Der Trompeter von Stalingrad*

Autor: 
Helmut M. Timpelan
Der Trompeter von Stalingrad

* Einen annähernd identischen Artikel in englischer Sprache: The Trumpeter of Stalingrad veröffentlichte Helmut Timpelan im Januar 2017 in der Zeitschrift International Trumpet Guild Journal, das seine Aufgabe darin sieht, „to promote communications among trumpet players around the world and to improve the artistic level of performance, teaching, and literature associated with the trumpet.

 

Behold, I tell you a mystery; we shall not all sleep,
but we shall all be chang'd in a moment,
in the twinkling of an eye, at the last trumpet.

("Vernehmt, ich künd' ein Geheimnis an: Wir entschlafen nicht alle,
doch werden alle verwandelt, und das plötzlich, in einem Augenblick
beim Schall der Trompete")

G.Fr. Händel; "Der Messias"
 

   Vor etwa zwei Jahren sendete das deutsche Fernsehen eine Filmdokumentation über die Schlacht um Stalingrad, jene historische Schlacht, die bekanntlich mit dem Untergang von Hitlers 6. Armee endete. In einer kurzen Sequenz sah man sowjetische Parlamentäre gegenüber einer Gruppe deutscher Militärs stehen. Dabei fiel sofort eine sowjetischer Soldat ins Auge, der eine Trompete in der Hand hält. Offensichtlich hatte er darauf Signale  geblasen.

   Durch meine Recherchen über die Naturgesetze der Langnaturtrompeten zu Zeiten Händels und Bachs wusste ich selbstverständlich um die Doppelfunktion von Trompeten in Friedens- und Kriegszeiten des 17. und 18. Jahrhunderts. Doch mit diesem Filmdokument rückte die erschütternde Konfrontation von Musikklängen und Gewalt in unmittelbare Nähe. Und so wollte ich Näheres über die Person jenes Trompeters in Erfahrung bringen. Dank seiner Exzellenz, dem Außerordentlichen und Bevollmächtigen Botschafter der Russischen Förderation in Deutschland, Herrn Wladimir M. Grinin, welcher mir einen Kontakt zum Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums in Moskau vermittelte, entging jener Trompeter der filmischen Anonymität. Er bekam ein Gesicht aus nächster Nähe und mit ihm insbesondere auch die erschütternde historische Rolle seiner Zunft, der Feldtrompeter.

   Es ist der 08. Januar 1943. Eisige Stille liegt über der Steppe von Stalingrad; dort wo Hitlers 6. Armee unter seinem Oberbefehlshaber, Generaloberst Friedrich Paulus, seit dem 22. November 1942 hoffnungslos eingekesselt ist und das ohne ausreichende Versorgung. „Winterkleidung war nicht vorgesehen“ wird wenig später lapidar im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vermerkt und das bei Temperaturen bei 40 Grad minus. Es war Paulus, der noch am 30. Januar 1943 von Hitler, kurz vor seiner Gefangennahme am 31. Januar, zum Feldmarschall befördert wurde, der ab 1940 als Oberquartiermeister beim Generalstab des Heeres detailliert die Pläne über das operative Vorgehen für das „Unternehmen Barbarossa“ ausgearbeitet hatte. „Barbarossa“ war das Codewort für den geplanten Überfall auf die Sowjetunion. Doch nun sitzt Paulus, der am 22. November 1942 mit seinem Stab in den „Kessel“ von Stalingrad eingeflogen wurde, im Keller des Kaufhauses „Univermag“ in der Falle.

   Unerwartet ist plötzlich in der eisigen Weite vor Stalingrad, die eben noch vom mörderischen Höllenlärm der Geschütze erfüllt war, der Schall einer Trompete zu vernehmen, der sich weithin hörbar über die gefrorene Steppe ausbreitet. Ein sowjetischer Trompeter hat mit seiner Trompete und einer weißen Fahne, begleitet von zwei Parlamentären und einem Dolmetscher, die Frontlinie überquert und gibt nun unter Todesgefahr im Wechsel Trompeten und Fahnensignale. Dieser todesmutige Trompeter heißt Iwan Radionowitsch Sidorow. Er ist kein einfacher Trompeter aus einem Heeresmusikcorps, sondern seines Zeichens  „Kapellmeister und Techniker-Intendant 1. Klasse“. Mitten im Trompetenblasen werden er und seine Begleiter unter Beschuss genommen. Doch unbeeindruckt davon sendet Sidorow, wie später der begleitende Dolmetscher, Hauptmann Diatlenko, dem Chef der hauptpolitischen Abteilung RKKA, Generalleutnant A. S. Scherbakow, berichtet, „weiterhin Trompeten- und Fahnensignale“! Um den Trompeter zum Verstummen zu bringen, wird dieser nun von den Deutschen mit Granatwerfer beschossen. Auf Befehl des Generalmajors Winogradow zieht sich deshalb Sidorow mit seinen Begleitern zurück. Dazu heißt es in dem Bericht des Dolmetschers an Generalleutnant Scherbakow: „Der Misserfolg [unserer Mission] lässt sich durch den Unwillen des deutschen Kommandos erklären, die Parlamentäre nicht empfangen zu wollen. Am nächsten Morgen, den 09. Januar 1943, verweilten wir auf dem  Bauernhof Plantonow, wo vorgeschlagen wurde, von dort aus die Frontlinie zu überqueren. Der Technik-Intendant 1. Ranges Genosse Sidorow befand sich in der Funktion des Trompeters“.

