Democracy Now! -- Honduras: "Im Exil zu sein, ist Folter"

Manuel Zelaya über seine Zeit im Ausland, Straflosigkeit und die Wahlen 2013 (Teil 2)
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Democracy Now!
Übersetzung: Zmag

Im Juni 2009 wurde Zelaya mit vorgehaltener Waffe entführt und in ein Flugzeug nach Costa Rica gesetzt. Verantwortlich waren auch zwei in den USA ausgebildete Generäle.

Amy Goodman: Wir setzen heute unsere Berichterstattung über die historische Rückkehr des ehemaligen honduranischen Präsidenten Manuel Zelaya fort. Am 28. Juni 2009 wurde er von vermummten honduranischen Soldaten mit vorgehaltener Waffe in ein Flugzeug gebracht und nach Costa Rica geflogen - mit Zwischenlandung auf einem US-Militärstützpunkt in Honduras (Palmerola). 

Dutzende Bauern, Lehrerinnen und Lehrer und Journalisten wurden in den beiden Jahren seit dem Putsch ermordet. In dieser Woche schickten 87 US-Kongressabgeordnete US-Außenministerin Hillary Clinton einen Brief, mit dem sie die Aussetzung der US-Hilfen für das honduranische Militär und die honduranische Polizei fordern, bis Mechanismen eingeführt worden seien, die gewährleisteten, dass (honduranische) Sicherheitskräfte für Misshandlungen zur Verantwortung gezogen werden können. 

Nach fast zwei Jahren im Exil konnte Präsident Zelaya an diesem Wochenende mit seiner Familie nach Honduras zurückkehren. Zehntausende Sympathisanten begrüßten ihn bei seiner Ankunft in der Hauptstadt Tegucigalpa. 

Ich besuchte den ehemaligen Präsidenten Zelaya am Sonntag in seinem Haus. Meine erste Frage bezog sich auf den Aufruf der 87 US-Kongressabgeordneten (an Hillary Clinton). Die Abgeordneten wollen, dass die Unterstützung der USA für das honduranische Militär – angesichts von gravierenden Menschenrechtsverstößen – gestoppt wird. Ich fragte Zelaya, ob er damit einverstanden sei.

Manuel Zelaya: Ich bin für keine Aktionen, die mit Gewalt einhergehen. Ich bin auch gegen die Todesstrafe. Ich bin gegen Krieg. Ich bin gegen die Folter – die ja an allen möglichen Orten der Welt praktiziert wird. Und ich bin ganz sicher nicht für Aufrüstung und Militarismus. Ich habe nichts gegen Sicherheitskräfte und Kräfte der Verteidigung – es ist notwendig, dass es sie gibt Doch Gewalt ist immer das schlechteste Mittel, um politische oder soziale Probleme zu korrigieren.

Amy Goodman: Wie sehen Ihre Pläne für den Moment aus?

Manuel Zelaya: Ich bin zurückgekehrt, weil das Abkommen einen Punkt enthält, mit dem (der De-facto-Präsident Porfirio) Lobo sich einverstanden erklärt hat: Es soll freie Wahlen geben und Versöhnung. Wenn es innerhalb der nächsten beiden Jahre freie Wahlen gibt, wird die Bewegung, an deren Spitze ich stehe, sie gewinnen. Ich lade Sie ein: Kommen Sie 2013 hierher und seien Sie Zeugin der Wahlen. Kommen Sie und sehen Sie den Triumph einer Volksbewegung – vorausgesetzt, es gibt freie Wahlen.

Amy Goodman: Noch ein letzter Punkt. Was halten Sie davon, die Planer des Putsches zur Verantwortung zu ziehen? Sind Sie der Ansicht, dass diese bestraft werden sollten?

Manuel Zelaya: Die Gerechtigkeit kennt keine Hemmnisse, die sie daran hindern könnte, vorwärts zu schreiten. Ich habe international gegen die Putschisten geklagt, und diese Sache geht voran. Bei den politischen Verbrechen ging es auch darum, Straffreiheit in Honduras einzurichten. Doch für die Genozide, das Morden in großem Stil, für die Ermordungen und die Folter ist letztendlich die Justiz zuständig.

