Kann Deutschland mit China brechen?

Unerschütterliches Selbstbewusstsein durch atemberaubende Entwicklung

Die für Deutschland relevante Konkurrenz Chinas liegt nicht mehr in niedrigen chinesischen Löhnen, sondern im erreichten technologischem Vorsprung, der sich selbst potenziert.

10. September 2026
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Kann Deutschland mit China brechen?
Lesezeit: ca. 8 Minuten


Aus Konkurrenz sollte Partnerschaft werden

Auf einer zweiwöchigen Autorenreise, die mich von Peking über drei Millionenstädte in der zentralchinesischen Provinz Henan bis Schanghai und sein Umland brachte, begegnete ich einem höchst selbstsicheren Staat. Das zeigte sich schon bei der visafreien Einreise, was umgekehrt, für Chinesen, die nach Deutschland kommen wollen, nicht gilt. Obwohl die Einkommensschere enorm ist, hat sich der Lebensstandard in den letzten zwei Jahrzehnten für alle stark gesteigert, weshalb die Bürger ziemlich zufrieden wirken – ähnlich vielleicht wie im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik der fünfziger Jahre. Zu geradezu unerschütterlichem Selbstbewusstsein trägt sicher auch die atemberaubende Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur bei. 1978 gab es in China nur 1000 Km Schnellzugstrecke, heute sind es 50 000. Zwischen Peking und Shanghai startet alle sechs Minuten ein Schnellzug, der schon wegen dieses Taktes auch pünktlich sein muss. Auf dem Territorium von Zhengzhou, der heutigen Hauptstadt der Provinz Henan, befanden sich 2008 nur einige Dörfer, heute leben hier 13 Millionen Menschen, größtenteils in Hochhäusern. Dass das Leben im Wolkenkratzer anonymer ist als im Dorf, wird zwar als nachteilhaft empfunden, aber der Gewinn an Privatsphäre und Komfort macht das mehr als wett. Seit 2013 verfügt die Stadt über ein U-Bahnnetz mit 201 Stationen, davon 42 Knotenpunkte. Zwischen den Hochhäusern gibt es wäldchenähnliche Grünanlagen und Bäume säumen auch die Straßen. Zhengzhou ist keine Ausnahme.

Schanghai Wohnsiedlung

Auch während der Zugfahrten habe ich keinen kranken Baum gesehen. Kürzlich wurden Gesetze erlassen, durch die China in absehbarer Zeit weltweit Maßstäbe und künftig sogar Normen für den Umweltschutz setzen will. Ökologischer Umbau und Gesundheit seien die Hauptziele von Parteichef Xi Jing Ping, erklärte einer unserer Reiseleiter.

Aus der rasanten Urbanisierung folgt, dass sich chinesische Großstädte mit ihren Hochhäusern und breiten Straßen für den touristischen Blick sehr ähneln. Der beeindruckende private Umstieg auf Elektromobilität wird auf vielfältige Weise vorangetrieben. In der 24-Millionenstadt Schanghai muss man zwei bis drei Jahre auf die Zulassung eines Verbrenners warten, da die Stadt sie nur 1200 mal pro Jahr erteilt. Aber wer kauft denn dann überhaupt noch Verbrenner? Der Schanghaier Reiseleiter behauptete, dass es die Reichen wären – weil der Personenschaden im Falle eines Batteriebrandes bei E-Autos erheblicher ausfalle. Der Pekinger Reiseleiter, der Deutschland kannte und schätzte, bremste unsere Bewunderung für das Niveau der chinesischen Infrastruktur. Die deutsche Infrastruktur sei eben alt, die ihre werde ebenfalls altern und womöglich irgendwann auch weniger gut funktionieren.

