Griechenland: Spardiktat stärkt Faschisten

Dionisis Granas (Hellenischen Gemeinde zu Berlin) über den Aufstieg der griechischen Nazipartei "Chrysi Avgi"
Video: 
weltnetz.tv
Länge: 
00:12:19

Anlässlich der Gründung einer Zelle der griechischen Nazipartei "Chrysi Avgi" in Nürnberg, sprach weltnetz.tv mit Dionisis Granas, Vorstandsmitglied der Hellenischen Gemeinde zu Berlin e.V., über das politische Agieren und den Erfolg dieser Partei, die mittlerweile drittstärkste Kraft im Parlament ist.

weltnetz.tv: Was macht die Chrysi Avgi so erfolgreich in Griechenland?

Dionisis Granas: Diese zwei Themenfelder, Bekämfung der Migranten und des politischen Systems, sind maßgeblich in ihrer politischen Rhetorik. Ansonsten glaube ich, dass die Chrysi Avgi ein Gefühl von Macht vermittelt. Die Menschen, die sich wegen der Troika, wegen der ganzen Situation in Griechenland, der Krise, der Sparmaßnahmen, ohnmächtig fühlen, empfinden, dass sie keine Macht haben um etwas dagegen zu unternehmen - weil sie alle Diktate von außen umsetzen mussten. Genau dort, wo das politische System keine Alternative zu bieten scheint, kommt die Chrysi Avgi mit einem "körperlichen Machtgefühl". Sie machen Kampfkünste und sind sehr gewalttätig gegen Migranten. Diese dynamische Rhetorik übermittelt ein Gefühl von Macht, und das überzeugt manche Leute, dass sie endlich etwas unternehmen können, gegen das ganze System. Ansonsten ist die militärische Struktur der Chrysi Avgi attraktiv für manche Leute, die eine „Familie“ suchen, einen Platz, wo sie hingehören Meist sind es Leute mit sehr großen finanziellen oder auch persönlichen Problemen.

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Hinweis: 

Die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen entschied über die Einstellung der Förderung für das Griechische Kulturzentrum zum 31.3.2013.

weltnetz.tv ruft dazu auf, die Petition "Für die Fortführung der Förderung für das Griechische Kulturzentrum in Berlin-Steglitz" online zu unterzeichnen:

Petition hier unterzeichen!

Transkipt: Dionisis Granas im Gespräch mit weltnetz.tv
 

weltnetz.tv: Dionisis Granas, die rechtsextremistische Partei Chrysi Avgi befindet sich seit ihrem Einzug ins griechische Parlament weiterhin auf dem Vormarsch und ist in Umfragen inzwischen die drittstärkste politische Kraft in Griechenland. Wofür steht die Chrysi Avgi, was ist ihre politische Agenda?

Dionisis Granas: Chrysi Avgi ist hauptsächlich eine Organisation mit militärischen Strukturen. Sie haben einen Chef und sie haben eine sehr strenge Hierarchie. Ideologisch sind sie eine seltsame Mischung von Ideologien, es gibt mystizistische Ideologien, es gibt auch Leute, die an die griechischen Götter glauben. Meines Erachtens ist ihre Ideologie hauptsächlich Nationalsozialismus, es ist eine nazistische Gruppe.

Ihre Agenda umfasst hauptsächlich zwei Themen: Erstens ist es das Thema der Migranten. Die Chrysi Avgi ist besonders migrantenfeindlich, sie sind der Meinung, dass die Migranten der Ursprung aller Probleme in Griechenland sind. Sie wollen, dass Migranten keinen Kontakt mit den Griechen, also der griechischen „Rasse“ haben. Sie wollen, dass alle Migranten aus Griechenland weggehen, und sie versuchen das auch mit gewalttätigen Mitteln. Auch eine nationale Gesetzgebung haben sie vorgeschlagen. Alle möglichen Mittel werden angewandt, um dieses Ergebnis zu schaffen.

Ansonsten attackieren sie das griechische politische System, was zur Zeit zusammenbricht. Sie positionieren sich gegen die Korruption in Griechenland, gegen die Politiker, die korrupt und unfähig sind. Auch das ist sehr beliebt bei den Leuten in Griechenland.

weltnetz.tv: Was macht die Chrysi Avgi so erfolgreich in Griechenland?

