"Opfertausch" im Konzentrationslager Buchenwald?

Sabine Kebir
Sonia Combe

Die französische Historikerin Sonia Combe, deren Spezialgebiet die intellektuellen Prozesse in der DDR sind, setzt sich mit fragwürdigen Aspekten der heutigen Ausstellungen in der Gedenkstätte des KZ Buchenwald auseinander. Deren Konzept beruht zum großen Teil auf Arbeiten des Historikers Lutz Niethammer und seiner Mitarbeiterin Karin Hartewig. In dem Buch 'Der gesäuberte Antifaschismus' legen sie nahe, dass das "Geheimnis" des Überlebens von Antifaschisten, insbesondere von "Kaderschonung" seitens der Kommunisten, durch "Selbstverwaltung und Opfertausch" zustande kam. Darin sei ein Hinweis auf "Gruppenegoismus"1 zu erkennen, der sich zum Schaden der übrigen Häftlinge auswirkte.

Als nach 1990 zuvor unzugängliche Akten bekannt wurden, entstanden diese Behauptungen parallel zu ähnlichen, skandalträchtig formulierten Schuldzuweisungen in populären Medien. Wissenschaft und Medien trafen sich in einer gemeinsamen Kampagne, die vorgab, die idealisierende Überhöhung des kommunistischen Widerstands in Buchenwald zu DDR-Zeiten zu konterkarieren, Sonia Combe meint, dass diese neuen Positionen eine wesentlich kompliziertere Problematik vereinfachen und schlussfolgert, dass ein Mythos durch einen anderen ersetzt worden sei, um den antifaschistischen Widerstand in Gänze zu delegitimieren. Seriöse historische Forschung dürfe sich nicht kurzschlüssig in politische Konjunkturen einschalten. Deshalb rollt sie den Fragenkomplex um den 'Opfertausch' in Buchenwald noch einmal neu auf.

Als 1942 die Kriegsmaschinerie ins Stocken geriet, wurden in das ursprünglich für 8000 Häftlinge errichtete Lager immer mehr Menschen aus den Rückzugsgebieten gebracht; im Januar 1945 lebten dort 100 000. Sie wurden als todgeweihte Arbeitssklaven eingesetzt oder von hier aus abgeschoben in Vernichtungslager mit Gaskammern, die in Buchenwald nicht vorhanden waren. Die durch 'Funktionshäftlinge' ausgeübte interne Lagerverwaltung hatte die SS bislang in die Hand von Kriminellen gelegt, die mit brutalster Gewalt für 'Ordnung' sorgten, was sich jedoch als immer weniger effizient erwies. Auch angesichts einer dünner werdenden Personaldecke seitens der SS erschien dem Kommandanten Hermann Pister "der 'reibungslose' Betrieb des Lagers wichtiger […] als der Kampf gegen den politischen Gegner des Regimes." Die Gestapo sei zwar anderer Ansicht gewesen, aber Pister habe gemeint, "dass die Kommunisten kompetenter und geeigneter waren als die 'Kriminellen', um die Masse der Lagerinsassen zu verwalten und die Arbeitseinsätze zu organisieren." So konnten ab 1942/3 politische Häftlinge aus Deutschland und Österreich – erstere wurden oft schon an die 10 Jahre hier festgehalten – nach und nach die 'Kriminellen' in den Schlüsselpositionen der Lagerselbstverwaltung ersetzen. Deutsche und österreichische Häftlinge stellten in diesen letzten Jahren nur noch 10% aller Lagerinsassen. Ende 1944 waren 40% Franzosen, 30% Tschechen. Die illegale Organisation der politischen Häftlinge wurde gestärkt, als sie sich international aufstellte: Im Sommer 1943 gründete sich das Internationale Lagerkomitee. Ein Jahr später entstand auf Initiative Marcel Pauls das Komitee der französischen Interessen, andere Nationen gründeten dann ebenfalls ihre Unterorganisationen. Der jeweilige Anteil im ILK war etwa proportional zum Anteil der jeweiligen Länder an der Gesamtzahl der Lagerinsassen. Die effektive Leitung behielten sich die deutschen politischen Häftlinge vor.

Vielen Häftlingsberichten zufolge ging die sadistische, willkürliche Gewalt unter den Häftlingen deutlich zurück, was sich Pister in seinem späteren Prozess zynischerweise als persönlichen Verdienst zurechnete. Der Handlungsspielraum der neuen Subverwaltung, der natürlich begrenzt und immer gefährdet blieb, erweiterte sich sogar, weil die SS – vor allem aus Angst vor ansteckenden Krankheiten – seltener und auch nicht immer flächendeckend patrouillierte. Auf die Folter der bei Wind und Wetter stattfindenden morgendlichen und abendlichen Zählappelle wurde nicht verzichtet.