Unser Reisebüro hatte nicht nur den Besuch von Kulturstätten organisiert, sondern auch Besuche von Technologieaustellungen, Betrieben und Ausbildungszentren. Wir sahen humanoide Roboter in verschiedenen Aktionen,

Peking Technologieausstellung

nicht-humanoide medizinische Roboter, die Akupunktur genauer und effizienter durchführen als ein Arzt,

Xuchang. Traditionelle chinesische Medizin mit moderner Technik

ferner ein chauffeurlos fahrendes Elektroauto

Peking. Technologieausstellung. Selbststeuerndes Auto

und sogar flugfähige Personenfahrzeugdrohnen. Letztere scheinen eher für den Export oder für spezielle Berufsgruppen oder das Militär entwickelt zu werden, denn privat Drohnen zu starten, ist in ganz China verboten. Damit entfällt die schwierige Identifikation feindlicher Drohnen. Wer im Hotel einen Fahrstuhl betritt, muss ihn sich nicht selten mit einem nicht-humanoiden Roboter teilen, einem friedlichen kastenförmigen Burschen, der Bestellungen von Gästen transportiert, die in ihren Zimmern mahlzeiten wollen. Beeindruckend ist auch, dass so gut wie alle Chinesen selbst am Eisstand digital mit dem Handy bezahlen. Aber der Staat garantiert den Erhalt des Papiergeldes und Geschäfte sind verpflichtet, auch dieses anzunehmen.

Besonders beeindruckend war der Besuch eines deutsch-chinesischen Industrieparks in der Stadt Taicang, eine halbe Autostunde von Shanghai entfernt. Seit 1993 haben sich dort 560 mittelständische und Großunternehmen aus der Bundesrepublik angesiedelt, darunter sechs der zehn größten deutschen Werkzeugmaschinenhersteller. Das größte Labor von TÜV Rheinland außerhalb Deutschlands wurde in Taicang aufgebaut. Enge Zusammenarbeit besteht mit über 70 Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft, mit der auch ein internationales Wissenschafts- und Technologiekooperationsprojekt vereinbart wurde.

Über 800 lokale chinesische Firmen arbeiten mit den hier niedergelassenen deutschen Firmen zusammen. Das Label „Deutsche Qualität – hergestellt in Taicang“ steht unter Kontrolle eines chinesisch-deutschen Normungskooperationszentrums. 67, 3 % der Produktion und der Forschungs- und Entwicklungsprojekte arbeiten mit hochwertigen Zulieferungen aus China.

Prominent in Taicang vertreten sind auch chinesisch-deutsche Ökologieprojekte, darunter ein dreistufiges System aus kohlenstoffneutralem Park, grüner Fabrik und grünen Produkten. Die Firma Oechsler nahm einen Energiespeicherpark in Betrieb. Nike schuf in China den ersten intelligenten Logistikpark, der Energiegewinnung kohlenstoffneutral aus Wind und Solar integriert.

Persönlich sprechen konnten wir im Industriepark Taicang mit Jürgen Becker, dem Geschäftsführer des United Corporate Innovation Center, das eine Brücke zwischen deutschen Start-ups im Rhein-Neckar-Raum und chinesischen Industriepartnern bildet. Als ehemaliger Schulleiter in Weinheim entwickelte er seit 2011 zusammen mit seinem chinesischen Partner Richard Zhang das erste chinesische duale Berufsbildungszentrum nach deutschen Muster in Taicang. Auf einer Fläche von 3,2 km² entstand ein mehrstufiges System von Berufsfachschulen, Fachhochschulen und Universitäten, in denen bereits über 10.000 Führungs- und Fachkräfte ausgebildet wurden, die oft in deutsch-chinesischen Kooperationsprojekten arbeiten. Mittlerweile gibt es mit deutscher Unterstützung entstandene duale Ausbildungsstätten auch an anderen Orten In China. Wir hatten bereits in Xuchang das auf dieser Basis arbeitende Vocational Technical College besucht, wo u. a. Maschinenbauer,

Xuchang: Duale Ausbildung nach deutschen Vorbild: Maschinenbauer

medizinisch-technische Assistenten, künftige Beschäftigte der Tourismusbranche und Künstler der berühmten traditionellen lokalen Keramikkultur ausgebildet werden.

