Syrien: "Positive Entwicklung"

Karin Leukefeld über die belagerte Stadt Homs und lokale Vereinbarungen zwischen syrischer Regierung und Rebellen
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Fotos: Karin Leukefeld

Karin Leukefeld, langjährige Syrien- und Nahostkorrespondentin, berichtet für weltnetz.tv aus Damaskus (Aufzeichung des Interviews am 22.02.2014). Aufgrund der schlechten Skype-Verbindung nach Syrien weist der Ton qualitative Mängel auf. Bei Verständnisschwierigkeiten bitte auf das Transkript zurückgreifen!

"Es gibt eine Entwicklung vor Ort auf der lokalen Ebene, wo vor allen Dingen durch den Druck der Zivilbevölkerung die Kämpfer gezwungen worden sind, die Waffen ruhen zu lassen. Ich sage jetzt mal; die Kämpfer auf beiden Seiten – sowohl die bewaffneten Gruppen als auch die Armee."

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Weltnetz.tv: Frau Leukefeld, die Vereinten Nationen konnten in den vergangenen Wochen rund 1400 Menschen aus der syrischen Stadt Homs evakuieren. Es wurden Hilfsleistungen, wie Medikamente, in die Stadt gebracht, in der immer noch Tausende eingeschlossen sind. Sie waren vor wenigen Tagen selbst in der Stadt und konnten sich ein Bild machen. Warum ist die Notlage in Homs anscheinend besonders schlimm?

Karin Leukefeld: Also die schwierige Lage betrifft vor allen Dingen die Altstadt von Homs, das Zentrum der Stadt, die ansonsten sehr weitläufig ist. Dort haben sich bewaffnete Gruppen seit ungefähr zwei Jahren verschanzt und die syrischen Streitkräfte haben über ein Jahr eine Art Belagerungsring um die Altstadt von Homs gezogen, der in den letzten Monaten noch viel enger gezogen wurde, so dass keine Hilfsgüter in die Altstadt hinein gelassen wurden. Umgekehrt haben diese bewaffneten Gruppen auch die Zivilisten, die da noch gelebt haben, nicht heraus gelassen. Es hat seit Oktober vergangenen Jahres Verhandlungen gegeben, um die Zivilisten dort aus der Altstadt herauszubringen. Diese sind mehrfach gescheitert. Letztendlich konnte man sich im Zuge der Genfer Verhandlungen – Anfang Februar - einigen, dass Zivilisten herauskommen konnten und Hilfsgüter hineingebracht wurden. Man geht davon aus, dass derzeit noch 2500 Menschen in der Altstadt von Homs leben, davon etwas 1500 Kämpfer und sukzessive kommen jetzt immer noch mehr vor allem ältere Leute aus der Altstadt von Homs heraus.

Weltnetz.tv: Ist denn bekannt, wohin diese Evakuierten gebracht wurden? Wie wurden diese weiter versorgt?

Karin Leukefeld: Es gab insgesamt mehrere Evakuierungen über einen Zeitraum von 10 Tagen. Sie haben ja gesagt, die Zahl waren etwa 1400. Diejenigen von diesen Leuten, die irgendwo Verwandte in Homs haben, konnten dort hingehen oder sie sind in andere Stadtteile von Homs gegangen, wo also auch weitere Auffanglager sind. Diejenigen, die keine Verwandten hatten, die kamen ins Auffangzentrum „Al-Andalus“, das ist auch am Rande der Altstadt von Homs. Unter diesen Menschen, die in dieses Auffangzentrum kamen, waren 550 Männer im, wie man sagt, kampffähigen Alter zwischen 16 und 55 Jahren. Diese Männer, darauf hat die Regierung bestanden, wurden daraufhin überprüft, was ihre Rolle in der Altstadt gewesen ist. Und diese Männer sind auch in dem Auffangzentrum „Al-Andalus“. Ich bin dort gewesen und habe mit ihnen auch sprechen können. Sie werden dort von den Vereinten Nationen versorgt. Unter den Menschen, die im „Al-Andalus“-Zentrum sind, sind auch Kinder. Unicef ist dort aktiv. Dann gibt es Freiwilligen-Organisationen aus Homs selber. Ich habe eine Reihe von Studenten getroffen, die sich angeboten haben, dort mit der Bevölkerung, die in diesem Auffangzentrum angekommen ist, zu sprechen, ihnen zu helfen, sie zu unterstützen. Und es gibt auch geistlichen Beistand, Sheiks von Moscheen aus Homs sind dort hingegangen, um mit den Menschen dort über ihre Sorgen zu sprechen.

