Krim-Krise: Die Unruhestifter sitzen im Westen

Der Russlandexperte Kai Ehlers zum Ausgang des Referendums auf der Krim
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weltnetz.tv
Länge: 
00:07:19

Kai Ehlers, Journalist und langjähriger Russland-Kenner, spricht mit weltnetz.tv über den Interessen-Konflikt in der Ukraine.

"Es gibt für Russland keinerlei Grund, diesen Konflikt auszuweiten. Im Gegenteil, es gibt jeden Grund, diesen Konflikt zu stoppen und Ruhe einkehren zu lassen. Wenn ich es von der anderen Seite her betrachte, würde ich sagen, die Unruhestifter auf der Seite des Westens, die also bisher 25 Jahre lang versucht haben, nach Osten vorzudringen, sind nicht befriedet. Sie werden weiter versuchen, Russland in die Ecke zu drängen, weil sie das brauchen für ihre geostrategischen Interessen, mit denen sie Russland eingemeinden oder unschädlich machen wollen – oder wie immer man es sagen will – um freien Raum zu haben für ihre China-Asien-Indien-Politik. Das ist der Stand der Dinge."

Interview: Harald Neuber

Harald Neuber: Herr Ehlers, bei dem Referendum auf der Krim haben nach Angaben der Regionalregierung 93 Prozent der Bewohner dieses Gebietes für den Beitritt zur russischen Förderation gestimmt. Das kommt ja nicht wirklich überraschend, oder?

Kai Ehlers: Nein, eigentlich nicht. Es gab ja auch schon vorher entsprechende Meldungen, dass man so etwas erwartet – vor allem vor dem Hintergrund, dass über 60 Prozent der Bevölkerung russischstämmig sind, dass die Geschichte also eine lange russische Geschichte ist. Man muss noch ergänzen, 80 Prozent sollen teilgenommen haben, das bedeutet, 20 Prozent sind zu Hause geblieben, die haben mit den Füssen abgestimmt. Das ist auch nicht viel, die dagegen waren, oder?

Harald Neuber: Aber, Herr Ehlers, was ist dieses Referendum denn überhaupt wert, wenn es vom Westen, also von der Europäischen Union und von den Vereinigten Staaten, nicht anerkannt wird? Und, vielleicht kurz darüber hinaus, wie verhalten sich denn die anderen der über 190 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen?

Kai Ehlers: Also ich denke mir, was es wert ist und wer es anerkennt, das wird man erst noch sehen. Bisher haben wir ja nur Mediengetöse in dieser Frage. Und ich denke mir, auf jeden Fall ist es eins wert, nämlich ein Signal, das von Russland in dieser ganzen Frage gesetzt worden ist. Das heißt ganz einfach „Njet“, weiter bitte nicht in der Behandlung der Ukraine als Filetstück, das man sich also einverleiben möchte. Das ist die Hauptbotschaft. Egal, was da jetzt anerkannt wird und was nicht.

Harald Neuber: Tatsächlich ist es ja so, dass auf der anderen Seite die Europäische Union jetzt mit Sanktionen droht, die USA haben Militär in der Region aufmarschieren lassen. Welche Perspektiven sehen Sie für die Region?

Kai Ehlers: Das ist wirklich sehr schwierig zu sagen. Auf jeden Fall denke ich mir, das Hauptproblem besteht darin, dass man die in der Übergangsregierung befindlichen Rechten irgendwie stoppen muss – egal, wer sie stoppt. Und wenn man sie nicht stoppt, dann gibt es auch Gründe dafür, dass man sie nicht stoppen will. Die Frage ist also, ob irgendjemand interessiert daran ist, die Russen in eine gewisse Falle zu locken, sie zu provozieren, so dass sie auf die Unruhe dann weiter reagieren müssten. Ich erinnere mich da an die Situation in Afghanistan, die Afghanistan-Falle von Brzezinski. So etwas darf nicht passieren und wird vermutlich auch nicht passieren, weil ich denke mir, dass die Russen zu klug und zu cool sind dafür, um sich auf so eine Provokation einzulassen.

Harald Neuber: Nun ist es so, wenn wir über die Motivation reden, dass die russische Regierung als Motivation ja den Schutz der russischsprachigen Bevölkerung auf der Krim angibt. Es ist aber nicht wirklich abwegig, diesen Vorstoß als Revanche für den prowestlichen Putsch in Kiew zu interpretieren. Was steht denn Ihrer Meinung nach dahinter?

