Unbewältigt: Antisemitismus in Polen

Sabine Kebir
Unbewältigt: Antisemitismus in Polen
Deportation polnischer Juden aus dem Ghetto Siedlce nach Treblinka (August 1942) | Quelle | CC BY-SA 3.0

Die polnische Regierung reagiert zurecht empört, wenn Auschwitz, das »deutsche Konzentrationslager in Polen«, mitunter als »polnisches Konzentrationslager« bezeichnet wird, schließlich wird die deutsche Verantwortlichkeit so verschleiert. Um dem zu begegnen hat sie im März letzten Jahres ein Gesetz auf den Weg gebracht, das solche Äußerungen unter Strafe stellt. Die Regierung unter Ministerpräsident Mateusz Morawiecki von der nationalkonservativen Partei Recht und und Gerechtigkeit (PiS) ging aber gleich so weit, jede Unterstellung einer Mitverantwortung polnischer Bürgerinnen und Bürger sowie der Exilregierung in London an der Shoa prinzipiell zu untersagen, was zu internationaler Kritik, nicht zuletzt von seiten Israels an dem sogenannten Holocaustgesetz führte. Im Juni wurden die entsprechenden Artikel des Gesetzes dann zurückgenommen.

Die polnische Regierung reagiert zurecht empört, wenn Auschwitz, das »deutsche Konzentrationslager in Polen«, mitunter als »polnisches Konzentrationslager« bezeichnet wird, schließlich wird die deutsche Verantwortlichkeit so verschleiert. Um dem zu begegnen hat sie im März letzten Jahres ein Gesetz auf den Weg gebracht, das solche Äußerungen unter Strafe stellt. Die Regierung unter Ministerpräsident Mateusz Morawiecki von der nationalkonservativen Partei Recht und und Gerechtigkeit (PiS) ging aber gleich so weit, jede Unterstellung einer Mitverantwortung polnischer Bürgerinnen und Bürger sowie der Exilregierung in London an der Shoa prinzipiell zu untersagen, was zu internationaler Kritik, nicht zuletzt von seiten Israels an dem sogenannten Holocaustgesetz führte. Im Juni wurden die entsprechenden Artikel des Gesetzes dann zurückgenommen.

Die Diskussion über die Rolle des Antisemitismus in Polen und die Frage der Mittäterschaft bei der Vernichtung der Juden ist damit aber noch lange nicht erledigt. Jüngst sorgte ein antisemitisches »Judasgericht« in der ostpolnischen Kleinstadt Pruchnik für Schlagzeilen. Am Karfreitag war eine Puppe, die klischeehaft als Jude gestaltet war, zunächst durch die Straßen getrieben und schließlich geköpft und verbrannt worden. Das Publikum jubelte. Studien, die belegen, dass polnische Hilfspolizisten während der deutschen Besatzung vor allem in kleineren Ortschaften aus eigener Initiative bei der Jagd nach Jüdinnen und Juden geholfen haben, stoßen in der Öffentlichkeit oft auf gereizten Widerstand.

Falsch wäre es aber, das historische Problem des Antisemitismus in Polen als dumpfe Konstante einer pauschalisierten Volksseele darzustellen. Historische Quellen zeigen vielmehr, dass der Antisemitismus als ethnisches Hierarchisierungsmittel zur kolonialen Unterdrückung Polens sowohl durch den russischen Zaren als auch durch die Nazis gefördert und instrumentalisiert wurde. Das geschah allerdings auch durch Teile der politischen Klasse des jungen polnischen Nationalstaats. Insofern sind die Kräfte, die in Polen Macht ausübten, von zumindest indirekter Mitverantwortung an der Shoa nicht freizusprechen.

