Vergessener Blutrausch: Die deutsche Gegenrevolution

Sabine Kebir
Vergessener Blutrausch: Die deutsche Gegenrevolution

Erich Ludendorff sagte mehrfach: „Die größte Dummheit der Revolutionäre war es, dass sie uns alle am Leben ließen. Na, komme ich mal wieder zur Macht, dann gibt`s kein Pardon. Mit ruhigem Gewissen würde ich Ebert, Scheidemann und Genossen aufknüpfen und baumeln sehen!“. Tatsächlich begann die Revolution fast gewaltfrei. Die kriegsmüden Soldaten meinten, dass Befehlsverweigerung und das Abreißen der militärischen Rangzeichen – bei denen manche Offiziere zwar verprügelt werden mussten – vorerst genüge. Der Kaiser war gestürzt, die Sozialdemokraten regierten, aber in den großen, mittleren und vielen kleinen Städten lag die Macht bei Arbeiter- und Soldatenräten. Verhaftet wurde kein Beamter, kurz nach dem 9. November waren alle wieder an den Arbeitsplätzen. Die Räte kamen allenfalls vorbei, um etwas zu kontrollieren.

Da sie tatsächlich die ausgehungerte Mehrheit zumindest in den Städten hinter sich wussten, glaubten sie sich unbesiegbar. Das schien sich am 24. Dezember zu bestätigen, als die im Schloss und im Marstall residierende Volksmarinedivision – angefeuert von tausenden, aus den Arbeitervierteln zuströmenden ZivilistInnen – einen ersten schweren Angriff abschmetterten. 300 Tote.

 

Ebert und Scheidemann mussten gar nicht aufgeknüpft werden. Zu viele der Revolutionäre ahnten noch nicht, dass ihre Regierung sie verraten hatte und mit der Obersten Heeresleitung kollaborierte:  Zunächst gelang es nicht, die alten militärischen Einheiten gegen die Revolution in Stellung zu bringen, weil sich zu viele der rückkehrenden Frontsoldaten befehlswidrig sofort zu ihren Familien begaben. Auf den Truppensammelplätzen vor Berlin begann man, Freiwillige zu werben. In Scheinverhandlungen mit den revolutionären Organen gewann Ebert Zeit, um schließlich auch reguläre Truppen in Stellung zu bringen. Unter seinem Befehl wurden zwischen 9. und 12. Januar die von den Räten besetzten Gebäude zurückerobert und die Arbeiterviertel durchgekämmt, wobei mindestens 1200 Menschen geschlachtet wurden.

 

Im Unterschied zu den Bolschewiken besaßen die deutschen Revolutionäre keine durch langen illegalen Kampf gestählte zentrale Koordination. Entgegen späterer Legenden hatten weder die KPD noch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Führungsfunktionen. Die beiden wurden am 15. Januar ermordet, weil allein ihre Artikel in der Roten Fahne den Verrat der Regierung und die heranrückende Gegenrevolution klar darstellten.

 

Nun war der Weg für die Freikorps frei, systematisch, Stadt für Stadt, die Räte zu zermalmen. Obwohl das Massakrieren des eigenen Volks zu den unmoralischsten Verbrechen gezählt wird, hat der Blutrausch der Gegenrevolution kaum Spuren im kollektiven Gedächtnis und in Geschichtsbüchern gefunden. Sebastian Haffner hatte eine Erklärung1: Alle Beteiligten hätten sich der Rolle, die sie in diesem Bürgerkrieg spielten, geschämt. Die Revolutionäre schämten sich ihres unkoordinierten Vorgehens, dem kein  „großartiger Untergang“ sondern „tausendfaches anonymes Leiden und Sterben“ folgte. Auch die Gegner hätten sich geschämt, weil sie ihren Sieg in der „seltsamen Koalition“ von Sozialdemokraten und frühen Nazis errangen. Die Sozialdemokraten hätten nicht zugeben wollen, dass sie „die Vorgänger und Vorbilder der späteren SA und SS rekrutierten und […] auf ihre eigenen Leute losließen“. Und die späteren Nazis wollten nicht zugeben, dass sie „unter sozialdemokratischem Patronat Blut lecken lernten. Wessen alle Beteiligten sich schämen, das wird von der Geschichte gern totgeschwiegen.

 

* Dieser Kommentar erschien unter dem Titel: An die Gewalt von vor 100 Jahren wird kaum erinnert – dafür gibt es Gründe in Der Freitag vom 4. 1. 2019, S. 1.

  • 1. Das Zitat über die Scham der Revolutionäre und der Gegenrevolutionäre stammt aus dem noch immer sehr empfehlenswerten Buch: Sebastian Haffner: Die deutsche Revolution 1918/19, Kindler, München 1979, S. 164f.
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