Die enorme Verantwortung, die den neuen 'Funktionshäftlingen' zukam, lag vor allem in der in ihren Händen liegenden Zusammenstellung der Listen für Arbeitseinsätze und auch für Transporte in Vernichtungslager. Die SS konnte die Identitäten nicht kontrollieren, sie "interessierte sich nur für Zahlen".

Widerständler mussten auch Hilfsdienste bei den medizinischen Versuchen der SS-Ärzte und bei der gezielten Tötung von arbeitsunfähigen und kranken Häftlingen leisten. Im Krankenrevier war Identitätstausch mit Sterbenden bis hin zu "Arisierung" von Juden möglich – aber auch die Beseitigung von kriminellen Gewalttätern, Dieben, denkbar aber auch von "politischen Intriganten".

Ein großer Vorzug von Combes Darstellung ist, dass sie für das Gesamtbild und die Beurteilung der Verwaltung des Lagers durch politische Häftlinge auch internationale, insbesondere französische Quellen heranzieht, die teilweise kurz nach der Befreiung des Lagers entstanden, denen Niethammer/Hartewig jedoch wenig Bedeutung zuschrieben.

Combe zeigt, dass 'Opfertausch'– durch die Manipulation von Listen für die Arbeitseinsätze, Deportationen und Todesmärsche, aber auch durch Identitätstausch mit Sterbenden – keineswegs eine Entdeckung nach 1990, sondern schon seit den ersten Nachkriegsjahren bekannt war und diskutiert wurde – z. B. anhand von Eugen Kogons Buch 'Der SS-Staat'. Auch andere, später prominent gewordene ehemalige Häftlinge wie Elie Wiesel, Stephane Hessel, Primo Levi, Imre Kertèsz und Jorge Semprun haben ihr Überleben offen als Folge eines 'Opfertauschs' und das Vorgehen der deutschen kommunistischen 'Kapos' nicht als inhuman oder verantwortungslos beschrieben. Auch offenbaren viele Zeugenberichte, dass sie keinesfalls nur versuchten, die eigene Gruppe von politischen "Kadern" zu schützen. Und was wäre überhaupt unter "eigene Gruppe" zu verstehen? Laut Benedikt Kautsky war das vor 1933 virulente Sektierertum unter den Linken in den letzten Lagerjahren praktisch verschwunden, so dass auch KPO-Mitglieder und Sozialdemokraten im geheimen Widerstand gearbeitet hätten.

Mit etlichen tragischen Beispielen ist belegbar, dass die Kapos der verschiedenen Nationalitäten innerhalb der verbliebenen kleinen Handlungsspielräume ebenfalls an Entscheidungen zum 'Opfertausch' teilnahmen oder ihn selbst zugunsten Angehöriger ihrer Nationalität zu organisieren suchten: "Marcel Paul sagt, er habe unterschiedslos Franzosen bevorzugt." Und der slowenische Partisan Boris Pahor beschreibt die ethnische Solidarität, der er sein Leben zu verdanken glaubt: "Jener Slowene, der auch in Dachau meinen Namen auf die Liste der neuen Krankenpfleger gesetzt hatte [eine solche Tätigkeit bot für eine Zeit lang Schutz – S. K.], versuchte jemanden zu retten, der seiner Meinung nach für sein Volk möglicherweise von Nutzen sein könnte." Combe kommt zu dem Schluss, dass Gruppensolidarität, die bei Niethammer nur als "Gruppenegoismus" deutscher Kommunisten vorkommt, eine wesentliche "Bedingung für das Überleben" war: "Zur politischen Solidarität kam die ethnische Solidarität, die offenbar noch stärker wirkte als erstere." Die Frage, "ob ausschließlich die deutschen Kommunisten vom 'Opfertausch' profitierten", müsse – so Combe - "eindeutig verneint werden."