Amy Goodman: Sind Sie der Ansicht, die sollten bestraft werden?

Manuel Zelaya: Jene, die für die Verbrechen verantwortlich sind, sollten der Gerechtigkeit zugeführt werden.

Amy Goodman: Wie ist es Ihnen am 21. September 2009 gelungen, für vier Monate nach Honduras zurückzukehren?

Manuel Zelaya: Eine Menge Leute haben damals kooperiert. Zwei Tage und eine Nacht waren nötig, dann hatten wir es geschafft. Es gab acht Militär-Checkpoints. Wir benutzten mehrere Fahrzeuge und Doubles von mir. Einen ließen wir in Nicaragua zurück, den anderen in Guatemala. Die Kameras filmten die Doubles, während ich bereits angekommen war. Ich habe mich ins Land geschlichen. Es war eine sehr gut geplante Strategie unserer Seite. Es war zudem eine Notwendigkeit. Ich wollte nach Honduras, um mich mit dem System auseinanderzusetzen und mit dem US-Außenministerium, das im Grunde sehr ambivalent war.

Amy Goodman: Sie haben so oft versucht, nach Honduras zu kommen. Wie fühlt es sich an, endlich wieder zu Hause zu sein?

Manuel Zelaya: Schon die Hälfte meines Stresses ist weg. Im Exil zu sein ist Folter. Ja, es ist Folter. Es ist Folter. Dein Unterbewusstsein fühlt sich sehr seltsam an, wenn du im Exil bist. Alles ist so fremd, und du stehst unter enormem Druck. Dieser Druck ist von mir abgefallen, als ich in Honduras landete - er verschwand automatisch. Ich konnte mich innerlich erholen. Ein Dominikaner – Juan Pablo Duarte – hat einmal gesagt: "Ohne ein Heimatland zu leben, ist ein Leben ohne Würde". So fühlt es sich an im Exil.

Amy Goodman: Soweit Manuel Zelaya, der ehemalige Präsident von Honduras. Wir haben ihn am Sonntag (29. Mai) in seinem Haus in Tegucigalpa interviewt - nach seiner Rückkehr. Wir sprachen mit ihm auch über die Ereignisse am 21. September 2009. Zelaya wurde im Juni 2009 gestürzt. Eine Woche danach versuchte er, zusammen mit dem ehemaligen Chef der UNO-Generalversammlung und ehemaligen nicaraguanischen Außenminister Miguel d"Escoto nach Honduras zu fliegen, doch das honduranische Militär verhinderte die Landung der Maschine auf dem Flughafen von Tegucigalpa, indem es eine Reihe Lastwagen dort postierte. Mehr als 100.000 Menschen hatten sich am Flughafen versammelt und versuchten, zu Zelaya zu gelangen. Das honduranische Militär eröffnete das Feuer. Ein junger Mann wurde getötet. Als Präsident Zelaya am Wochenende zurückkehrte, besuchte er als Erstes den Ort des Gedenkens an Isis Obed Murillo, 19, der damals starb. Er starb eine Woche nachdem Zelaya von vermummten honduranischen Soldaten, morgens um fünf Uhr, mit vorgehaltener Waffe, aus seinem Haus geholt worden war. Einige Monate später, am 21. September 2009, versuchte Zelaya erneut, nach Honduras zurückzukehren. Es gelang ihm zunächst. Bis heute wusste niemand genau, wie er es angestellt hatte. Dass Körper-Doubles eingesetzt wurden, hat er uns eben erst verraten. Er schaffte es bis in die Hauptstadt Tegucigalpa. Dort hielt er sich vier Monate lang in der Brasilianischen Botschaft verschanzt. 

Um mehr über seine Zeit in der Brasilianischen Botschaft (2009) zu erfahren, verweisen wir auf den Bericht von Andrés Conteris, hier, auf unserer Webseite.

Übersetzt von: Andrea Noll (Zmag Deutschland)

Manuel Zelaya

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