Die weitverbreitete Annahme, dass es unter der Zarenherrschaft ausschließlich schlechte Beziehungen zwischen Polen und Juden gegeben habe, widerlegt der 1907 in Galizien (Österreich-Ungarn) geborene Historiker Isaac Deutscher. Er wurde von seinem Vater angehalten, sich die deutsche Sprache möglichst perfekt anzueignen, dichtete als Jugendlicher aber viel lieber auf polnisch – und das, obwohl er während der allerersten Woche des wiedergeborenen Polen, als Galizien infolge der Auflösung Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg Teil des neuen polnischen Staates wurde, drei Pogrome erlebte: »Auf diese Weise hat uns die polnische Unabhängigkeit begrüßt.«1 Deutscher betont, dass der Judenhass im jungen Polen ein Erbe des Zarismus war, der die fehlende soziale Integration der verschiedenen Volksgruppen in den Griff bekommen wollte, indem er diese gegeneinander aufhetzte. Die große Mehrheit der Juden lebte in verzweifelter Armut. Die junge Sowjetunion wollte, wie Deutscher schreibt, »die sogenannte ›Produktivierung‹ der Juden durchsetzen, sie in Fabrikarbeiter und Bauern, in zeitgemäße Arbeitskräfte verwandeln«. Diese aber nahmen die mit erheblichen Investitionen des Staates plötzlich aufoktroyierten neuen Lebensformen kaum an. Viele nahmen hingegen die ihnen nun offenstehenden Bildungsangebote wahr und integrierten sich in die entstehende Partei- und Verwaltungsbürokratie, was zu einer neuen Form von antikommunistischem Antisemitismus führte.2

 

Luftmenschen

Eine Übersicht über die Lage der Juden in Polen, die in etwa einen Bevölkerungsanteil von zehn Prozent ausmachten und vor allem im ehemals russischen Teil des Landes im Südosten lebten, gab die Journalistin Ilse Stöbe im August 1938 in einem Artikel, der in der Schweizerischen Thurgauer Zeitung erschien. Stöbe, die sich seit 1933 in Warschau aufhielt und auch als Mitarbeiterin des sowjetischen Miltärgeheimdienstes GRU tätig war, beschreibt die soziale Situation als katastrophal.3 Von den 3,5 Millionen polnischen Juden war laut Stöbe nur etwas über eine Million erwerbstätig. Zu diesen gehörten etwa 250.000 Handwerker und 90.000 Angestellte. Der Rest beschäftigt sich mit Handel aller Art, ebenso wie sich Hunderttausende der als berufslos Registrierten von Handel und Vermittlung zu ernähren versuchen. »Die jüdischen Arbeiter jedoch leben auf einem geringeren Niveau als die polnischen Arbeiter und die jüdischen Händler vollends sind mit normalen Kaufleuten auch nicht entfernt zu vergleichen.« Die Straßen der Städte und Dörfer seien voller »Luftmenschen«, eine Bezeichnung, die auch im alten Russland für »verelendete Gestalten, die von der Luft zu leben scheinen« üblich war. »Dies sind die Unmassen junger und älterer Juden, denen jede Aussicht auf einen normalen Erwerb versperrt ist, und die mit Gewalt versuchen, sich als Verkäufer von zwei Knollen Knoblauch, als Reiseführer von Straße zu Straße, als Gepäckträger einer Aktentasche, als Sammler von Lumpen oder als Berater beim Ankauf von zwei Semmeln in die Ritzen des gesellschaftlichen Lebens einzuzwängen.«

Neben der sozialen Situation wies Stöbe auch auf die Bildung hin. Ein Großteil der polnischen Juden, deren Bevölkerungsanteil im Südosten mitunter bis zu 40 Prozent ausmachte, besuchte keine staatlichen Schulen, sondern lediglich Talmudzirkel. Diese orthodoxen Juden seien dem polnischen Staat »stets am sympathischsten gewesen; denn sie sind bequem zu überwachen.« Andere seien zionistisch orientiert und eine »beträchtliche Minderheit versucht, unter Aufgabe der jüdischen Tradition in den Körper des Staatsvolks einzugehen.«

Der Gründung des polnischen Staates begegneten viele nun polnische Juden vor dem Hintergrund der Unterdrückung durch den Zarismus mit Hoffnung. Und in der Tat war der Staatsgründer Joseph Pilsudski (1867–1936), der ehemalige Führer der Polnischen Sozialistischen Partei, kein Antisemit. Der Bund, die Partei der jüdischen sozialistischen Arbeiter Gesamtrusslands, hatte an der Seite der polnischen Sozialisten den Zarismus be- und für die Schaffung des polnischen Staates gekämpft. Auch gab es Juden unter den Generälen der polnischen Armee. Stöbe war der Meinung, dass dadurch sowie durch die Verfassung von 1921 dem »behördlichen Antisemitismus« zunächst wenig Raum gegeben war. Das änderte sich allerdings, genährt durch die Propaganda der Rechtsparteien, bereits wenige Jahre nach der Gründung des Staates. Es waren vor allem die nicht bewältigten sozialen Probleme, die den Antisemitismus wieder zum politischen Instrument werden ließen. Obwohl Pilsudski selber »kein judenfeindliches Wort über die Lippen kam«, wie Stöbe schreibt, war die polnische Innenpolitik ab Anfang der 1930er Jahre zunehmend antisemitisch. Die Rechte machte die Juden für die ökonomische Krise Polens verantwortlich und trieb den seit 1926 autoritär regierenden Pilduski vor sich her. Nach dem Tod Pilsudskis im Mai 1935 kam das »Lager der Nationalen Einheit« an die Macht. Nun setzte eine Verdrängung der Juden aus den Verwaltungen sowie der Industrie und Wirtschaft ein, und es kam auch wieder zu offenen Pogromen. Allein zwischen 1935 und 1937 wurden 79 jüdische Bürger getötet. Ilse Stöbe zitiert aus einem Papier des »Lagers der nationalen Einheit«: »Die Einwirkung der vollkommen andersartigen Zivilisation und der fremden jüdischen Kultur ruft schon in der Berührung einen zersetzenden Einfluss auf die polnische Seele hervor und zerstört ihren Idealismus und ihre Fähigkeit zu romantischen Handlungen.«