Weltnetz.tv: Sie haben es gerade schon angedeutet, aber mich würde detaillierter interessieren: wie konnten Sie sich in der Stadt bewegen? Sind Sie ins Gespräch gekommen mit der Zivilbevölkerung?

Karin Leukefeld: Ich bin mit einem Fahrer und einer Übersetzerin zusammen aus Damaskus dort hingefahren. Wir waren also mit dem Auto unterwegs und ich konnte im Zentrum beispielsweise mit allen Leuten sprechen, mit denen ich reden wollte. Da gab es überhaupt keine Einschränkungen und die Leute waren selber auch bereit zu sprechen. Manche wollten unbedingt ihre Geschichte erzählen. Weiter war ich an dem zentralen Uhrenplatz in Homs, wo es ja große Demonstrationen 2011 gegeben hatte. Der Platz ist militärisches Sperrgebiet, denn er grenzt direkt an die Altstadt von Homs und dort gibt es außer Militär und Sicherheitskräften keine Zivilisten. Ansonsten war die Zeit relativ kurz in Homs. Wir hatten dann noch ein Gespräch mit dem Gouverneur der Stadt und der Provinz und so war ich zum Beispiel nicht auf Märkten oder ich war nicht an der Universität. Aber wir sind dort vorbeigefahren und es herrschte jenseits dieser Kampfzonen in der Altstadt und dem militärischen Sperrgebiet im Zentrum der Stadt eigentlich ein relativ normaler Alltag. Ich muss allerdings auch sagen, dass wir an einer Stelle Einblick hatten in das Viertel Baba Amr, wo es vor zwei Jahren heftige Kämpfe gegeben hat. Das ist abgesperrt. Das ist menschenleer, kein einziges Fahrzeug fährt da herum. Die Häuser sind zerstört. Es liegt verlassen da.

Weltnetz.tv: Wenn Sie sagen, das ist ein fast normaler Alltag – wie kann man sich das vorstellen? Wie sieht der Alltag in Homs aus?

Karin Leukefeld: Ich konnte beobachten, wie Frauen mit ihren Kindern über die Straße gegangen sind, die waren einkaufen. Junge Leute besuchen die Universität. Die Geschäfte haben geöffnet. Es war relativ dichter Verkehr. Der Bahnhof ist allerdings geschlossen. Es gab mehrere Anschläge auf die Zugverbindungen und da wurde der Zugverkehr eingestellt. Seitdem die Straßenverbindung zwischen Homs und Damaskus, die Autobahn, wieder frei ist, werden auch ganz normale Güterlieferungen dort hingebracht, so dass Stück für Stück der Alltag dort weitergeht. Man muss allerdings sagen, es gibt noch ein relativ großes Viertel von Homs, Al Wael, wo es ein großes Militärkrankenhaus gibt, das sich auch unter Kontrolle der bewaffneten Gruppen befindet. Die staatlichen Kräfte haben sich dort weitgehend zurückgezogen. Aber der Verkehr zwischen diesem kontrollierten Viertel und dem Rest der Stadt ist möglich, zumindest für Menschen, die dort wohnen oder dort Verwandte haben. Ich selber wollte dort auch hin, aber man hat mir gesagt, es ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich.

Weltnetz.tv: Ist denn Genaueres bekannt über die Rebellen, die sich dort verschanzt haben bzw. die dort eingekesselt sind? Welcher Gruppierung gehören sie an?

