Susann Witt-Stahl: jüdischer Selbsthass

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Susann Witt-Stahl
Susann Witt-Stahl: jüdischer Selbsthass

Mit einiger Sorge wird hierzulande die vermeintliche Existenz einer mysteriösen Gestalt beklagt. Droht derzeit eher wenig Gefahr vom Gespenst des Kommunismus, treibt offenbar umso mehr der „selbsthassende Jude“ sein Unwesen. Der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky tut es, die Journalistin Naomi Klein, ebenso der israelische Historiker Moshe Zimmermann. Die Liste der jüdischen Übeltäter ist lang – alle gehören zur kritischen Intelligenz.

Vor allem in den Niederungen der sozialen Medien und Kommentarspalten finden sich allerlei Pathologisierungen von jüdischen Linken, von denen in finsteren Zeiten sicher nicht wenige als »jüdisch-bolschewistische Weltverschwörer« gebrandmarkt worden wären: »Selbsthassende Juden trauern«, kommentierte der Betreiber einer Facebook-Seite namens »Antigerman Alliance« eine Todesanzeige von jüdischen und anderen Freunden des 2016 verstorbenen Menschenrechts- und Friedensaktivisten Rupert Neudeck zynisch. Ein unter dem Pseudonym »Josef Preiselbauer« firmierender Blogger hegt gleich gegen eine ganze Gruppe den schlimmen Verdacht: Die von kritischen Israelis gegründete Jüdische Antifa Berlin sei nicht nur von Selbsthass angetrieben, meint er, sondern verteidige eine verbrecherische Ideologie: »Oftmals steckt hinter so genannter Israelkritik nichts anderes als versteckter Antisemitismus.«

Mittlerweile bedienen sich auch die Redaktionen renommierter Tageszeitungen dieser Schmähung dissidenter Juden: „Ausgerechnet ein israelischer Jude“, Moshe Zuckermann, „der kein gutes Haar an seinem Heimatland“ lasse, sei „Kronzeuge“ der Israelboykott-Bewegung, empört sich Hans Riebsamen, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und präsentiert anstelle von Beweisen für seine gewagte Behauptung seine eigenen Kronzeugen: Anonyme „Gegner“ Zuckermanns, die angeblich „,jüdischem Selbsthass´, ein in der jüdischen Gemeinschaft bekanntes Phänomen“, bei dem Marxisten wahrgenommen haben wollen. Zuckermann ist nicht der einzige jüdische Intellektuelle, der Riebsamen unangenehm aufgefallen ist: Als der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler 2012 in Frankfurt der Adorno-Preis verliehen worden ist, habe es schon einmal „Ärger mit einer Jüdin“ gegeben.

Der „selbsthassende Jude“ − was ist das überhaupt für eine Spezies? Was schon seit Ende des 19. Jahrhunderts durch Gazetten und andere Schriften im Deutschen Reich ventiliert wurde, goss der jüdische Philosoph Theodor Lessing in seiner 1930 veröffentlichten Schrift „Der jüdische Selbsthass“ in eine völkische Theorie. Lessing analysierte das Problem als ein nicht „nur jüdisches Thema“, sondern als „Phänomen des gesamten Menschengeschlechtes“. Es habe seinen Ursprung in der Fähigkeit des Homo sapiens zur Erkenntnis des Negativen im Leben; seine Wertvorstellungen enthielten stets auch den „Willen zum Gegen-Ich“.

Ein „Sonderfall“ sei der „jüdische Selbsthass“, meinte Lessing. Dieser habe seinen Grund in der Zerstreuung und „Naturentfremdung“ des jüdischen Volkes in der Diaspora: „Die Juden also verband statt der gemeinsamen Erde das gemeinsame Gesetz; nicht die lebende Animalität, sondern die Setzung des Geistes. Das ist der Kern alles jüdischen Schicksals“, so Lessing weiter. Hinzu kämen die strengen Gerechtigkeitsprinzipien der jüdischen Religion: „Es ist das Verhängnis des Judentums (soweit es eine nur ethische Gemeinschaft ist) bis ans Ende seiner Tage unter der Zuchtrute eines Gesetzes leben zu müssen, welches in Wahrheit kein Mensch (also nicht nur kein Jude), vorausgesetzt, dass er ein völlig wahrhaftiger Mensch ist, je völlig erfüllen kann. Es gibt keinen Gerechten!“

Lessing konstruierte eine fragwürdige Dualität zwischen „jüdisch“ und „deutsch“ und erklärte den Selbsthass von Juden als Abwehr des eigenen Volkstums in der vergeblichen Hoffnung, dem deutschen angehören zu können. Ganz anders als jüdische Intellektuelle des 19. Jahrhunderts, etwa Heinrich Heine, und jüdische Internationalisten, forderte er die Juden auf, sich von ihrer Vergeistigung zu lösen und auf das Judentum als „ewiges Volk“ zurückzubesinnen.