Am 1. September 1939 wurde Polen Opfer des deutschen Aggressionskrieges. Die Nazis wollten die 1918 entstandene polnische Nation vernichten. Kaum noch ist bekannt, dass nicht nur ihr jüdischer Teil ausgelöscht werden sollte. Programmatisch verkündet und systematisch in die Tat umgesetzt wurde auch die Ermordung der nichtjüdischen Intellektuellen bis hin zu den Lehrern, weil dem polnischen Menschen künftig nur eine Existenz als Arbeitssklave für deutsche Bauern zugedacht war. Zehntausende polnische Bauern wurden von ihren Höfen vertrieben, um dort Deutsche anzusiedeln. Vertriebene Polen wiederum bemächtigten sich der Wohnungen und Besitztümer deportierter Juden. Wie in allen besetzten Ländern bekamen Menschen, die Juden denunzierten, eine Geldprämie. So wurde das bereits existierende hierarchische Verhältnis zwischen den Volksgruppen noch vertieft.

 

Jeder Passant ein Feind

Über das entsetzliche Verhältnis, das zwischen Juden und Polen unter deutscher Besatzung herrschte, gibt das in Israel aufbewahrte Tagebuch der Partisanin Justyna Auskunft, die zur jüdischen Widerstandsgruppe im Krakauer Ghetto gehörte.4 Die Mitglieder hatten kaum Hoffnung, zu überleben, wollten aber nicht passiv ihre Deportation abwarten. So führten sie Anschläge aus und unterhielten Beziehungen zum jüdischen Widerstand bis nach Warschau. Nicht nur das Verlassen des Ghettos, auch die Nutzung von Verkehrsmitteln stand für Juden unter Todesstrafe. Dennoch nutzten die Krakauer Kämpferinnen und Kämpfer auch die Bahnverbindungen. Anders als in Deutschland, wo Juden den gelben Stern tragen mussten, waren sie in Polen zum Tragen einer noch auffälligeren Armbinde verpflichtet. Schon das außerhalb des Ghettos notwendige Abstreifen der Armbinde war ein schwieriges Unterfangen:

»Wenn einer bemerkte, dass diese weiße symbolische Armbinde herunterrutschte, lieferte er den Menschen ohne Umschweife den Händen der Polizei aus.« Auch, wer äußerlich nicht jüdisch wirkte, konnte sich leicht verraten, »durch den Mangel an Dreistigkeit, Selbstsicherheit, durch den Akzent der Sprache, durch die Art, sich auszudrücken, durch das eigentümliche Verhalten«. Man war Jude »ganz einfach deshalb, weil alle in ihm den Juden sehen wollten, weil alle ihn hetzen wollten und es nicht vertragen konnten, dass er vor dem Tode floh. (…) Bevor er also bis zu der ersten Bahnstation vorgedrungen war, hatte er bereits eine ganze Reihe von Kämpfen hinter sich, die mit dem Blick geführt worden waren, eine Reihe wortloser Kraftproben mit dem Feind, der in jedem Passanten versteckt war, nicht selten einige Auseinandersetzungen mit Erpressern, so, dass dann in der Tasche kaum Geld genug für eine Reise in das nächste Städtchen übrigblieb. Und wenn er endlich bis zu der ersehnten Bahnstation gelangt war, befand er sich plötzlich unter Beschuss von Blicken uniformierter Leute. Man setzte zahlreiche Polizeiformationen nur zu dem Zwecke in Bewegung, verkappte Juden zu verfolgen. Dazu kamen Geheimpolizisten, Deutsche, Ukrainer, unter denen die Stammverwandten der faschistischen Elemente die erste Geige spielten. Wieviel kaltes Blut musste man da bewahren, um stolz erhobenen Hauptes durch die Bahnhofshalle zu gehen, zudringliche Blicke der Geheimen scharf abzuweisen und sich mit Zungenfertigkeit in einen Wagen hineinzudrängen? Und da begann erst die Herrschaft dieser Meute.« Denn niemals habe man »unangenehmen Gesprächen aus dem Wege gehen« können, Gesprächen über Juden. »Dass es ihnen recht geschähe, dass es schon die höchste Zeit wäre, (…) dass sie flüchteten, aber glücklicherweise ergriffen würden, dass sie ihr Geld mitnehmen wollten, aber man es ihnen Gott sei Dank abgenommen hätte … Gerede, gemeine Verleumdungen, niederträchtige Lügen und vor allem Freude, eine niedrige, geradezu wilde, tierische Freude darüber, dass Hunderttausende Kinder, Frauen und Greise zugrunde gingen. Wie Hyänen, die nach Aas ausspähen, warteten sie auf die jüdische Habe, auf die herrenlos zurückgelassenen Häuser, um sich auf sie zu stürzen und zu rauben, zu plündern.« Bei solchen Gesprächen dufte kein Muskel im Gesicht zucken. Denn wer »Empörung verriete oder Schmerz, ho ho, dann musste er bestimmt ein Jude sein. (…) Für die Polen war eine Zugfahrt eine unbequeme Erfahrung, doch für Juden war jeder Schritt außerhalb des Stacheldrahts ein Lauf durch einen Geschosshagel.«

Dennoch gab es von polnischer Seite auch Solidarität. Die Liste der Gerechten unter den Völkern in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem nennt 6.992 Polen. Sie stellen damit mit Abstand die größte Gruppe dar, die jüdischen Menschen während des Faschismus halfen und sie versteckten. Die Solidarität polnischer Bürger für jüdische Bürger ist um so höher zu bewerten, weil Polen das einzige der besetzten Länder war, in dem die Todesstrafe für solidarische Handlungen mit Juden galt.

 

Ambivalente Positionen

Was für einzelne Bürger galt, galt aber nicht für den polnischen Widerstand. Die Zusammenarbeit mit jüdischen Gruppen gelang nur punktuell, auch weil auf polnischer Seite starke antisemitische Tendenzen vertreten waren. Die Exilregierung in London, in der Parteien mit antisemitischer Vergangenheit dominierten, rang sich erst im Dezember 1942 zur Bildung eines Hilfsrats mit dem Decknamen Zegota durch, der sich sowohl für die Rettung von Juden als auch für die Unterstützung jüdischer Widerstandsgruppen engagierte.5

Dass sich die Exilregierung ambivalent verhielt, zeigt eine Verlautbarung von Roman Knoll, dem Direktor der Kommission für auswärtige Beziehungen, vom August 1943. Er geißelt zwar die »Massenmorde an Juden« als »monströse Verfolgungen«, entwirft aber ein unfreundliches Bild des erwarteten Nachkriegsverhältnisses von Polen und Juden, deren »letztendliche Rückkehr (…) an ihre Arbeitsplätze und Betriebe, wenn auch in erheblich reduzierter Anzahl, völlig außer Frage steht. Die nicht-jüdische Bevölkerung hat die freigewordenen Plätze der Juden in den Orten und Städten in ganz Polen besetzt, und dies brachte grundsätzliche Veränderungen mit sich, die eine endgültige Qualität haben. Eine Massenrückkehr der Juden würde von der Bevölkerung nicht als eine Wiederherstellung des alten Zustands betrachtet werden, sondern als Invasion, gegen die sie sich wehren würde, sogar mit körperlichen Mitteln.« Höchste Brisanz erhält dieses Statement durch Knolls Bemerkung, dass die jüdische Problematik »früher als eine rein interne Angelegenheit« betrachtet wurde, in »der Realität aber war sie immer ein internationales Thema.« Er zeigt sich optimistisch, dass sich die internationale Gemeinschaft des »Anliegens« der Juden annehmen und Polen von der Verantwortung für seine jüdischen Bürger entlastet werde.6