Xuchang: Duale Ausbildung nach deutschen Vorbild: Porzellankünstler

Jürgen Becker zeigte sich als enthusiastischer Propagandist der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit, kritisierte aber, dass die chinesischen Absolventen des dualen Ausbildungssystems zwar dieselben Prüfungsanforderungen wie in Deutschland zu bewältigen haben, ihre Diplome aber nicht als gleichwertig anerkannt würden. Dabei seien die chinesischen Ausbildungsorte sogar technisch moderner ausgestattet. Die Frage, ob die von Teilen der deutschen Politik betriebene Infragestellung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit China in Taicang spürbar sei, bejahte Becker. Einen vollständigen Abbruch dieser Beziehungen könne er sich aber nicht vorstellen – schlimmstenfalls eine Stagnation. Dem pflichtete ein enthusiastisch auftretender deutscher Jungunternehmer bei, der hier sein Start-up auf den Weg gebracht hat: Deutschland sei zu langsam und zu teuer. In China sei man schneller, zuverlässiger und präziser.

Nach dem Prinzip „nicht stören, wenn nicht nötig, aber sofort helfen, wenn gebraucht“ bietet der Taicang- Industriepark deutschen Partnern 73 Dienstleistungen an: bei Einwanderungsangelegenheiten, ausländerbezogenen Verwaltungsdiensten und praktische Hilfestellung bei der Gestaltung der Lebensbedingungen. Unter anderem gibt es eine Justizdienststelle für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit mit fünf koordinierten Gerichtsstandorten und ein Büro zum Schutz geistigen Eigentums. Um das Wohlbefinden der mit chinesischer Lebensart kaum vertrauten Partner zu sichern, wurden in der Stadt Taicang umfangreiche Wohnviertel in verschiedenen traditionellen deutschen Stilrichtungen gebaut. Auch wird seit vielen Jahren ein Oktoberfest nach Münchener Art gefeiert und selbstverständlich gibt es auch chinesisch-deutsche Fußballspiele. Der FC Bayern München unterhält hier sogar eine Fußballschule.

Taicang: Wohnbauten für deutsche Firmenangehörige

Der Taicang-Industriepark erhielt sowohl von chinesischer als auch von deutscher Seite zahlreiche Auszeichnungen. Er ist übrigens nur einer von drei deutsch-chinesischen Industrieparks mit einer Gesamtfläche von über 1000km². China unterhält ähnliche Einrichtungen auch mit vielen anderen Ländern.

Die weit bis in den Alltag sichtbare fortgeschrittene Digitalisierung und das für breite Mehrheiten offenbar zumutbare Preisniveau, das etwa zu zwei Dritteln dem hiesigen entspricht, lässt mich vermuten, dass die für Deutschland relevante Konkurrenz Chinas nicht mehr in niedrigen chinesischen Löhnen liegt, sondern in einem bereits erreichten technologischem Vorsprung, der sich offenbar selbst potenziert. Ein Hinweis darauf, wie weit menschliche Arbeitskraft in China bereits durch KI-gelenkte Maschinenkraft ersetzt wird, scheint mir auch, dass Männer mit 60, Frauen schon mit 55 Jahren in Rente gehen können. Ein weiterer Grund liegt vielleicht darin, dass die Unterstützung der Großeltern bei der Erziehung des meist einzigen Kindes der jungen Familien unerlässlich scheint, denn außerhäusliche Betreuung ist teuer. Aber bei den touristischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten begegnet man oft auch rüstigen älteren chinesischen Paaren, die ihr letztes Lebensdrittel offenbar sehr genießen.

Die Einblicke, die unsere Autorengruppe in die Leistungskraft der chinesischen Wirtschaft bekam, war sicher nicht erschöpfend. Aber dass die deutsche Politik sich mit China keine ähnliche Boykottsituation wie mit Russland leisten sollte, wird immer wieder von Wirtschaftskapitänen bestätigt. So betonte Christian Bruch, Chef des Dax-Konzerns Siemens Energy in der ´Zeit` vom 18. Juni 2026, dass in chinesischen Unternehmen KI und Robotik „begeistert“ eingesetzt würden. „Auch bei uns im Konzern wollen die Mitarbeiter in den chinesischen Fabriken alles als Erste ausprobieren.“ Auch bestätigt er die „ strategisch“ entwickelte Stromerzeugung in China, weil es „in alle Energieformen investiert, in Nukleartechnik, Kohle, Gas und sehr viel in Erneuerbare, viel mehr als jeder andere Staat auf der Welt. Außerdem hat China ein gutes Stromnetz.“

Die Erkenntnis, dass solche Kooperationen bei weiter verschlechterten politischen Beziehungen vielleicht unmöglich werden könnten, wurde uns indirekt von Professor Zhou Rong bestätigt, einem Mitglied des durch die Privatindustrie finanzierten, international vernetzten GrandView-Think Tank. Er erklärte rundheraus, dass China die Abhängigkeit vom Weltmarkt bereits stark reduziert habe. Die Zeiten, in der die DDR und dann die Bundesrepublik wichtige Partner für China waren, seien vorbei. Heute sei der Handel mit Vietnam bereits umfangreicher.

