Die tiefen Wunden im Herzen von Homs

Besuch einer syrischen Stadt im November 2014
Video: 
weltnetz.tv
Personen: 
Sprecherin: Franziska Max

Eine Reportage von Karin Leukefeld

Talal Al-Barazi, der Gouvernor von Homs, packt Konflikte mit beiden Händen an und Konflikte gibt es in Homs jede Menge. Erst vor wenigen Tagen hatte Al-Barazi den UN-Sondervermittler für Syrien, Staffan De Mistura empfangen und ihm Teile der Stadt gezeigt. Der UN-Diplomat zeigte sich fassungslos: „Waren Sie in Homs“, fragte er Journalisten bei seiner kurzen Pressekonferenz später. „Haben Sie das Ausmaß der Zerstörung gesehen? Haben Sie das Ausmaß der fürchterlichen Zerstörung einer schönen Stadt gesehen? Ich war schockiert und fühle mich sehr betroffen.“

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Khalid Ibn al-Walid Moschee

Als De Mistura in der schwer beschädigten Khalid Ibn al Walid Moschee seine Schuhe ausziehen wollte, wie es üblicherweise in muslimischen Gotteshäusern getan wird, winkten seine Begleiter ab, erzählt einer der Ingenieure, die vom Ministerium für Religionsangelegenheiten mit der Restaurierung beauftragt ist. „Hier wird nicht gebetet, hier ist eine Baustelle“, meint Mazen Sleimann und führt durch das Gebäude. Zwei Jahre könnte die Arbeit dauern, sagt er. In den letzten Wochen hätten die Aufräumarbeiten in und um die Moschee begonnen. Die verbrannten Bäume im Park wurden gefällt, der Müll weggeräumt, die Steine von zerstörten Mauern und Simsen liegen ordentlich sortiert auf dem Vorplatz der Moschee, ein zertrümmerter Brunnen wurde abgetragen.  In die Kuppel des Gotteshauses ragt ein Gerüst empor. Wichtig ist es, die Löcher zunächst provisorisch noch vor dem Winterregen zu schließen. Zerstört ist auch das Grab des Ibn al-Walid, der hier beerdigt gewesen sein soll.

 

Khaldiye – Trümmer,  so weit  das Auge reicht

Hinter der Mosche erstreckt sich das Viertel Khaldiye, dessen Häuser durch den Beschuss der syrischen Armee und den Kampf, den sich bewaffnete Gruppen mit dieser lieferten, komplett zerstört sind. Das einzige, was in der Stille zu hören ist, sind Vögel, die in einem Baum zwitschern,  der den Krieg wundersam unbeschädigt überstanden hat. Das andere Geräusch, das zu hören ist, kommt von Motorrädern, die über die unbefestigte Straße durch die Häusergerippe davon knattern.

 

Zögerliche Rückkehr in die Altstadt

Zurück geht es zum Uhrenplatz, von wo die Straße in die christliche Altstadt von Homs abzweigt. An diesem Platz hatten Oppositionsgruppen im Sommer 2011 große Demonstrationen zur Unterstützung der Bevölkerung von Deraa organisiert. Medien aus aller Welt verfolgten das Geschehen und Botschafter westlicher Staaten fuhren nach Homs, um der Opposition „Mut zu machen“, wie sie erklärten. Dass nach dem internationalen diplomatischen Recht sich Botschafter in dem Land, in dem sie stationiert sind (Gastland), nicht in innere politische Angelegenheiten einmischen dürfen, störte sie dabei nicht. Dann waren Schüsse gefallen, Menschen starben und Anfang 2012 begannen die Kämpfe im Vorort Baba Amr. Die Kampfverbände zogen schließlich in die Altstadt ein, wo sie rasch die Häuser einnahmen, die von den Bewohnern fluchtartig verlassen worden waren. Zwei Jahre lange tobte der Kampf, im Mai 2014 schließlich zogen die Kampfverbände ab, die Armee hinterließ einige Soldaten an Kontrollpunkten.

Ein halbes Jahr später kehren die Menschen nur zögerlich in die bedrückende Ruinenlandschaft zurück, obwohl die Versorgung mit Strom, Wasser, Kochgas und Telefon wieder gut funktioniert.  „Die meisten haben kein Geld, um ihre Häuser zu renovieren“,  sagt Samer Kabak, der sich um das Familienhaus kümmert, in dem er und drei seiner Brüder jeweils eine Etage beisitzen. Mit einem Freund hat er selber die aufgerissenen Wände zugemauert und das Dach abgedeckt, damit es im Winter nicht durchregnet. Trotz Ankündigung habe die Regierung bisher kein Geld für den Wiederaufbau gegeben, sagt er leise. „Was sollen sie auch machen. Überall ist diese große Zerstörung und die Regierung hat kein Geld. Wir haben aufgehört, auf finanzielle Hilfe zu warten.“ Immerhin hätten 30 Läden in seinem Viertel Hamidiye wieder geöffnet, doch die Preise seien sehr gestiegen. Allein die Mieten seien drei  Mal so hoch wie vor dem Krieg.  Nach dem Winter, im Frühling vielleicht,  würden mehr Familien zurückkehren. Sofern die Lage stabil bleibe. „Heute leben vielleicht 2000 Menschen wieder hier, früher waren es  50.000.“ Auf die Frage, ob es eine internationale Wiederaufbaukonferenz geben solle, um Syrien zu helfen, blickt Samer Kabak ungläubig auf. „Wir erwarten nichts, von niemandem“, sagt er. „Wenn uns die Regierung nicht hilft, können wir von anderen gar nichts erwarten.“