Wie eng die Handlungsspielräume und wie schwierig die Abwägungen waren, die stets zwischen Einzelfällen und der Verantwortung für das ganze Lager getroffen werden mussten, lassen die Vorgänge um Stephane Hessels Rettung erahnen. Er gehörte zu 36 gefangenen Offizieren westlicher Allierter, die im August 1944 nach Buchenwald verschleppt wurden, um umgebracht zu werden. Da die Rettung der ganzen Gruppe unmöglich war, beschlossen die Franzosen – mit Hilfe des im Krankenbau beschäftigten Kogon – wenigstens drei zu retten. Hessel, er zu den Ausgewählten gehörte, beschreibt, "wie er darauf gewartet habe, dass ein junger Franzose namens Michel Boitel starb, um seine Identität annehmen und dem sicheren Tod entrinnen zu können". Während Hessel vermutete, dass der deutsche Widerstand Hilfe für alle 36 Offiziere abgelehnt hätte, um seine "Interventionen Parteigenossen vor[zu]behalten"2, bot der schon lange dem ILK angehörende David Rousset eine konkrete Erklärung: Wegen einer schweren Bombardierung mit anschließendem Chaos am Vortage war es dem Widerstand gelungen, Waffen zu requirieren. Deshalb waren die Lagerspitzel in Stellung gebracht worden. Jede größere Aktion hätte die ganze Organisation in Gefahr gebracht und die Rückkehr der Kriminellen in die Funktionsstellen bedeutet3. Da die Hinrichtung der Offiziere unmittelbar bevorstand, wurde, um einen weiteren zu retten, einem Todkranken eine Phenolspritze gegeben.

Die Bedrängnis, in die insbesondere die Häftlinge gerieten, die im Krankenrevier beschäftigt waren, kann man sich nicht groß genug denken – oft handelte es sich um ehemals praktizierende Ärzte. Der Franzose Morat berichtet, dass sich ein russischer "Hilfsarzt" geweigert hätte, an Tötungen teilzunehmen. Ein Pole habe nur indirekt, durch seine Diagnosen getötet4. Der "oberste Handwerker des Todes" sei jedenfalls SS-Oberscharführer Wilhelm gewesen.

Das moralische Dilemma des ILK, das Verantwortung über Leben und Tod hatte, ist vergleichbar mit der Rolle der Judenräte. Benjamin Murmelstein, der Vorsitzende des 'Judenrats' in Theresienstadt sagte in Claude Lanzmanns Film 'Der Letzte der Gerechten' dass man sie zwar "verurteilen" könne, "aber urteilen kann man über sie nicht".

Combe führt aus, dass 'Opfertausch' auch als individuelle Vorgehensweise vorkam, indem jemand die Identität eines Sterbenden annahm. Solche nicht seltenen Versuche der Selbstrettung konnten misslingen, Glück gehörte immer dazu. Obwohl unter der Bedingung äußersten Terrors, unter dem – so stellte die Zeitschrift 'Esprit' schon 1947 fest – gar kein durchgehend ethisches Verhalten einforderbar ist – kann die direkte oder indirekte Beteiligung am 'Opfertausch' als Ursache für das lebenslang anhaltende Schuldgefühl vieler Überlebender identifiziert werden.

Das Bestreben der politischen "Funktionshäftlinge" sei vor allem darauf gerichtet gewesen, so Combe, das Leben im Lager erträglicher zu machen – und zwar für alle, wobei sie selber zweifellos etwas besser und sicherer lebten als der Durchschnitt der Häftlinge. Der ihnen vorgeworfene 'Opfertausch' betraf außer Todkranken diejenigen, die sich nicht an die vom geheimen Widerstand aufgestellte Regel der gegenseitigen Solidarität hielten: Spitzel der SS, Diebe, Gewälttätige, wobei Racheakte und Irrtümer keineswegs ausgeschlossen blieben. Primo Levi nannte den Handlungsraum des ILK treffend eine "Grauzone".

Combes Buch zitiert und kommentiert auch die Auseinandersetzungen um das Überleben des jüdischen 'Buchenwaldkindes' Jerzi S. Zweig, dem in den neunziger Jahren persönlich angekreidet wurde, sein Leben einem 'Opfertausch' zu 'verdanken', wogegen er prozessieren musste. Eine der Ausstellungen in Buchenwald zeigt eine Liste von Kindern, die nach Auschwitz deportiert werden sollten. Hier ist zu sehen, dass der Name Jerzi Zweig gestrichen wurde. Es wird suggeriert, dass der auf einer zweiten Deportationsliste vom selben Tag genannte Sinto-Junge Willy Blum anstelle von Zweig auf Transport geschickt wurde. Es unterbleibt aber der Hinweis, dass außer Zweig elf weitere Kinder aus den Deportationslisten gestrichen, also 'ausgetauscht' wurden. Mit der fragwürdigen Personalisierung eines äußerst tragischen Vorgangs wurde der geheime politische Widerstand, der sich Jerzi Zweig angeblich zum "Maskottchen" gemacht habe, des antiziganen Rassismus und sogar der Homoerotik verdächtigt. Die Instrumentalisierung beider Kinderschicksale hatte auch das Ziel, Bruno Apitz` weltberühmten Roman 'Nackt unter Wölfen' zu diskreditieren, weil er vom organisierten antifaschistischen Widerstand in Buchenwald handelt.