So entsetzlich diese Projektion war, sie realisierte sich im wesentlichen. Im Juli 1946 kam es zum Pogrom von Kielce, bei dem 40 Juden ermordet und 80 verletzt wurden. Kurz zuvor, im Januar 1946, zitierte Isaac Deutscher, der im April 1939 nach Großbritannien emigriert war, aus einer während des Krieges erschienen polnischen Zeitung: »Die Nazis lösen das jüdische Problem zu unseren Gunsten auf eine Art und Weise, wie wir es niemals hätten lösen können.« Er konstatierte, dass von der Inbesitznahme jüdischer Läden und Wohnungen »die verkommensten, gierigsten und gewissenlosesten Elemente« profitierten, ein »Lumpenproletariat, das über Nacht zur Lumpenbourgeoisie« wurde.7 Der Marxist Deutscher sah 1946 in diesen Elementen den Keim der Kräfte, die auf eine »osteuropäische Konterrevolution« zuarbeiten würden.

 

Anhaltendes Erbe

Obwohl die Zusammenarbeit des jüdischen Widerstands noch am ehesten mit kommunistischen Gruppen funktioniert hatte, fanden auch die regierenden polnischen Kommunisten keine kohärenten Lösungen für die gesamtnationalen Probleme, auch nicht für den ererbten Antisemitismus. Immer wieder kam es zu jüdischen Ausreisewellen, unter anderem, weil die Kritik an der Politik Israels oft mit antisemitischen Klischees unterfüttert wurde – so 1968 als Wladyslaw Gomulka die polnischen Juden als »Feinde des polnischen Volkes« bezeichnete und zahlreiche Juden aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei ausgeschlossen wurden.

Nicht zuletzt die Debatte über das sogenannte Holocaustgesetz des vergangenen Jahres und die darum geführte Debatte offenbarte, wie virulent der Antisemitismus in Polen auch noch heute ist. Die Diskussion in Polen ist im wesentlichen durch eine nationalistische Schuldabwehr gekennzeichnet. Bis sich die polnische Gesellschaft offen mit der Beteiligung polnischer Bürger an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden befasst, scheint es noch ein weiter Weg zu sein.


* Der Artikel erschien unter dem Titel Unbewältigtes Problem. Der Antisemitismus hat in Polen eine lange Tradition. Die Frage der Beteiligung polnischer Bürger an der Shoah führt bis heute zu Diskussionen in Junge Welt v. 20. Juni 2019, S. 12-13.

  • 1. Zit. n. Eike Geisel/Mario Offenberg: Die gegenwärtige Vergangenheit. Zur Aktualität von Isaac Deutschers Schriften zur jüdischen Frage. Nachwort zu: Isaac Deutscher: Die ungelöste Judenfrage. Zur Dialektik von Antisemitismus und Zionismus, Rotbuch Verlag, Berlin 1977, S. 114
  • 2. Isaac Deutscher: Die Russische Revolution und das jüdische Problem (1964). In: Ders.: Die ungelöste Judenfrage, a. a. O., S. 40
  • 3. Stöbes Artikel erschien als dritter Teil einer Serie: »Die Minderheiten in Polen«. Eine Reproduktion des Artikels findet sich in: Hans Coppi/Sabine Kebir: Ilse Stöbe: Wieder im Amt. Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße, Hamburg, 2015, S. 214–223. Zu Kriegsbeginn wurde Stöbe zusammen mit deutschen Diplomaten aus Polen evakuiert. Sie erhielt eine Anstellung im Auswärtigen Amt, von wo aus sie wichtige Nachrichten über die Kriegsvorbereitungen gegen die Sowjetunion an Moskau weitergab. 1942 wurde sie enttarnt, verhaftet und in Plötzensee hingerichtet.
  • 4. Gusta Davidson-Draenger: Das Tagebuch der Justyna. In: Jochen Kast/Bernd Siegler/Peter Zinke: Das Tagebuch der Partisanin Justyna. Jüdischer Widerstand in Krakau, Berlin 1999, S. 30–32. Die auf Toilettenpapier geschriebenen Aufzeichnungen wurden unterm Boden von Justynas Zelle im Kraukauer Frauengefängnis gefunden, wo sie 1943 ermordet wurde.
  • 5. Jochen Kast/Bernd Siegler/Peter Zinke: Polnische Solidarität mit Jüdinnen und Juden. In: ebd., S. 252 f.
  • 6. Zit. n. ebd., S. 206
  • 7. Isaac Deutscher: Überreste einer Rasse. In: Die ungelöste Judenfrage, a. a. O., S. 56. Deutscher machte keine näheren Angaben zu der zitierten Zeitschrift.
Personen: 
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