 

Im Jesuitenkonvent

Es ist Mittagszeit, die Straßen, die zum Jesuitenkonvent in Bustan al-Diwan führen, füllen sich mit Menschen. Immer größer wird die Menge, die mit Taschen und Töpfen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad  unterwegs sind, um sich bei der Tafel der Jesuiten eine warme Mahlzeit zu holen. Täglich kochen die Jesuiten mit der Hilfe von Anwohnern für 1200 Menschen, erklärt Pater Michel Daoud, der den Konvent seit der Ermordung von Pater Francis van der Lugt (Anfang April 2014) leitet. In der Küche stehen große Töpfe gefüllt mit Reis und Linsen, in einem anderen Raum stehen Schüsseln mit Weißkohlsalat. Ein Name nach dem anderen wird aufgerufen und die Leute können Töpfe und Schüsseln füllen, die sie anschließend in Plastiktüten oder Taschen verstauen, um sie nach Hause zu tragen. Zumeist sind es ältere Leute, die sich auf Bänken und Stühlen auf dem Innenhof versammelt haben und geduldig warten. Manche der Frauen sind mit, andere ohne Kopftücher gekommen. „Christen und Muslime kommen zu uns“, sagt Pater Michel.  „Hier gibt es keinen Unterschied zwischen den Religionen“. Mitessen kann jeder, auch die Soldaten vom nahe gelegenen Kontrollpunkt tragen ihre gut gefüllten Schüsseln davon. Finanziert wird die Speisung vom Jesuitischen Hilfsdienst (JRS), der auch in Aleppo arbeitet. Mit dem Geld, das der Konvent für die Speisung erhält, werden Essen und die Helfer bezahlt. Einmal wurde das zunächst auf drei Monate befristete Projekt bereits verlängert. Ende November läuft die Hilfe aus. Niemand weiß, wie es weitergehen soll.

 

Frieden und wieder normal zur Schule gehen

Nachdem im Mai 2014 der Konflikt mit dem Abzug der bewaffneten Gruppen aus der Altstadt besiegelt war, begann eine neue Auseinandersetzung zwischen der Regierung und oppositionellen Gruppen in Al Wair, einer Satellitenstadt im Westen von Homs. Bald zogen bewaffnete Gruppen in dem Vorort ein, die Armee zog einen Belagerungsring um Al Wair. Zivilisten können allerdings an zwei Kontrollpunkten passieren. Nach Auskunft von Vermittlern sollen mindestens 18 bewaffnete Gruppen in Al Wair sein, darunter auch die - abwechselnd von Saudi Arabien, Katar, der Türkei und den USA gesponserte - Nusra Front. Diese Gruppe hat bisher alle Vereinbarungen abgelehnt.

Woher die Mörsergranate kam, die am vergangenen Wochenende direkt neben einem Waisenhaus in einer Moschee in Al Wair einschlug, weiß niemand. Doch Lehrer und Betreuer der 60 dort lebenden Jungen und Mädchen bereiteten umgehend die Evakuierung vor. Der Einschlag sei während einer Unterrichtspause gewesen, erzählt der 12jährige Mahmud.  Er habe Jüngeren geholfen, in den Essraum zu laufen, wo die anderen schon gewartet hätten. Mit zwei Bussen wurden die Kinder erst in das Auffangzentrum Al Andalus gebracht. Die Schule dient seit Monaten als Flüchtlingsunterkunft. Am nächsten Tag kamen die Kinder  in ein Hotel, von wo sie in ein neues Waisenhaus gebracht werden sollen.

Als die Direktorin des Waisenhauses, Budour Jandalie am Abend über die Evakuierung berichtet, fällt der Strom aus. Rasch werden die Notlampen eingeschaltet, ein chinesische Produkt, das in den Stromphasen aufgeladen wird. Neben den großen Betten haben Helfer Matratzen und Decken ausgelegt, jedes Kind soll seinen eigenen Platz zum Schlafen haben, sagt die Direktorin. Die Jungen sind im dritten Stock, die Mädchen im vierten Stock untergebracht. „Wir möchten nur, dass es endlich Frieden gibt und wir wieder normal  leben und zur Schule gehen können“, sagt eines der Mädchen. „Können Sie das in Deutschland nicht bekannt geben?“

(Karin Leukefeld, Homs)

im Jesuitenkonvent in Homs, Foto: Karin Leukefeld

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