Der 1933 in die USA immigrierte deutsch-jüdische Sozialpsychologe Kurt Lewin betrachtete den „jüdischen Selbsthass“ als weltweit verbreitetes kollektives Problem. Die Ursache sei in der gesellschaftlichen Benachteiligung und Diskriminierung von Juden zu suchen. „Im Falle der unterprivilegierten Gruppe bedeutet das, dass ihre Meinung über sich selbst stark durch die geringe Achtung, die ihnen von der Mehrheit entgegengebracht wird, beeinflusst wird. Eine solche Einwirkung auf die Werte und Ansichten der Instanz, die Maurice Pekarsky (Gatekeeper) (Pförtner) genannt hat, erhöht notwendigerweise die Tendenz eines Juden mit negativer Haltung, sich von allen jüdischen Dingen loszusagen“, schrieb Lewin in seiner Abhandlung „Selbsthass unter Juden“ von 1941. „Je typischer jüdische Menschen sind oder je typischer ein kulturelles Symbol oder ein Verhaltensmuster für das Judentum ist, umso verabscheuungswürdiger werden sie dieser Person vorkommen.“

Die Thesen von Lessing und Lewin werden heute einfach willkürlich auf jüdische Oppositionelle in Israel projiziert und die Verantwortung ihrem mutmaßlich heimlichen Verbündeten und erklärten Todfeind der „westlichen Zivilisation“ zugeschrieben – dem Moslem: „Schließlich ist auch die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass Gruppierungen in der israelischen Gesellschaft entstehen, die ein politisch selbstmörderisches Programm entwickeln und die Projektionen der Palästinenser zu den ihren machen“, unterstellt der sich der Israelsolidarität verpflichtet fühlende Wiener Publizist Gerhard Scheit mit küchenpsychologischen Eifer. „Wer diese Möglichkeit leugnet, unterschätzt den Antisemitismus. Denn was gewöhnlich mit der Phrase vom jüdischen Selbsthass mystifiziert wird, ist für die vom Antisemitismus Betroffenen eine reale Gefahr: dem Antisemitismus im Inneren nachzugeben.“ Drastischer drückt es der Schweizer Autor David Klein, ein rechter Zionist, aus: „Muslime, die Nazis von heute!“ verlautbarte er auf Facebook (eine Aussage, die er auf Druck der Öffentlichkeit und eines Gerichtsverfahrens wegen Verletzung der Antirassismus-Strafnorm widerrufen hat) und bescheinigte israelkritischen Juden („selbstgeißelnde Gebrauchsjuden“) eine „Hochkonjunktur“ des Selbsthasses, die er in der Tradition der „nationalistischen Loyalitätsbekundungen von Juden gegenüber dem NS-Regime“ wähnt.

Lessing hatte sein Buch über den „jüdischen Selbsthass“ in der Abenddämmerung der Weimarer Republik veröffentlicht. Er war geprägt von der eigenen jüdischen Erfahrung eines virulenten Antisemitismus und Blut-und-Boden-Nationalismus, aber auch beeinflusst von einem durch reaktionäre völkische Ideologie getragenen Zeitgeist. Kurt Lewin publizierte seine Studien während der Genozid an den europäischen Juden bereits in vollem Gange war. Beide analysierten den „jüdischen Selbsthass“ also in einer Zeit, als Juden dem zunächst militanten, bald eliminatorischen Antisemitismus ausgesetzt waren, es noch keinen wehrhaften jüdischen Nationalstaat und der Prozess der Selbsterschaffung des von Max Nordau als „Muskeljuden“ charakterisierten „neuen Juden“ noch nicht vollzogen war. Lessings und Lewins Beobachtungen einfach auf Juden heute zu übertragen, ist bestenfalls Scharlatanerie: Rund 43 Prozent sind Bürger eines Staates, der seit seiner Gründung 1948 ausschließlich von Juden regiert wird und eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt unterhält, die atomar gerüstet ist; die überwältigende Mehrheit der diasporischen Juden lebt in weitgehend sicheren Ländern, in denen antisemitische Hetze strafrechtlich verfolgt, zumindest gesellschaftlich geächtet ist.

Eine aus dem historischen Kontext gerissene Rezeption von Lessings und Lewins „jüdischem Selbsthass“ hat in der Gegenwart, in der Deutschland neben den USA der engste Verbündete des Judenstaates ist, wenig Erkenntniswert, aber viel Potenzial als Leitmotiv der sich zunehmend wieder ausweitenden demagogischen Praxis der Gleichsetzung von jüdischen Sozialisten mit Faschisten.

„Der bedeutendste jüdische Selbsthasser kommt in Lessings Studie zum jüdischen Selbsthass nur am Rande vor: Karl Marx, Enkel eines Rabbiners und Sohn eines zum Protestantismus konvertierten jüdischen Rechtsanwalts“, bedauerte der neokonservative jüdische Publizist Henryk M. Broder in „Die Welt“. Wolf Biermann hat Marx sogar als Stichwortgeber des größten Menschheitsverbrechers ausgemacht, er zitiert einen der am häufigsten fehlinterpretierten Sätze der 43 Bände Marx-Engels-Werke – „Wer den Kapitalismus bekämpfen will, muss beim Juden anfangen“ (eine Aufforderung zur Emanzipation, nicht zur Judenverfolgung) − und kommt zu dem Schluss: „Genosse Hitler hielt sich an diese orthodox marxistische Reihenfolge.“

Moshe Zuckermann kommentiert derartige antilinke Reflexe mit beißendem Sarkasmus: Das, was von Rechten bei jüdischen Intellektuellen als „jüdischer Selbsthass“ identifiziert werde, sei „ganz und gar, pur gegen sie gerichteter, und zwar vollkommen berechtigter Hass“. SUSANN WITT-STAHL

Der Artikel erschien in der Printausgabe 3/2017  und als ePaper 7/2017 von KUNSTUNDKULTUR, der kulturpolitischen Zeitschrift von Ver.di.

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