Kampf um Ressourcen - Bericht aus Syrien

Karin Leukefeld im Gespräch mit weltnetz.tv über die Kämpfe innerhalb der syrischen Opposition und die drohende Gefahr einer Fragmentierung des Landes
Video: 
weltnetz.tv
Länge: 
00:17:93
Personen: 

Das Interview wurde am 22.07.2013 via Skype aufgenommen.

"In Syrien habe ich mit Oppositionellen gesprochen, die sagen, dass sich nach ihrer Einschätzung Syrien immer mehr in eine Art Somalia verwandelt. Das heißt, es gibt Gebiete, die unter Kontrolle von bewaffneten Gruppen sind. Von Warlords, also kleinen Kriegsfürsten, die ein bestimmtes Gebiet für sich beanspruchen. Sie geben sich mit der Besetzung und Kontrolle von zB. einer Ölquelle oder dem Zugang zu Wasser zufrieden, weil sie damit Geld machen können. Für das Geld bekommen sie von irgendwoher Waffen, womit sie diese Ressourcen verteidigen können. Dies hat eigentlich nichts mehr mit den Gründen zu tun, aus denen möglicherweise Leute am Anfang des Krieges gesagt haben: wir benötigen Waffen, um das Regime zu bekämpfen. Sondern es findet eine Fragmentierung des Landes und von Gebieten statt, in denen bewaffnete Gruppen, also Kriegsfürsten, die Kontrolle übernehmen." Karin Leukefeld

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weltnetz.tv: Frau Leukefeld, Sie halten sich gerade in Beirut auf, waren aber bis vor wenigen Stunden in Damaskus, wo kürzlich wieder heftige Kämpfe zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen tobten. Wie haben sich diese Gefechte auf die Bevölkerung ausgewirkt. Wie ist die Lebenssituation der Bevölkerung momentan in Damaskus?

Karin Leukefeld: Ich bin jetzt einen Monat in Damaskus gewesen und fast täglich - und auch in der Nacht - hat man Kampfgeräusche gehört. Artilleriegeschosse, Mörsergranaten, die vom Zentrum aus 6 bis 7 Kilometer entfernt, in Richtung Osten vor allen Dingen, abgefeuert wurden. Dort gibt es Stadtteile bzw. Vorstädte und Satellitenstädte, in denen sich die Aufständischen festgesetzt haben und die massiv von der Armee angegriffen werden. Diese Kampfgeräusche hört man ständig in der Stadt und die Leute sagen: wir haben uns daran gewöhnt und gehen, soweit es möglich ist, ihrem Alltag nach. Die Armee selber hat ziemlich viele Fortschritte gemacht, sagt man. Es sind einige Industriegebiete, die von den Aufständischen besetzt waren, wieder freigekämpft  worden, was von den Damaszenern selber als sehr positiv gesehen wird.Der Vorort Madania, der westlich von Damaskus liegt, wird belagert von der Armee. Dort können auch keine Hilfsgüter hingebracht werden. Hilfsorganisationen, der syrisch-arabische Rote Halbmond oder das Internationale Komitee vom Roten Kreuz haben mehrfach versucht, dort Hilfsgüter hinzubringen, sind jedoch insgesamt 7 Mal abgewiesen worden mit der Begründung, die Sicherheitslage ließe das nicht zu. Also die Armee hat dort offensichtlich das Ziel, die Leute auszuhungern. Zivilisten sind im Wesentlichen aus dem Ort geflohen, schon vor einem Jahr, als die Kämpfe dort begonnen haben, aber es befinden sich natürlich noch immer mehrere tausend Personen dort. Und eine ähnliche Situation gibt es in dem Flüchtlingslager Yarmouk, wo sehr viele Palästinenser, aber auch viele Syrer gelebt haben. Auch dort gibt es eine Art Belagerungszustand.

weltnetz.tv: Wie ist das militärische Kräfteverhältnis zwischen Aufständischen und Regierungstruppen generell im Land? Der arabische Nachrichtensender Al Jazeera berichtete darüber, dass Teile der Wirtschaftsmetropole Aleppo von Rebellen besetzt sind... Wie tariert sich das aus?