   Hier nun kam es zu dem Treffen mit den deutschen Militärs, denen dabei ein Dokument an Generaloberst Paulus überreicht wird, worin dieser aufgefordert wird, um weiteres Blutvergießen zu verhindern, den  aussichtslosen Kampf aufzugeben und mit seiner Armee zu ehrenvollen Bedingungen zu kapitulieren. Der Text dieser Kapitulationsaufforderung lautet in Auszügen wie folgt: „Wir garantieren allen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, die den Widerstand aufgeben, Leben und Sicherheit sowie bei Kriegsende die Rückkehr nach Deutschland oder auf Wunsch der Kriegsgefangenen in ein beliebiges anderes Land. Alle Wehrmachtsangehörigen der sich ergebenden Truppen behalten ihre Uniform, ihre Rangabzeichen und Orden, die persönlichen Gebrauchs- und  Wertgegenstände. Den höheren Offizieren werden Degen und Dienstwaffen belassen. Den Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, die sich gefangen geben, wird sofort normale Verpflegung verabreicht. Allen Verwundeten, Kranken und Frostgeschädigten wird ärztliche Hilfe zuteil. […]. Sollte unsere Aufforderung zur Kapitulation von ihnen abgelehnt werden, so kündigen wir an, dass die Truppen der Roten Armee und der Roten Luftwaffe gezwungen sein werden, zur Vernichtung der eingekesselten deutschen Truppen zu schreiten. Die Verantwortung für deren Vernichtung tragen Sie.“ Gezeichnet von Generaloberst Konstantin K. Rokossowski. Doch Paulus nahm das großzügige Angebot nicht an, sondern gab darüber hinaus sogar den völkerrechtswidrigen Befehl, zukünftig auf sowjetische Parlamentäre inklusive Trompeter zu schießen.

   Es ist erstaunlich, dass in einer Zeit industrieller Kriegsführung mit seinen gigantischen Materialschlachten damals noch von sowjetischer Seite – ganz in der Tradition zurückliegender Epochen – ein Trompeter als Überbringer einer Botschaft zum Feind gesandt wurde. Ganz so wie es der deutsche Trompeter und Komponist Johann Ernst Altenburg (1734-1801) in seinem 1795 erschienenen „Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Paukenkunst“ beschreibt. Von Altenburg, der selbst als Feldtrompeter im Dienst der französischen Armee am Siebenjährigen Krieg teilnahm, erfährt man, dass, nachdem Ferdinand II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1623, den Trompetern besondere Reichsprivilegien verlieh, diese sich zu einer Zunft zusammenschlossen, die sie „Kameradschaft“ nannten. Durch dieses kaiserliche Reichsprivilegium unterstanden sie nicht mehr der Gerichtsbarkeit ihres jeweiligen Landesherren, sondern „reichsunmittelbar“ der des Kaisers. Sie standen zudem im Offiziersrang. Deshalb durften sie bei Gefangennahme nur gegen Offiziere ausgetauscht werden. Sie hatten den Status von Hof- und Feldtrompetern und waren in der Regel hochqualifizierte Musiker, die auf Naturtrompeten ohne technische Hilfsmittel wie Ventile bliesen. In Friedenszeiten versahen sie ihren Dienst beim Kaiser oder an Fürstenhöfen als Konzert- und Kammertrompeter. Im weltlichen wie im kirchenmusikalischen Bereich. Im Kriege dagegen versahen sie ihren Dienst als Feldtrompeter. Wo es dann zu ihren Aufgaben gehörte, dem Feind Botschaften zu überbringen. Eine Aufgabe, die viel Mut und starke Nerven erforderte. Deshalb gibt Altenburg den Scholaren detaillierte Empfehlungen, wie sie sich beim Signalblasen und beim anschließenden Überbringen einer Botschaft – von ihm als „Verschickung an den Feind“ bezeichnet – zu verhalten haben, damit sie ja wieder lebend von ihrem gefährlichen Auftrag zurückkehren.