Dionisis Granas: Diese zwei Themenfelder, Bekämfung der Migranten und des politischen Systems, sind maßgeblich in ihrer politischen Rhetorik. Ansonsten glaube ich, dass die Chrysi Avgi ein Gefühl von Macht vermittelt. Die Menschen, die sich wegen der Troika, wegen der ganzen Situation in Griechenland, der Krise, der Sparmaßnahmen, ohnmächtig fühlen, empfinden, dass sie keine Macht haben um etwas dagegen zu unternehmen - weil sie alle Diktate von außen umsetzen mussten. Genau dort, wo das politische System keine Alternative zu bieten scheint, kommt die Chrysi Avgi mit einem "körperlichen Machtgefühl". Sie machen Kampfkünste und sind sehr gewalttätig gegen Migranten. Diese dynamische Rhetorik übermittelt ein Gefühl von Macht, und das überzeugt manche Leute, dass sie endlich etwas unternehmen können, gegen das ganze System.

Ansonsten ist die militärische Struktur der Chrysi Avgi attraktiv für manche Leute, die eine „Familie“ suchen, einen Platz, wo sie hingehören Meist sind es Leute mit sehr großen finanziellen oder auch persönlichen Problemen.

weltnetz.tv: Die Chrysi Avgi macht immer wieder mit gewalttätigen Aktionen auf sich aufmerksam. Wie agieren die Partei und ihre Anhänger auf der Straße?

Dionisis Granas: Einerseits machen sie viel direkte Aktion, zum Beispiel patrouillieren sie auf den Straßen und greifen Migranten an. Sie sind sehr gewalttätig und haben sogar schon Leute getötet. Manche Anhänger der Chrysi Avgi wurden festgenommen, sie müssen vor Gericht wegen Mordverdacht. Und sie haben viele Leute ins Krankenhaus geschickt. Ansonsten betreiben sie viel Propaganda, sie benutzen alle möglichen Lügen, um Leute zu überzeugen. Sie gehen in die Schulen, sie versuchen Jugendliche zu überzeugen - sie sind besonders attraktiv bei Schülern und Jugendlichen, weil sie dieses Stärkegefühl vermitteln. Das funktioniert vor allen Dingen in Gegenden, wo es viel Armut gibt, und vielleicht auch Probleme mit Migranten. Es gibt Gegenden in Athen, Nachbarschaften in Athen, wo die Situation mit Migranten sehr explosiv ist. Und dort gibt es viele Leute, die bereit sind, die Propaganda der Chrysi Avgi zu akzeptieren. Es gibt sogar Parlamentarier der Partei, die ins Gericht gehen müssen, weil sie gewalttätig waren. Sie gehen in Flohmärkte und überprüfen die Genehmigungen der Migranten, ob sie berechtigt sind, Ware zu verkaufen. Und wenn sie keine Genehmigung haben, dann zerstören sie die Ware der Migranten. Sie machen solche Dinge eben, direkte Aktionen. Sie versuchen auf eigene Faust ein merkwürdiges Gesetz, ihr eigenes Gesetz umzusetzen.

weltnetz.tv: Erfüllt die Chrysi Avgi in der griechischen Politik eine bestimmte Rolle bzw. eine Funktion? Inwieweit spielt die Regierungskoalition den Faschisten in die Hände und umgekehrt?

Dionisis Granas: Indem die Chrysi Avgi besonders feindlich, zumindest in ihrer Rhetorik, gegen das politische System ist, sieht auch die Regierungskoalition die Chrysi Avgi alles etwas Negatives, als ein Problem. Ich glaube, sie mögen einander nicht. Aber auf der anderen Seite spielt die Regierungskoalition sehr oft die Nazis gegen die Linken aus. Sie versuchen beide Gruppen als Extreme darzustellen, damit sie dann als die einzige Alternative, die einzige Lösung für das Problem Griechenlands sind.