Karin Leukefeld: Die syrischen Streitkräfte sind zweifelsohne im Vormarsch. Sie sind stärker. Die Armee ist nicht gespalten, wie es viele noch vor einem Jahr oder vor zwei Jahren vorausgesagt hatten. Sie sind offensichtlich besser ausgerüstet und besser trainiert. Sie haben eine neue Strategie und eine neue Taktik, um gegen die Aufständischen vorzugehen und das sieht man sowohl im Umland von Damaskus, das sieht man in Homs und auch in Aleppo. Die Aufständischen verüben vor allen Dingen Sabotageakte gegen militärische Einrichtungen, aber auch gegen zivile Infrastruktur, z.B. gegen Elektrizitätswerke – im vergangenen Monat ist das zweimal der Fall gewesen. Im Umland von Damaskus sind also zwei zentrale Elektrizitätswerke von den Aufständischen angegriffen worden; mit dem Ergebnis, dass für bis zu 48 Stunden der Strom ausgefallen ist in ganz Damaskus und in Teilen des Umlandes von Damaskus. Das ist also die Antwort der Aufständischen auf den militärisch sehr harten und massiven Vormarsch der Streitkräfte.

weltnetz.tv: Es wird berichtet, dass die Aufständischen in Aleppo z.B. eben nicht nur militärisch agieren, sondern auch drakonische Strafen und Gesetze gegen die Bevölkerung einführen. Was wissen Sie konkret darüber?

Karin Leukefeld: Ich habe nicht die Möglichkeit gehabt, im letzten Monat Aleppo zu besuchen. Aber ich habe mit Leuten gesprochen, die dort leben – in den Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden. Aber man hört diese Berichte auch aus den von den Aufständischen kontrollierten Gebieten. Dort haben vor allen Dingen islamische oder islamistische Gruppen das Sagen. Und sie haben z.B. Scharia-Gerichte eingerichtet, also Gerichte, die nach dem islamischen Recht – Scharia – Recht sprechen. Diese Richter, die dort Recht sprechen, sind Personen aus diesen aufständischen Gruppen. Sie verhängen drakonische Strafen wie Auspeitschen, Köpfen oder auch Handabschlagen. Es gibt Berichte und auch Videoaufnahmen von solchen Urteilen, die dann in der Öffentlichkeit vollzogen werden. Die Bevölkerung wird praktisch gezwungen, einem solchen Urteil beizuwohnen. Der Fall eines jungen Mannes, eines Jugendlichen eigentlich, der Tee am Straßenrand verkauft hat, hat einen Aufschrei durch ganz Syrien - und auch darüber hinaus - ausgelöst. Aufständische wollten Tee von ihm kaufen – oder es war vielleicht auch Kaffee, das weiß ich nicht mehr so genau – und er hat einen bestimmten Preis für den Tee verlangt, den die Aufständischen nicht zahlen wollten. Und als Reaktion darauf hat der Teeverkäufer einen Satz benutzt, der eigentlich in der arabischen Welt als Art Sprichwort gilt: „Selbst wenn der Prophet Mohammed hierher kommen würde, er müsste sein Getränk bezahlen.“. Daraufhin haben die Aufständischen ihm vorgeworfen, er hätte den Propheten beleidigt, haben ihn festgenommen und zum Tode verurteilt. Sie haben ihn in Anwesenheit seiner Eltern mit einem Kopfschuß, glaube ich, getötet. Das hat einen Aufschrei nach sich gezogen. Und es gibt mittlerweile immer mehr Leute, auch in den von den Aufständischen kontrollierten Gebieten, die gegen diese Aufständischen auf die Straße gehen und protestieren. Immer wieder gehen die Leute auf die Straße und protestieren gegen sie und das ist natürlich eine sehr mutige, aber auch eine sehr wichtige Entwicklung.

wetnetz.tv: Kürzlich wurde bekannt, dass auch Kämpfe zwischen den verschiedenen Gruppen der Rebellen stattfinden. So wurde der Kommandant der Freien Syrischen Armee Kamal Hamami von einer Gruppe, die sich Kämpfer im Islamischen Staat des Iraks und im Scham nennt, getötet. Was wissen Sie über diese Gruppe und worauf sind die Spannungen zwischen den einzelnen Gruppierungen der Aufständischen zurückzuführen? Worum konkurrieren diese Gruppen?

