-Dollar Höhe.

 

Sanktionen und Wirtschaftskrise würden zwar der Regierung schaden, sagt der frühere Weltbank-Ökonom und Wirtschaftsberater Nabil Sukkar. Am meisten treffe es aber den Mittelstand und die Bevölkerung, die keine Rücklagen habe. Der Ölsektor sei durch die EU-Sanktionen weitgehend zum Erliegen gekommen, doch andere Staaten kauften Syriens Exportprodukte wie Textilien, Pharmaka, Obst und Gemüse. Stabilisierend wirke sich die geringe Auslandsverschuldung aus. Durch die wirtschaftliche Liberalisierung in den letzten 10 Jahren habe sich ein starker Privatsektor entwickelt, der mit 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die Wirtschaftskrise abfedere. Tatsächlich sorgen viele Unternehmer für ihre Angestellten, selbst wenn es kaum noch Arbeit gibt.

 

Hamza Dadouche ist einer von ihnen. Wie viele habe auch er keine Mitarbeiter entlassen, auch wenn deren Gehälter gesunken seien, erzählt der junge Unternehmer, der in Großbritannien studiert hat. Nahezu alle ausländischen Investitionen im Landwirtschaftssektor seien gestoppt, daher habe er von seinem traditionellen Angebot – Wasserpumpen und Motoren – kaum etwas verkauft. Gut verkauft habe er Generatoren, die er aus China und Südkorea importierte. Während des kalten Winters fehlte es in Syrien an Heizöl, das wegen der Sanktionen nicht mehr aus Europa importiert werden konnte. Alternativ heizte man mit Gas, das aber um fast 60 Prozent teurer geworden ist. So schalteten die Menschen zum Heizen Elektroöfen oder die teueren Klimaanlagen ein. Das wiederum belastete das Stromnetz, Stromabschaltungen bis zu 8 Stunden und mehr sind die Folge. Um diese langen Ausfallzeiten zu überbrücken, kauften die Menschen Generatoren. Je nach Leistung müssen für ein Gerät bis zu 400 Euro bezahlt werden, nicht viele Syrer können sich das leisten. Das monatliche Mindestgehalt liegt in Syrien offiziell bei 135 US-Dollar (etwa 100 Euro).  Wie Hamza Dadouche zukünftig seine Waren bezahlen soll, weiß er nicht. Europa, USA und die Arabische Liga haben die Zentralbank Syriens, die für Auslandsgeschäfte zuständig ist, auf die Sanktionsliste gesetzt.

 

Das einzige, was in Syrien nicht teuerer geworden ist, ist das Brot. Der syrische Staat ist stolz auf die großen Weizenvorräte, die für zwei Jahre die Versorgung von 23 Millionen Menschen sichern. Brot wird von der Regierung subventioniert und kostet pro Kilo 9 Syrische Pfund, umgerechnet etwa 10 Eurocent. Die staatliche Bäckerei auf dem Bab Srijeh Markt wird von den Menschen umlagert. Weil andere Nahrungsmittel teuer geworden sind, wird einfach mehr Brot gegessen. In der kleinen Backstube ist eine alte Maschine deutscher Bauart montiert. Nachdem der Teig gerührt und zu Fladen geformt wird, ziehen die frischen Brote aus dem Ofen wie aufgeblasene Ballons über das Fließband direkt zum kleinen Verkaufsfenster, durch dass das Brot ausgegeben wird. Weil es noch heiß ist, hängen die Kunden es kurz auf Gestelle vor der Bäckerei, bevor sie es – wie dieser kleine Junge - stolz auf dem Kopf davon tragen.

 

Seit September 2011 hat die Europäische Union acht Mal ihre Sanktionen gegen Syrien verschärft. Das solle das Regime von Präsident Assad treffen, dem man vorwirft, „sein Volk abzuschlachten“, wie es der britische Premierminister David Cameron formulierte. Der unabhängige Ökonom Nabil Sukkar in Damaskus weist daraufhin, dass die Sanktionen nicht dazu betragen würden, das Regime zu stürzen. Sie schadeten der Mittelschicht und den einfachen Menschen, die keine Rücklagen hätten. Der Konflikt in Syrien lasse sich nur durch Dialog lösen. Dafür müssten alle Seiten bereit sein.

 

Karin Leukefeld, Damaskus

Fotos: Karin Leukefeld

 

Sprecherin: Franziska Max

Foto: Karin Leukefeld

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