Karin Leukefeld: Ich hatte ein längeres Interview mit dem Gouverneur von Homs und habe ihn dazu auch gefragt. Er hat gesagt, nach ihren Erkenntnissen befinden sich dort in der Altstadt mindestens sechs verschiedene bewaffnete Gruppierungen. Eine dieser Gruppierungen ist die al-Nusra-Front, die immer wieder Vereinbarungen, die es zuvor schon gegeben hatte, durch bewaffnete Aktionen zerstört bzw. verhindert hat. Die anderen Gruppierungen sind im Wesentlichen alle islamischer Natur. Sie folgen einem religiösen Konzept. Und zumindest drei dieser Gruppen haben offensichtlich auch Verbindungen zu der Nationalen Koalition, die den Sitz der Opposition bei den Genfer Gesprächen eingenommen hatte. Während der Gespräche hat also diese Nationale Koalition offensichtlich Einfluss auf die bewaffneten Gruppen innerhalb der Altstadt genommen, um die Evakuierung von Zivilisten zu ermöglichen. Aber, wie gesagt, es sind im Wesentlichen Gruppierungen, die einer islamischen Richtung folgen. Interessant ist, dass so viele junge Männer die Möglichkeit der Evakuierung in Anspruch genommen haben, die teilweise durchaus auch mit den bewaffneten Gruppen zusammengearbeitet haben oder auch Waffen getragen haben, wie mir die jungen Männer selber erzählt haben, die aber schockiert waren über die Art und Weise, wie diese Gruppierungen dort aufgetreten und mit den Menschen umgegangen sind, dass sie also diese Gelegenheit wahrgenommen haben, um aus der Altstadt heraus zu kommen.

Weltnetz.tv: Homs war 2011 der Ausgangsort des Konfliktes in Syrien. Warum haben sich die Kämpfe von Anfang an dort konzentriert?

Karin Leukefeld: Homs hat einen ganz besonderen Namen; manche Leute nennen Homs die Hauptstadt der Syrischen Revolution. Dort hat es sehr, sehr große Demonstrationen gegeben, vor allem im April 2011. Der Uhrenplatz, von dem ich gerade gesprochen habe, war damals voller Menschen. Das waren friedliche Proteste mit großen Transparenten, Fahnen, Musik und Reden, die in Vereinbarung mit dem damaligen Gouverneur stattfanden. Weil die Menschen offensichtlich versucht hatten, diesen Platz zu besetzen, ist es im Verlauf dieser Proteste zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen. Auf jeden Fall ist die Lage eskaliert und dann kam es dazu, dass bewaffnete Gruppen, die offensichtlich in Homs waren, das Stadtviertel Baba Amr eingenommen haben und sich dort praktisch eine eigene Region ins Leben gerufen haben.

Homs liegt sehr nah an der libanesischen Grenze und sowohl Waffen als auch Kämpfer als übrigens auch Journalisten sind über diese Grenze aus dem Libanon nach Homs gekommen. Es sind nur knappe 20 Kilometer, die da überwunden werden müssen und dadurch hat diese Stadt auch eine besondere Medienaufmerksamkeit bekommen. Diese bewaffneten Gruppen haben sich dort stark vervielfacht. Das hat mit der Nähe zu Libanon zu tun und es hat auch eine strategische Bedeutung. Homs ist die größte Industriestadt. Die größte Raffinerie des Landes befindet sich in Homs. Also wer auch immer versucht hat, in Syrien durch einen bewaffneten Aufstand einen Sturz der aktuellen Regierung herbeizuführen, der musste im Grunde Homs als Ziel haben, weil es im Zentrum des Landes liegt, weil es eine strategische Bedeutung hat, um von dort die bewaffneten Kämpfe fortzuführen.

Weltnetz.tv: Sie haben es gerade erwähnt: Homs war sehr stark im Fokus eines Medieninteresses und Homs stand auch im Fokus der Genfer Friedensgespräche - es war eigentlich das einzige Ergebnis, das die Genfer Gespräche hervorgebracht haben. Wie groß ist denn die Aussicht, dass auch anderen Menschen Hilfsgüter gebracht werden? Nach Einschätzung der Vereinten Nationen sind immerhin eine viertel Million Menschen in solchen Hungerenklaven wie Homs eingesperrt.