Karin Leukefeld: Also, diese islamische Gruppe Islamischer Staat im Islam und Syrien wird im Allgemeinen der Al-Qaida im Irak zugerechnet. Diese islamistische Gruppe hat auch - ich glaube, es war im März - erklärt, dass sie sich der Al-Qaida im Irak zugehörig fühlt. Es gibt eine Art Allianz dieser verschiedenen Gruppen unter dem Dach der Al-Qaida. Man darf dabei nicht vergessen, dass diese Al-Qaida-Gruppen ursprünglich in Afghanistan von den USA und von Saudi Arabien gegründet worden sind. Das sind Gruppen, die zum großen Teil sicherlich auch von ausländischen Geheimdiensten kontrolliert werden. Aber das ist meine persönliche Einschätzung. Diese Gruppen sind sehr aktiv im Norden und im Osten Syriens und sie kämpfen sowohl gegen Gruppen der Freien Syrischen Armee, als auch gegen kurdische bewaffnete Gruppen. Die haben sich gerade in Ras al-Ain eine Schlacht mit den Kurden geliefert. Wobei die Kurden bisher siegreich daraus hervorgegangen sind. Der Hintergrund dieser Kämpfe ist sicherlich, dass es Kämpfe um Verteilung sind. Also um Kontrolle von Gebieten, um Kontrolle von Kontrollpunkten, von Straßen, von Ortszugängen. Es ist ein Verteilungskampf um Ressourcen. Im Norden und Osten des Landes befinden sich die meisten Ölquellen, von denen ein Großteil unter der Kontrolle der Aufständischen – also unterschiedlicher aufständischer Gruppen - ist. Es ist ein Krieg um den Zugang, um die Kontrolle von Gebieten und von Ressourcen. Dabei muss man sagen, dass die Freie Syrische Armee im Norden des Landes doch erheblich geschwächt ist, also nicht nur dadurch, dass die islamistische Gruppe so stark geworden ist, sondern dass diese Gruppierungen, die sich als Freie Syrische Armee bezeichnet haben, auseinander gefallen sind. Viele haben aufgehört zu kämpfen. Es gibt Berichte, dass Offiziere oder Kommandanten aus dieser Gruppierung z.B. sich nicht an einer Schlacht um Aleppo beteiligen wollen und lieber wieder über die Grenze in die Türkei gegangen sind, um sich dort in den Flüchtlingslagern aufzuhalten, wo sie vor den Kämpfen sicher sind. Es gibt also Auflösungserscheinungen, ein gewisses Chaos auf Seiten dieser Freien Syrischen Armee und das wird sicherlich von den islamistischen Gruppen auch ausgenutzt, um sie also massiv zu bekämpfen.

weltnetz.tv: Wie verhalten sich denn die ausländischen Unterstützerstaaten dazu?  

Karin Leukefeld: Ja, also diese ausländischen Unterstützerstaaten... Es ist ja interessant, dass z.B. Saudi Arabien sowohl Waffen und Geld an die Kämpfer der Freien Syrischen Armee liefert, als auch an diese islamistischen Gruppen, die der Al-Qaida zuzurechnen sind. Also da spielt Saudi Arabien eine ganz zweifelhafte Rolle. Aber der Westen insgesamt, also Europa, die USA, die Golfstaaten, so wie sie sich jedenfalls äußern, wollen eigentlich eher die Freie Syrische Armee unterstützen und die islamistischen Gruppen bekämpfen. Das hat auch damit zu tun, dass bei diesen islamistischen Gruppen auch Kämpfer sind, also Gotteskrieger oder Salafisten, die aus westlichen Staaten nach Syrien gekommen sind, um sich dort diesen islamistischen Gruppen anzuschließen. Und im Westen, explizit in Großbritannien hat man das so gesagt, aber auch in Frankreich und in der Bundesrepublik weiß man, dass Personen aus diesen Ländern in Syrien kämpfen und man will verhindern, dass sie nach Europa zurück kommen, um dort möglicherweise Anschläge zu verüben. Deswegen versucht der Westen, diese Freie Syrische Armee zu unterstützen - logistisch, mit Ausbildung, auch mit Waffen. Aber durch diese inneren Auflösungserscheinungen und durch dieses Gesamtchaos, das sich bei diesen bewaffneten Gruppen zeigt, ist das natürlich eine sehr schwierige Aufgabe. Das spiegelt sich darin wider, dass also der Westen immer mehr Abstand davon nimmt, weiter Waffen nach Syrien zu schicken, weil man den Eindruck hat, dass die ganze Lage immer chaotischer und immer unübersichtlicher wird.