Gleichzeitig kopiert bzw. übernimmt die Regierungskoalition die Agenda der Nazis, sie machen auch viele Kontrollen, und haben die Gesetzgebung für die Migranten verschärft,  und auch die Polizei ist sehr feindlich gegenüber Migranten. Das ist teilweise so politisch diktiert von oben, aber teilweise hat es auch damit zu tun, dass die Polizisten selbst - zumindest ein Teil der Polizei – besonders, die die in den Straßen arbeiten, mit der Chrysi Avgi sympathisieren. Sie finden die Ideologie von Chrysi Avgi gut, sie bewerten diese positiv. Viele der Polizisten sind sogar Anhänger der Chrysi Avgi geworden. Das ist nur teilweise von der Regierung gefördert, teilweise ist es auch spontan, dass es zur Zeit viele Nazis in der Polizei gibt. Die Regierung kann jetzt nicht viel dagegen tun, weil sie die Polizei brauchen. Es ist jetzt viel los, es passiert viel in Griechenland und die Regierung braucht die Polizei um die Ruhe zu bewahren. Deshalb möchten sie nicht viel gegen die Welle von Nazis innerhalb der Polizei unternehmen.

weltnetz.tv: Chrysi Avgi streckt ihre Fühler auch ins Ausland. Unter Protest eröffneten sie vergangenen Herbst eine Niederlassung in New York, um Kontakt zu den „Auslandsgriechen“ zu halten. Entsprechende Aktivitäten gab es auch in Italien, Kanada und Australien. Medienberichten zufolge soll die Chrysi Avgi jetzt in Nürnberg eine "Zelle" – die erste in Deutschland - zu etablieren versuchen. Was hat die Chrysi Avgi in Nürnberg vor?

Dionisis Granas: Ja, es ist besonders merkwürdig, dass die Chrysi Avgi in Deutschland, zunächst in Nürnberg eine Zelle gegründet hat. Wir wissen alle, was Nürnberg für Deutschland bedeutet, das war die ehemalige Stadt der Reichsparteitage.

Allerdings haben wir bis jetzt keine echte Tätigkeit dort gesehen. Sie haben eine Internetseite, sie haben Links und schreiben Artikel über alles, was in Griechenland passiert, aber wir haben keine Berichte über tatsächliche Aktionen in Nürnberg. Das hat uns aber nicht gehindert, etwas dagegen zu unternehmen. Die Hellenische Gemeinde zu Berlin hat die Initiative ergriffen und wir haben einen Protestaufruf, eine Erklärung gegen die Chrysi Avgi geschrieben und das haben viele griechische Gemeinden in Deutschland unterschrieben, sogar die Föderation der griechischen Gemeinde hat das unterstützt.

Sicher gibt es auch Griechen in Deutschland, welche die Chrysi Avgi unterstützen. Das Argument, ein Migrant, der auch vieles in diesem Land ertragen musste, könne nicht von rassistischen Ideologien geprägt sein, gilt nicht für alle, komischerweise. Aber wir glauben, dass die Griechen in Deutschland, welche die Chrysi Avgi unterstützen, sehr wenige sind und die meisten negativ gegenüber der Chrysi Avgi sind. So haben dann schließlich auch deren Vertreter reagiert.

weltnetz.tv: Gibt es Strategien gegen die Chrysi Avgi?

Dionisis Granas: Das ist eine sehr langwierige Diskussion. Bis jetzt scheint die Chrysi Avgi eine besondere Dynamik zu haben. Ich glaube, auf allen Ebenen muss man viel Bildung machen. Die Menschen, insbesondere die jüngeren Menschen müssen erfahren, was die Ideologie von Chrysi Avgi bedeutet, was Nationalsozialismus bedeutet. Sie müssen verstehen, wie das Problem von Migranten verursacht wird und welche Lösungen es geben kann. Dass die Migranten nicht der Ursprung des Bösen sind, das müssen die Jugendlichen auch verstehen.

Ansonsten finde ich, die politische Arbeit und Solidaritätsarbeit sehr wichtig. So können Leute in den Straßen arbeiten, gemeinsam mit anderen Leuten, und sehen, dass Griechen mit Migranten zusammen arbeiten können, für eine bessere Zukunft, auch für Griechenland, und dass die Nazis keine echte Alternative bieten können, sondern nur Hass und Zerstörung.

weltnetz.tv: Vielen Dank, Dionisis Granas

(7.3.2013)

Dionisis Granas Hellenischen Gemeinde zu Berlin im Weltnetz.tv-Interview

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