Prof. Ding Yifan, ebenfalls Mitglied des GradView-Think Tanks, fügte hinzu, dass das Land heute weltweit das einzige sei, das alle Lieferketten für den Eigenbedarf selbst sicherstellen könne. Dies habe die seit 1979 durch die Öffnung der Wirtschaft für Privatunternehmen durch Deng Xiao Ping in widersprüchlichen Etappen ermöglicht. Das System sei aber durchaus eine „sozialistische Marktwirtschaft“. Der Staat unterhalte die größten Unternehmen und schaffe die Infrastruktur. China produziere bereits 2,5 mal so viel Strom wie die USA. Die für Dynamik sorgende Privatwirtschaft werde streng reguliert, insbesondere die Auslandsbeziehungen. Drohe Monopolbildung, könne der Staat Unternehmen übernehmen. Er werde auch die Kontrolle über die Währung behalten. China strebe nicht an, sein System anderen Staaten überzustülpen. Seine Handelspolitik ist nicht in erster Linie politisch ausgerichtet. Obwohl man Israels Politik ablehne, handele man mit dem Land – allerdings nicht mit Waffen.

Leider enthielt unsere Chinareise keine Einblicke in die ländlichen Lebensbedingungen und die Agrarwirtschaft. Die Reiseleiter bestätigten jedoch, dass die Unterschiede zwischen der industriell-urbanen und der Entwicklung auf dem Lande groß seien. Deshalb hat die Staatsführung neuerdings die Unternehmen verpflichtet, einen eigenen Beitrag zur Entwicklung der ländlichen Regionen zu leisten.

Vor allem wegen solcher Verordnungen ist China aus westlicher Sicht ein autoritärer Staat. Uns erschien es aber zum Beispiel gar keine schlechte Idee, dass Beamte nach dem Eintritt ins Rentenalter verantwortlich für ihre beruflichen Leistungen bleiben und auch nachträglich für Fehlleistungen zur Verantwortung gezogen werden können. In der chinesischen Gesellschaft gilt die Arbeit weiterhin als verpflichtender Beitrag jedes Einzelnen zur sozialen Entwicklung. Studienabgänger, die keine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit finden, müssen sich selbständig irgendeinen einfacheren Job suchen. Arbeit strukturiert auch die alltägliche Lebenswelt auf eine Weise, die wir als autoritär empfinden. Dass in einer populären Freizeitzone der Altstadt von Luoyang die Lichter um 22 Uhr ausgingen, hielten wir zunächst für einen Stromausfall, wurden aber belehrt, dass es jeden Tag so sei.

Luoyang. Populäres Freizeitviertel in der Altstadt

Selbst im kosmopolitischen Schanghai fuhr die letzte U-Bahn um 23 Uhr. Die Menschen sollen eben morgens ausgeschlafen am Arbeitsplatz erscheinen. Das berüchtigte Punktesystem für gutes, bzw. schlechtes Verhalten war indes nur probeweise in einigen Regionen eingeführt worden. Es existiert nicht mehr. Die Beziehungen mit China wie mit Russland einzufrieren – etwa durch Waffenlieferungen an Taiwan, wie die USA sie zur Zeit leisten – würden der deutschen Wirtschaft einen weiteren großen Schaden zuführen. Vielmehr sollten Wege gesucht werden, aus der Konkurrenzbeziehung in ein Kooperationsverhältnis zu gelangen.

Dieser Artikel erschien etwas gekürzt unter dem Titel Oktoberfest im Industriepark in Der Freitag no. 34 v. 20. 8. 2026, S. 8.

Siehe auch Teil 1



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