Ohne Unterstützung dieses Widerstands hätten der tschechische Kommunist Antonin Kalina und der polnisch-jüdische Kommunist Gustav Schiller das Überleben einer größeren Zahl rassistisch diskriminierter Kinder von Block 66 nicht sichern können. Die SS drang nie bis dorthin vor, weil sich davor ein Bereich befand, in dem Sterbende und Fleckfieberkranke vegetierten. Den versteckten Kindern blieb der stundenlange Appell erspart, sie waren vor Schlägen und Missbrauch geschützt, bekamen etwas mehr zu essen und wurden sogar mit Spielen und Unterricht abgelenkt. Im Block 8 wurden 159 jüdische Kinder versteckt. Robert Siewert gelang es ein "Maurerkommando" zusammenzustellen, in dem Jugendliche, deren Alter die "Arbeitsstatistik" manipulierte, überlebten, weil sie als Arbeitskräfte eingesetzt wurden.

Combe betont, dass es individuellem Heldentum unmöglich gewesen wäre, 904 Kinder zu retten. In der aktuellen Ausstellung werden die Namen dieser Männer zum Teil zwar genannt, nicht aber erwähnt, dass sie Kommunisten im geheimen Widerstand waren. Im Katalog wird dessen Rolle nicht verschwiegen. "Wegen des größeren Wirkungsgrads des Visuellen gegenüber dem Text ist diese unterschiedliche Behandlung bedauerlich. Die Aktivitäten der Kommunisten zur Rettung von Juden – ob Kinder oder Erwachsene – werden von den meisten Überlebenden erwähnt, deren Zeitzeugenberichte ich gehört oder gelesen habe."

Im Buch nicht enthalten, hier aber erwähnenswert ist ein Hinweis auf Barack Obamas Rede in Buchenwald, kurz nach seinem Amtsantritt 2009, als er es noch wagte, persönliche Überzeugungen zu äußern. Neben der düpiert wirkenden Bundeskanzlerin ehrte er ausführlich jene "Gefangenen, die sich organisierten und besonders bemühten, die Kinder im Lager zu schützen, indem sie sie von der Arbeit abschirmten und ihnen zusätzliches Essen gaben. Einige der Gefangenen gründeten heimlich Klassenzimmer, unterrichteten Geschichte und Mathematik und hielten die Kinder an, sich über ihre künftige Berufswahl Gedanken zu machen." Obama erwähnte sogar die "Ironie, dass das Zentrum des Widerstands bei den Latrinen war, weil die Wachen sie so ekelhaft fanden, dass sie sie mieden. Und so entstand aus dem Schmutz ein Ort, an dem kleine Freiheiten gediehen." Die GIs seien erstaunt gewesen, "900 Kinder vorzufinden, die noch am Leben waren. Das jüngste von ihnen war erst drei Jahre alt. Und mir wurde erzählt, dass einige der Gefangenen sogar ein Buchenwald-Lied schrieben, das von vielen hier gesungen wurde." Tatsächlich zitierte Obama dann noch einige Zeilen der 'Moorsoldaten'.5 Diese Informationen hatte er wahrscheinlich einer 1992 in den USA erschienen Forschung entnommen6, die mehr Anstand und Objektivität wahrte als die von restaurativen Obsessionen geprägte deutsche Historiografie.

Combe hat auch recherchiert, weshalb in der DDR vom 'Opfertausch' fast nichts bekannt wurde.7 Noch vor der Konstruktion des Mythos vom angeblich reinen Heldentum des kommunistischen Widerstands in Buchenwald war diese Praxis in Partei- und Strafverfahren in der SBZ und zu Beginn der fünfziger Jahre als Vorwand genutzt worden, um Genossen des Buchenwalder Widerstands aus Machtpositionen zu drängen, die sich die aus Moskau gekommenen Exilanten weitgehend allein sichern wollten. Das betraf z. B Ernst Busse, der für den Krankenbau verantwortlich und Mitglied der dreiköpfigen geheimen Parteileitung gewesen war und 1946 einen Ministerposten bekleidete. Seine Spuren verlieren sich in einem sowjetischen Gulag – aber ehemalige Häftlingen mehrerer Länder haben ihm Zeugnisse ausgestellt, wonach er sich immer um Gerechtigkeit bemüht hatte.