Wenn ich das vielleicht noch kurz hinzufügen darf: In Syrien selber habe ich mit Oppositionellen gesprochen, die sagen, dass sich nach ihrer Einschätzung Syrien immer mehr in eine Art Somalia verwandelt. Das heißt, es gibt Gebiete, die unter Kontrolle von bewaffneten Gruppen sind. Von Warlords, also kleinen Kriegsfürsten, die ein bestimmtes Gebiet für sich beanspruchen. Sie geben sich mit der Besetzung und Kontrolle von zB. einer Ölquelle oder dem Zugang zu Wasser zufrieden, weil sie damit Geld machen können. Für das Geld bekommen sie von irgendwoher Waffen, womit sie diese Ressourcen verteidigen können. Dies hat eigentlich nichts mehr mit den Gründen zu tun, aus denen möglicherweise Leute am Anfang des Krieges gesagt haben: wir benötigen Waffen, um das Regime zu bekämpfen. Sondern es findet eine Fragmentierung des Landes und von Gebieten statt, in denen bewaffnete Gruppen, also Kriegsfürsten, die Kontrolle übernehmen.

weltnetz.tv: Noch eine letzte Frage zur Bevölkerung. Sie sagen, Syrien scheint zu zerfallen, zu fragmentieren... Gibt es denn in der syrischen Bevölkerung noch eine Hoffnung auf eine politische Lösung oder ist dies weit entfernt?

Karin Leukefeld: Also nach dem Eindruck, den ich habe, wollen 90 Prozent der Leute wenn nicht sogar noch mehr, dass der Krieg sofort aufhört. Aber sie wissen auch genau, dass man sie gar nicht fragt. Der Westen fragt sie nicht und auch das Regime fragt sie nicht wirklich, sondern die Waffen sprechen. Außerdem ist die Bevölkerung natürlich sehr stark damit beschäftigt, ihren Alltag zu organisieren, zumal auch alles unglaublich teuer geworden ist in Syrien. Das Pfund hat gegenüber dem US-Dollar enorm an Wert verloren und die Preise sind gestiegen. Viele Leute haben ihre Arbeit verloren. Die westlichen Sanktionen gegen Syrien drücken natürlich enorm auf die Wirtschaft und auf jede einzelne Person. Also, die Menschen sind sehr müde von dieser ganzen Situation und haben sicherlich – das ist mein fester Eindruck – das Vertrauen in den Westen verloren. In die Werte Demokratie und Freiheit... Viele Leute lachen nur noch, wenn sie das hören, denn das, was sie täglich vor Augen haben, ist natürlich Krieg und ein absoluter Niedergang der Wirtschaft und der Ökonomie. Politische Oppositionsgruppen, die es ja nach wie vor im Land gibt, befassen sich mit der Ausbildung der Bevölkerung. Sie geben z.B. Seminare über die Bedeutung von Zivilgesellschaft, von Bürgerrechten, wie man mit Medien umgehen soll, wie man Medien versteht, wie man selbst auch vielleicht medial tätig werden kann... Also sie nutzen jetzt diese Zeit so gut es geht, um eine Art Bildungsprogramm voranzubringen unter der jungen Bevölkerung, damit diese eben nicht den Mut verliert und damit sie für die Zukunft und die Zeit nach dem Krieg, wann immer das sein wird, gestärkt wird. Die jungen Leute sollen befähigt werden, für ihre Gesellschaft und für ihr Land aktiv zu werden. Vielleicht noch das eine: Die jungen Leute, die ich getroffen habe, die am Anfang vielleicht auch für diese Oppositionsgruppen gewesen sind, vielleicht auch an Demonstrationen teilgenommen haben, die haben sich alle zurück gezogen und versuchen, die Zeit so gut es geht zu nutzen, um z.B. ein Studium fertig zu machen, um ein Aufbaustudium zu machen. Manche Leute haben angefangen, Musik zu machen, sind in ein Orchester gegangen. Ein junger Mann hat angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben. Also es gibt so einen Rückzug in sich selber oder in den Freundeskreis, um diese schwierige Zeit zu überstehen.

weltnetz. tv: Frau Leukefeld, vielen Dank für das Gespräch.

Karin Leukefeld: Ich danke Ihnen auch.

Karin Leukefeld

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