Democracy Now! -- "Intervention in Libyen wird die Lage verschlimmern"

Democracy Now sprach mit dem New York Times-Korrespondenten Anthony Shadid über die anhaltenden Luftschläge der NATO auf Libyen
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Democracy Now!

Trotz mehrwöchiger Lufteinsätze von Anti-Gaddafi-Koalition und NATO dauert der Krieg an: Libyen ist militärisch und politisch gespalten, so dass weder mit einem raschen Kriegsende noch mit schnellem politischem Wandel zu rechnen ist. Das liegt auch an der heterogenen Opposition, die kein Programm für ein Libyen nach Gaddafi vorweisen kann. In dieser Situation, so betont der Journalist Anthony Shadid gegenüber Democracy Now! birgt eine militärische Intervention unkalkulierbare Eskalationsrisiken.

Auch knapp drei Wochen nachdem der UN Sicherheitsrat mit der Resolution 1973 eine Flugverbotszone über Libyen verhängte, die der überwiegend westlichen Anti-Gaddafi-Koalition und der NATO weitreichende militärische Lufteinsätze erlaubt, bleibt der Ausgang des Krieges in Libyen offen. Die Truppen Gaddafis haben ihre Strategie der durch die Luftangriffe veränderten Situation angepasst und den Vormarsch der Rebellen gestoppt. Derzeit finden heftige Kämpfe um die strategisch wichtigen Städte Brega und Adschdabija statt. Bei den Rebellen wächst derweil der Unmut über die NATO-Strategie. Neben der Tatsache, dass die NATO versehentlich Rebellenstellungen bombardierte, erwarten die Aufständischen ein entschiedenes Eingreifen der Militärallianz zu ihren Gunsten. Auf (noch) diplomatischer Ebene bereitet die EU derzeit eine Intervention von EU-Battle Groups vor, die in den Krieg eingreifen sollen, wenn ein Mandat der UNO vorliegt.

Im Gespräch mit Democracy Now! analysierte der Korrespondent der New York Times (NYT) Anthony Shadid, der seit über 15 Jahren über den Nahen Osten berichtet, die gegenwärtige Lage in Libyen und in der Region. Shadid war zusammen mit 3 weiteren Journalisten der NYT Mitte März von Milizen des Gaddafi-Regimes verhaftet worden und wurde rund eine Woche u.a. in Tripolis gefangen gehalten. Er und seine Kollegen kamen nach türkischen Vermittlungsbemühungen um den 21. März frei.

Shadid sieht Libyen inmitten eines lang anhaltenden innerstaatlichen Krieges, denn das Land ist nicht nur militärisch, sondern auch politisch und gesellschaftlich tief gespalten. Aufgrund dieser Spaltung unterschieden sich die Entwicklungen grundlegend von denen in den Nachbarstaaten Tunesien und Ägypten: Auf der einen Seite steht in Libyen eine sehr heterogene Opposition, die von liberalen Kräften bis ins radikal-islamistische Spektrum reicht, und die nur ihre Gegnerschaft zu Gaddafi eint. Auf der anderen Seite sei Gaddafi keinesfalls so isoliert und ohne Rückhalt in der Bevölkerung, wie dies von Opposition und Großteilen der (westlichen) Berichterstatter behauptet werde: „Was mich überraschte, waren die Gespräche mit Milizionären und Regierungssoldaten, die uns gefangen hielten. Auch sie glaubten, für die richtige Sache zu kämpfen (...). Sie waren überzeugt, dass sie gegen militante Islamisten und gegen die Al Qaida kämpften. Und viele von ihnen konnten sich ein Libyen ohne Gaddafi einfach nicht vorstellen.“

Zwar seien überall im Land die Spuren von Gaddafis 42-jähriger Herrschaft unübersehbar, dessen Clique unter der Losung der „permanenten Revolution“ die staatlichen Institutionen völlig ausgehöhlt habe. Dennoch sei Libyens Zukunft äußerst ungewiss: „Da ist die Opposition, die nur sehr lose vereint ist, wenn überhaupt. Diese Opposition hat bislang keine Vision [für die politische Zukunft Libyens] entwickelt. Sie tut dies auch nicht, weil sie über die unterschiedlichen Vorstellungen und Ziele innerhalb ihrer Ränge Bescheid weiß. (...) Da ist die Regierung, die (...) an der Macht bleiben will. Ich denke, es gibt zwar Risse und Brüche innerhalb des Regimes, die zu weiteren Machtkämpfen führen könnten (...) Wir stehen vor einem weitreichenden Wandel in dem Land, doch dieser Prozess wird andauern, er könnte noch Jahre andauern.“

Vor diesem Hintergrund warnt Shadid vor einer externen Intervention des Westens, insbesondere der USA: „Es wird den Wunsch geben [mit Truppen] zu intervenieren, wenn die Lage gefährlicher, unübersichtlicher wird und es noch mehr Gewalt gibt. Aber die Intervention selbst wird die Lage sehr wahrscheinlich noch verschlimmern. (...) Denn ausländische Interventionen lösen in diesen Gesellschaften Dynamiken aus, die fast immer nicht-intendierte Konsequenzen mit sich bringen. Das war so im Irak und das passiert jetzt auch in Libyen.“

Weiterführende links:

Democracy Now! 6.4.2011: Freed from Captivity in Libya, Anthony Shadid of the New York Times Recounts Ordeal under Gaddafi’s Forces 

http://www.democracynow.org/2011/4/6/freed_from_captivity_in_libya_anthony

Democracy Now! 31.3.2011: Jeremy Scahill and Ex-DIA Analyst Joshua Foust on "The Dangerous U.S. Game in Yemen" & CIA Ops in Libya

http://www.democracynow.org/2011/3/31/jeremy_scahill_and_ex_dia_analyst

Democracy Now! 29.3.2011: A Debate on U.S. Military Intervention in Libya: Juan Cole v. Vijay Prashad

http://www.democracynow.org/2011/3/29/a_debate_on_us_military_intervention

Text: Björn Aust / Weltnetz.tv

Anthony Shadid

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