Auch Apitz` Roman war nicht – wie vielfach angenommen – eine im Sinne der Staatsraison produzierte Auftragsarbeit, vielmehr wurden dem Autor die beantragten Arbeitsstipendien dafür verweigert. Das Buch sollte nicht als Tatsachenbericht, sondern als Roman gelesen werden, der sich die für dieses Genre übliche Freiheit nahm. So wusste Apitz im Schreibprozess noch gar nicht, ob das 'Buchenwaldkind' überlebt hatte. Der Roman wurde nur veröffentlicht, nachdem er sich zu etlichen Zensurierungen bereit erklärt hatte. Erst eine 2012 erschienene Neuauflage dokumentiert den Ursprungstext samt den Veränderungen.8

Combe erinnert daran, dass sich der in der DDR entwickelte idealisierende Mythos um den Buchenwalder Widerstand gar nicht grundsätzlich von den Mythen um die italienische Resistenza und die französische Résistance unterschied, wobei es sich bei letzterer auch um deren bürgerlich- gaullistische Variante handelt und dass sich schließlich die Bundesrepublik weit schändlichere Gründungsmythen schuf. In ihnen kam die Verstrickung der Wehrmacht in Kriegsverbrechen schlicht nicht vor, die Deutschen durften sich auch als Kriegsopfer fühlen, eine breitere Auseinandersetzung mit dem Faschismus setzte erst in den späten sechziger Jahren ein. Und bezüglich des kommunistischen Widerstands wurde bislang nichts Solideres als ein weiterhin ideologisch geprägter antikommunistischer Gegenmythos hervorgebracht. Combe plädiert dafür, die "heute brachliegende Forschung zum antifaschistischen Widerstand" wieder aufzunehmen, damit dieser von ideologischer Instrumentalisierung befreit und zum legitimen "Teil der kollektiven europäischen Erinnerung" werden kann. Buchenwald sei nicht nur ein "deutsches Konzentrationslager", sondern "auch ein europäischer Gedächtnisort, da hier aus allen Ländern stammende Akteure des Widerstands gegen den Nationalsozialismus interniert waren." Das Lager "sollte jenseits der verschiedenen Nationalgeschichten Bestandteil jener 'großen Ursprungserzählung' werden, die für Europa noch geschrieben werden muss."9

Sonia Combes Buch befördert auch das Nachdenken über etliche strittige Fragen der Interpretation des Faschismus – z. B. hinsichtlich des jetzt in Polen erlassenen Gesetzes zum Sprechen über Mittäterschaft. Wenn die "Grauzone" nicht genauestens untersucht werden kann, bietet die Anklage von schwer terrorisierten "Mittätern" durch Nachgeborene leicht eine billige Gelegenheit zur Entlastung derer, die mehr Schuld oder gar die Hauptschuld trugen.

 

Sonia Combe: Ein Leben gegen ein anderes. Der ´Opfertausch` im KZ Buchenwald und seine Nachgeschichte, Neofelis Verlag GmbH, Berlin 2017

 

*Erschien unter dem Titel ´Wahrheiten aus der Grauzone` in Junge Welt v. 16. 4. 2018, S. 12-13.

  • 1. Karin Hartewig, Lutz Niethammer: Der ´gesäuberte` Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald, Berlin 1994, S. 41.
  • 2. Hessel: Tanz mit dem Jahrhundert, Erinnerungen, Berlin 2011, S. 104-110.
  • 3. David Rousset: La signification de l`affaire Dotkins-Hessel. In: Les Temps Modernes1.6 (1945/1946), S. 1084f.
  • 4. Siehe auch: Adélaïde Hautval: Medizin gegen die Menschlichkeit, Berlin 2008. Auch die "Hilfsärztin" Hautval weigerte sich, an Tötungen teilzunehmen. Ihre Exekution wurde durch einen 'Opfertausch' verhindert, von dem sie erst nachträglich erfuhr.
  • 5. Zit. n. https://www.buchenwald.de/912/.
  • 6. Malka Drucker, Gay Rock: Rescuers, Portraits in Moral Courage in the Holocaust, New York, London, 1992.
  • 7. In einer Ausstellungsbroschüre von 1986 war über das Krankenrevier immerhin zu lesen: "Durch geschickte Manipulationen konnte eine Reihe vom Tode bedrohter Häftlinge dem Zugriff der Faschisten entzogen werden." - Bodo Ritscher: Buchenwald. Rundgang durch die Nationale Mahn- und Gedenkstätte, Erfurt 1986
  • 8. Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen, hrsg. v. Susanne Hantke und Susanne Drescher, Berlin 2012.
  • 9. Combe zit. aus: Oriane Calligaro/Francois Foret: La mémoire européenne en action.In: Politique européenne 37/2 (2012), S. 18-43.
Personen: 
Sonia Combe