Kai Ehlers: Ich denke, es ist einfach klar, wenn man die Geschichte der letzten 25 Jahre anschaut und die Strategie sieht, dass man die Ukraine aus Russland herausbrechen muss, um über Eurasien die Oberhoheit zu haben, dann ist klar, dass hier Russland sich gegen ein weiteres Vordringen auf diese Art und Weise wehrt. Russland handelt letztlich aus einer Defensivposition heraus. Das muss man meiner Meinung nach ganz klar sagen. Das hat mit Revanche nichts zu tun.

Harald Neuber: Nun hat es ja auch in Deutschland unter Parteien und politischen Lagern in den vergangenen Tagen und Wochen eine Kontroverse um Rechtsradikale in dieser De-facto-Regierung in Kiew gegeben. Die Krim-Regierung und Moskau haben mit einer starken Anti-Nazi-Rhetorik hier Stimmung gegen die Übergangsregierung in Kiew gemacht. Zugleich aber wurden rechtskonservative aus der Europäischen Union als Wahlbeobachter eingeladen von der regionalen Regierung der Krim. Denken wir auch an den russischen Nationalismus, als dessen aufgeklärte Form man ja den Putinismus zählen kann – dort gibt es Antisemitismus und Homophobie. Ist dieser ganze Diskurs nicht widersprüchlich?

Kai Ehlers: Ja, das ist natürlich widersprüchlich. Aber zum ersten Teil Ihrer Frage musste ich ein bißchen schmunzeln, weil die Einladung von Wahlbeobachtern ist ein bißchen komplizierter. Man hat die OECD einzuladen versucht. Die OECD hat aber abgesagt. Daraufhin hat man also von verschiedenen Seiten, sowohl aus der Ukraine als auch von verschiedenen russischen Abgeordneten, sämtliche erreichbare Parteien in Westeuropa angeschrieben oder angerufen, dass sie doch bitte Beobachter schicken mögen, aber gemeldet haben sich nur die, die Sie jetzt eben aufgezählt haben: die Rechten. Das liegt aber nicht daran, wen man eingeladen hat, sondern das liegt daran, wer gekommen ist. Das ist ein interessanter Punkt. Was den zweiten Teil Ihrer Frage anbelangt: also ich bin kein Liebhaber von Putin in dem Sinne, dass ich ihn verteidigen oder Russland über alles stellen und gegen jeden Angriff verteidigen müsste. Tatsache ist, dass es selbstverständlich in diesem ganzen Zusammenhang auch russischen Nationalismus gibt – erstens in der Ukraine und zweitens schäumen auch die nationalistischen Wellen in Russland hoch. Da muss man es sogar Putin hoch anrechnen, dass er diese Wellen nicht zu hoch schlagen lässt, wie sie gerne hochschlagen möchten. Das ist der Stand der Dinge. Und ansonsten würde ich die innerrussischen Verhältnisse mit Antisemitismus und dortigen faschistischen Umtrieben und Homophobien nicht unbedingt aufrechnen gegen das, was in der Ukraine passiert. Das bringt nichts.

Harald Neuber: Herr Ehlers, kommen wir am Ende zur Perspektive auf der Krim und darüber hinaus. Wird dieser Konflikt denn Ihrer Meinung nach nun abflauen oder nimmt er erst richtig Fahrt auf? Wir haben ja neben der Krim auch noch andere Konflikte um Moldau, Abchasien, Südossetien, Transnistrien und ähnliche Gebiete...

Kai Ehlers: Das ist für mich von zwei Seiten her zu betrachten. Wenn ich es von der russischen Seite her betrachte, würde ich sagen, es gibt für Russland keinerlei Grund, diesen Konflikt auszuweiten. Im Gegenteil, es gibt jeden Grund, diesen Konflikt zu stoppen und Ruhe einkehren zu lassen. Wenn ich es von der anderen Seite her betrachte, würde ich sagen, die Unruhestifter auf der Seite, die also bisher 25 Jahre lang versucht haben, nach Osten vorzudringen, sind nicht befriedet. Sie werden weiter versuchen, Russland in die Ecke zu drängen, weil sie das brauchen für ihre geostrategischen Interessen, mit denen sie Russland eingemeinden oder unschädlich machen wollen – oder wie immer man es sagen will – um freien Raum zu haben für ihre China-Asien-Indien-Politik. Das ist der Stand der Dinge. Da wird noch einiges auf uns zukommen.   

Kai Ehlers, Journalist und Russlandexperte

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