Jemen: Verdrängter Krieg *

Sabine Kebir
Jemen: Verdrängter Krieg

Donald Trump soll den saudischen Kronprinzen und faktischen Regierungschef Salman gefragt haben, ob der Krieg im Jemen nicht mit etwas weniger Opfern geführt werden könne. Dieser Krieg gehört zu den wenigen Erbschaften seines Vorgängers Barack Obama, die Trump offensichtlich nicht abbrechen, aber weitgehend aus der öffentlichen Diskussion verbannen will. Obwohl die humanitäre Katastrophe im Jemen immer mal wieder erwähnt wird, scheint sie uns weniger als andere Konflikte im Nahen Osten zu berühren. Damit wir dieses Schlachtefeld nicht ganz vergessen, muss schon eine besondere Gräueltat gemeldet werden wie das Bombardement eines Marktes am 9. August auf eine Huthi-Ortschaft im Norden des Landes durch die saudisch-arabische Luftwaffe, bei dem nicht nur der Markt selber, sondern auch ein vorbeifahrender Schulbus getroffen wurde. Es starben vor allem Kinder, insgesamt über 50 Menschen, fast 80 wurden verletzt. Der Angriff war aber nur Teil einer größeren Offensive der angeblich von französischen Kräften unterstützten saudischen Luftwaffe, bei der es vor allem darum geht, Kontrolle über den am Roten Meer liegenden Hafen von Hudeida zu gewinnen. Er ist für die ohnehin äußerst mangelhafte Versorgung des Landes mit Hilfsgütern und Medikamenten aber existentiell, zumal eine erneute Welle von Cholera droht.

Warum nur wollen die Saudis – mit diskreter, aber offensichtlicher Unterstützung der Vereinigten Arabischen Emirate und des Westens – die Jemeniten krank machen und aushungern? Dass sie sie nicht beherrschen oder gar assimilieren können, dürfte ihnen klar sein, weil schon der Prophet Mohamed die kulturelle Eigenart des Jemeniten hervorgehoben und sogar respektiert hat. Es ist auch wenig glaubhaft, dass diese seit 2015 die schwersten Aggressionen erdulden, um dem Iran ein Einfallstor gegen das Herrscherhaus in Riad zur Verfügung zu stellen. Das ist auch deshalb zum Lachen, weil es bereits seit den neunziger Jahren eine starke Präsenz amerikanischer Spezialkräfte im Jemen gibt, die u. a. die offizielle Armee des Landes trainiert und jetzt mit Drohnen und Bomben die Saudis unterstützt. Man hat sogar für die Abhaltung von Wahlen gesorgt, die eine angeblich demokratisch legitimierte Regierung an die Macht brachten. Weil ihr aber viele, insbesondere die dicht bevölkerten nördlichen und westlichen Landesteile die Anerkennung versagen, kann das Verfahren nicht sehr demokratisch gewesen sein. Das ist auch deshalb zweifelhaft, weil Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi beste Beziehungen mit Riad pflegt, das nicht gerade als Hort der Demokratie bekannt ist. Augenscheinlich geht es in erster Linie nur darum, die geostrategische Oberhand über den Golf von Aden zu wahren. Hier bestand bis 1990 ein Stützpunkt der Sowjetunion. Wieso haben sich der Westen und seine Marionetten inzwischen hier so verhasst gemacht? Und weshalb konnte der Jemen zum Operationsgebiet von Al Qaida werden?

 

Was eigentlich wollen die Huthis und die anderen Jemeniten? Sie träumen sicherlich nicht vom Sozialismus oder russischen Militärbasen, sondern nur von Frieden und Selbstbestimmung. Offensichtlich lassen sie sich lieber durch Huthis regieren als durch Hadi. Genau können wir es nicht erfahren. Noch keine unserer Fernsehanstalten hat es für notwendig gehalten, Reporter zu beauftragen, mit Abdelmalek el Huthi, dem Oberhaupt der Huthis – direkt zu sprechen. Und von den zwei Millionen Binnenflüchtlingen schafft es offenbar so gut wie keiner nach Europa, der authentisch Zeugnis ablegen könnte.

 

* Dieser Kommentar erschien am 17. 8. 2018 unter dem Titel: Das Wort des Propheten. Über den verdrängten Krieg im Jemen in Der Freitag

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