   Wie gefährlich derartige Aufträge waren, mag folgende Begebenheit belegen: Als Friedrich II. von Preußen 1757 währende des „Siebenjährigen Krieges“ mit seinen Truppen in Schlesien gebunden war, belagerten österreichische Husaren Berlin. Am 16. Oktober 1757 schickte dann der kommandierende Feldmarschallleutnant Reichsgraf Andreas Hadik von Futak einen Feldtrompeter ganz allein(!) in die Stadt mit der Forderung, den Belagerern 300000 Taler Branntweinsteuer zu zahlen. (Ob der Trompeter wieder lebend die Stadt verlassen konnte, war leider nicht in Erfahrung zu bringen). Den Titel „Feldtrompeter“ durften laut Altenburg Trompeter nur dann führen, wenn sie mindestens an einem Feldzug sowie mit „Verschickungen an den Feind“ (dem Überbringen von Botschaften) teilgenommen hatten.

   Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass der Vater von J.S. Bachs zweiter Frau Anna Magdalena, Johann Kaspar Wilke, ebenfalls fürstlicher Hof- und Feldtrompeter zu Weißenfels war. Genau wie Anna Magdalenas Bruder Johann Kaspar Wilke zur Zunft der Hof- und Feldtrompeter gehörte. Da nun Bach außer Leipzig auch Dresden und Weißenfels mit Auftragskompositionen belieferte, ist es durchaus vorstellbar, dass die dortigen Hof- und Feldtrompeter in Friedenszeiten auch Bachs schwere Trompetenparts zu Gehör brachten. Und in diesem Zusammenhang sei festgehalten, dass König Georg II. von Großbritannien der letzte englische König war, der an einer Schlacht teilnahm, nämlich 1743 als Oberbefehlshaber in der Schlacht bei Dettingen. So liegt der Gedanke nahe, dass die Feldtrompeter, welche den König begleiteten, bald darauf womöglich in Händels „Dettinger Te Deum“ mit seinem „militärischen“ Beginn die Trompetenparts bliesen.

   Wie Altenburg weiter berichtet, bekleideten Hof- und Feldtrompeter „an Höfen anderer europäischer Mächte“, so auch in St. Petersburg, zusätzlich „die Stelle eines Hof-, Kammer- und Reisefouriers.“ Ein Fourier ist bis heute beim Militär für Logistik zuständig. Das entspricht der Tätigkeit des Kapellmeisters und Trompeters Iwan Rodionowitsch Sidorow während des „Großen Vaterländischen Krieges“, der in dieser Zeit in seiner Eigenschaft als Techniker-Intendant bei der Militärverwaltung für die Versorgung aller Teilstreitkräfte zuständig war. Und dass Sidorow offensichtlich auch ein wagemutiger „Feldtrompeter“ war, möge abschließend folgende Dokumentation aus dem Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Förderation bezeugen:

   „Auf der Liste der Militärauszeichnungen der Don-Front Nr. 91/n vom 10. Januar 1943, auf welcher der Techniker-Intendant 1. Ranges, Kapellmeister Iwan Rodionowitsch Sidorow, mit dem Orden der Roten Fahne verzeichnet ist, steht geschrieben: 'Genosse I.R. Sidorow zeigte sich, indem er die Parlamentärgruppe vom Armee-Kommando bei Stalingrad begleitete, mannhaft und tapfer; die Gruppe der Parlamentäre hat ihre Aufgabe erfüllt'. Der Technik-Indendant Iwan Rodionowitsch Sidorow, geboren 1895 in Tomsk, war von Mai 1942 bis Juli 1943 Kapellmeister der 96. Infanterie. Er bekam 1943 den Orden der  Roten Fahne, 1944 den Orden des Roten Sterns, 1942 [sic] die Medaille für die Verteidigung Stalingrads, 'für die Eroberung Budapests', 'für die Eroberung Wiens' und für den Sieg über Deutschland.' Am 18. Dezember 1945 wurde er vom Militärdienst als Reservist befreit. Angemeldet in Tomsk. Im November 1953 lebte er noch in Tomsk. Das Archiv verfügt über keine weiteren Zeugnisse über das Leben von Iwan Rodionowitsch Sidorow.“

   Möge nun der Kapellmeister Iwan Rodionowitsch Sidorow als der unerschrockene Trompeter von Stalingrad in die Annalen der International Trumpet Guild eingehen! 

Personen: 
Der Trompeter von Stalingrad