Karin Leukefeld: Ja, man spricht von insgesamt 45 solchen Gebieten im ganzen Land. Wobei es so ist, dass einerseits Gebiete von der syrischen Armee eingekesselt sind, weil sich die bewaffneten Gruppen darin befinden, die nicht bereit sind, eine Art Waffenstillstand zu schließen. Es gibt aber auch Gebiete, die von den bewaffneten Gruppen eingekesselt sind, wo die Zivilbevölkerung ebenfalls keinen Zugang zu Hilfsgütern hat. Im Norden des Landes ist es besonders extrem. In der Provinz Aleppo, in der Provinz Hassake, in Deir Ezzor und Al Raqqa sind insbesondere islamistische Gruppen sehr aktiv und verhindern die Hilfskonvois, die auf dem Landweg dorthin gelangen sollen. Das Welternährungsprogramm ist dazu übergegangen, Hilfsgüter aus Damaskus nach Hassake per Flugzeug einzufliegen. Interessant ist, dass in vielen Gebieten, wo bewaffnete Gruppen eigentlich die Kontrolle haben, diese sich mit der Regierung geeinigt haben, so dass Hilfsgüter dort hinkommen, dass Schulen geöffnet sind, das Strom geliefert wird und die allgemeine Versorgungslage gut ist, obwohl diese Gebiete von bewaffneten Gruppen gehalten werden. Das betrifft in der Umgebung von Homs beispielsweise die Orte Al Rastan oder Safaraniya oder Deir Fool, also Orte, wo vor zwei Jahren noch stark gekämpft wurde. Da gibt es Vereinbarungen. Diese lokalen Vereinbarungen zwischen bewaffneten Kräften, die sich übrigens im Allgemeinen als Freie Syrische Armee bezeichnen und Kräften der Regierung ist etwas, was sich im letzten halben Jahr immer weiter verbreitet hat – auch um Damaskus herum, also Orte wie Moadamiya, Barzeh, Babila haben Vereinbarungen getroffen. Die Bevölkerung konnte in den letzten zwei, drei Wochen dahin zurückkehren und sich ansehen, was aus ihren Wohnungen oder Häusern geworden ist. Und die Menschen bereiten sich darauf vor, dorthin zurückzukehren. Und das betrifft übrigens auch das palästinensische Flüchtlingslager Yarmuk, das ja ein Jahr lang praktisch eine Kampfzone war und schwer zerstört ist. Auch dorthin können Hilfsgüter geliefert werden. Über 4000 Menschen, die dringend medizinische Hilfe brauchen, sind von dort evakuiert worden. Also es gibt eine Entwicklung vor Ort auf der lokalen Ebene, wo vor allen Dingen durch den Druck der Zivilbevölkerung die Kämpfer gezwungen worden sind, die Waffen ruhen zu lassen. Ich sage jetzt mal; die Kämpfer auf beiden Seiten – sowohl die bewaffneten Gruppen als auch die Armee.

Weltnetz.tv: Nun hört man aber, dass sich die US-Regierung entschieden hat, nach dem Scheitern der Genfer Friedensverhandlungen bestimmte Rebellengruppen weiter militärisch zu unterstützen, die Unterstützung sogar noch auszuweiten. Man hört wieder, es soll eine Flugverbotszone eingerichtet werden. Auf der anderen Seite intensiviert auch Russland seine militärische Unterstützung der Assad-Regierung. Torpediert das nicht diese positive Entwicklung, von der Sie gerade gesprochen haben?

Karin Leukefeld: Ja, ich finde auch interessant, dass über diese lokale Entwicklung eigentlich so gut wie gar nicht berichtet wird in den westlichen Medien. Wenn es tatsächlich Waffenlieferungen gibt an beide Seiten und sie damit ermutigt werden, den Krieg fortzuführen und nach einer militärischen Lösung zu suchen, wird das sicherlich diese lokalen, positiven Entwicklungen torpedieren und sehr viel schwieriger machen. Besonders gefährlich finde ich eine Entwicklung in dem Gebiet, das eigentlich von den Vereinten Nationen eine Pufferzone war – und zwar entlang des besetzten Golan zu Israel. Die UN hat sich dort weitgehend zurückgezogen. Insbesondere die österreichischen UN-Kräfte, die seit 40 Jahren das größte Kontingent gestellt haben. Damit ist dieses Gebiet zu einem Aufmarschgebiet für Kämpfer und Waffenlieferungen geworden, die aus dem Norden Jordaniens entlang dieser Pufferzone hin gezogen sind. Und von dort aus versuchen sie über Qunaitra nach Damaskus zu kommen. Es gibt starke lokale Aktivitäten von Stämmen, von Geistlichen, von angesehenen Persönlichkeiten, die also mit beiden Seiten reden, um zu verhindern, dass es dort zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt. Aber dieses Gebiet ist natürlich sehr sensibel. Insbesondere auch, weil es direkt an Israel bzw. an die besetzten Gebiete des Golan grenzt und auch darüber ist sehr wenig in den Medien zu hören. Hier in Damaskus haben viele meiner Gesprächspartner gesagt, dass sie diese Entwicklung als sehr gefährlich ansehen. 

Zentrum Homs, Uhrenplatz

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